Kunst am Körper
Schwarze Linien auf dem Körper
Bild:kiki
Das Homestudio: Ähnlich wie Homeoffice, nur cooler!

Hautkunst. Tattoos sind ein kulturelles Phänomen und werden wahrscheinlich auch immer eins bleiben. Was genau die Faszination an dieser Kunstform ist und warum Menschen sich tätowieren lassen, erfahrt Ihr jetzt. 

Schon seit es den Menschen gibt, der dem ähnelt, was wir als Mensch bezeichnen, modifiziert dieser seinen Körper. Den reinen unangetasteten Körper, wie ihn die Griechen porträtieren, gibt es in der Menschheitsgeschichte eher weniger. Menschen ritzen sich Linien in die Arme und Beine, stechen sich Löcher in Mund, Nase, Ohren oder an andere Stellen und lassen sich mit Farben bemalen. Aber warum machen Menschen das? Sind sie unzufrieden mit der Art, wie sie geboren wurden oder steckt mehr dahinter?  

Menschen sahen schon immer ihre Körper als Repräsentationsfläche. Die verschiedenen Markierungen auf der Haut haben unterschiedliche Bedeutungen, sagen aber etwas über die Person aus. Es ist mehr die Frage nach dem, wer ich bin, die mich dazu anregt meinen Körper zu modifizieren, neu zu gestalten anstatt, wie viele vielleicht annehmen würden, die Unzufriedenheit mit dem Selbst. Tätowiere ich mich, ordne ich mich meinem Stamm zu, zumindest so der Grundgedanke. Aber nicht nur geschichtlich können Tattoos identitätsstiftend sein. Laut einer Umfrage des „Tätowierer Magazins“ zum Thema, welche Hintergründe ein Tattoo haben kann, ergab sich, dass durch ein Tattoo Identität ausgedrückt wird und diese durch Miteinbeziehung des eigenen Körpers zum Ausdruck gebracht wird. Tatsächlich können Tattoos Fremdheitsgefühle gegenüber dem eigenen Körper nehmen. Es ist die Vereinigung von Kunst und Körper, was Tattoos so besonders macht, aber auch das Abgeben von Kontrolle an eine andere Person, eine Person, die einem helfen soll, dem eigenen Ideal näher zu kommen, wie immer das auch aussehen soll. 

Tattoos sind faszinierend, weil sie uns faszinieren. Das Bemalen des eigenen Körpers, so banal es auch sein mag, hat etwas Identitäts-Stiftendes. Ich weiß, wer ich bin, wenn ich weiß, zu wem ich dazugehöre. Mein Tattoo sagt mir das. Ein paar Farbklekse auf der Haut werden zu meinen Farbkleksen und bald werde ich zu meinen Farbkleksen.    

                      :Gerit Höller

Ursprung von Tattoos

Tattoos beziehungsweise Tätowierungen sind mit Farbmitteln unter die Haut eingebrachte Motive, die mit Piercings zu den gängigsten Köpermodifikationen zählen. Seit tausenden Jahren gibt es die Praktik des Tätowierens bei Menschen, sowohl bei der über 5.000 Jahre alten Gletschermumie Ötzi als auch bei Mumien aus der frühen oder sogar prä-dynastischen Zeit Ägyptens wurden Tätowierungen gefunden. Diese reichen von Mustern über Tiere bis zu Gegenständen, die auch unter anderem aus Felszeichnungen bekannt sind, und wohl rituellen Charakter hatten. Auch medizinische Gründe vermuten manche Forscher bei Ötzis Tattoos, die wohl eine Art Schmerztherapie darstellen könnten. Die großen geographischen Abstände zwischen den ältesten Funden führen bei Forscher:innen zu der Annahme, dass die Praktik des Tätowierens sich unabhängig voneinander an verschiedenen Orten entwickelt hat. Unter indigenen Völkern Südost-Asiens, Nordamerikas, wie auch den britischen Pikten, Skythen aus dem Kaukasus, und Nordjapanischen Ainu waren Tattoos ebenfalls verbreitet. Während die Bibel die Praktik verbot, gab es in frühen christlichen Sekten, als auch im europäischen Mittelalter, viele Fälle von religiösen Tätowierungen. Tätowierte Menschen wurden nach 1.500 immer wieder von Europäer:innen entführt und als eine Art Kuriosität behandelt, und die Reisen und Berichte von James Cook brachten wohl das samoanische Wort „Tatau“ in den Sprachgebrauch, und schafften breites Bewusstsein für die Praktik, die Ende des 19. Jahrhunderts auch in Europa erneut Fuß fasste.             

:kjan

Reportage. Für Tattoo-Künstler:innen ist dieses Jahr ein Horror geworden. Nicht nur, dass sie finanzielle Schwierigkeiten haben, sondern auch, dass vielen die Möglichkeit genommen wurde, ihre Kunst auszuüben.  

Eigentlich bin ich ziemlicher Hygienefanatiker, aber irgendetwas an Tattoos lässt mich immer wieder in die Wohnzimmer von Künstler:innen treten, obwohl das mit guter Wahrscheinlichkeit auch ziemlich in die Hose gehen kann. Auch würde ich mich nicht zu einer der Personen zählen, die unbedingt Tattoos brauchen, um meiner Identitätsfindung näher zu kommen. Vielleicht ist es einfach die Faszination, jemand anderem die Kontrolle zu überlassen in der Hoffnung, dass man eine schöne Erinnerung hat. Die Studios sind im Moment in Deutschland zu, doch es wird weiter tätowiert. Zuhause halt. Es ist Sonntagabend und ich fahre zur Wohnung eines Künstlers, der mir heute eine Schwalbe auf den Oberschenkel tätowieren wird. Eigentlich möchte er in einem Studio arbeiten, aber Corona machte einen Strich durch die Rechnung. Um weiter in Übung zu bleiben, haben wir uns darauf geeinigt, dass er mir Tattoos sticht, wenn ich dafür nicht allzu viel Geld zahlen muss und ab und zu auch ein paar witzige Tattoos kriege. Zu Tattoos gehören halt meistens zwei Menschen: Tätowierende:r und Tätowierte:r. 

Es ist für mich irgendwie surreal, dass Künstler:innen nicht in der Lage sind, ihre Kunst auszuüben, die akute Lage macht es möglich. Zwar verstehe ich es, aber auf der anderen Seite frage ich mich auch, wie die Bundesregierung den weiteren Verlauf der Pandemie sieht und ob dieser Kunst und Kultur vorsieht? So ein Jahr ohne Kunst wäre ein sehr tristes und sehr langweiliges Jahr und Künstler:innen sind schon irgendwo auch unverzichtbar, zumindest geben sie uns ja auch etwas: Kunst. Das ist meine Überzeugung und deswegen lass ich mich auch heute tätowieren. 

Als ich das Wohnzimmer meines Tätowierers betrete, erkenne ich es kaum wieder. Es sieht tatsächlich aus wie ein Studio. Mit Stuhl und anderem. Ich muss anfangen zu lachen, weil ich gerührt bin, wie viel Mühe sich mein Kontakt gegeben hat, um einen professionellen Eindruck zu machen. Nachdem wir kurz miteinander gequatscht haben, kommen wir auch gleich zur Sache. Meine Hose ist schnell unten und ich liege in einer ungemütlichen Stellung auf dem Stuhl, während ich unter leichten Schmerzen bemalt werde. Es wird wenig gesprochen und wir beide sind konzentriert und dann bemerke ich, was mich immer wieder in diese Situation zieht. Es ist die Ausnahme. Dieses kollektive Aufatmen, wenn es vorbei ist. Der Dopamin Rausch danach. Wie nach einer langen Nacht des Exzesses im Club oder nach einem tollen Theaterabend. Es ist das, was mir das letzte halbe Jahr genommen wurde. Der temporäre Austritt aus der Realität. Die Rückbesinnung darauf, dass mein gesellschaftliches Leben für einen Moment abgeschaltet werden kann und ich nicht die Person bin, die ich sonst bin. Mein Tattoo erinnert mich an diese Person, die ich sein will und gleichzeitig nicht bin. Kunst ist meine Auszeit, nicht von mir selbst, aber von dem, was ich mir selbst vorgebe zu sein. Es hilft mir zu erkennen, dass ich nicht festgefahren sein muss, sondern es meine freie Entscheidung ist zu sein, wer ich bin. Vielleicht ist diese Erkenntnis auch besonders wichtig, denn nur so fühle ich mich nicht eingeengt. Dass Tattoos eine Form dieser Bestätigung sind, war mir wenig klar und trotz allem merke ich, je mehr ich mich frage, warum ich mich eigentlich gerade tätowieren lasse, dass es genau das ist. Es geht mir nicht um das Motiv oder darum, danach cool auszusehen – obwohl das natürlich ein ganz nettes Nebenprodukt ist. Nein! Ich gebe mir die Freiheit, zu entscheiden, welchen Weg ich gehe. Kunst kann uns so viel geben und die durch Covid-19 verursachten Beschränkungen haben uns viel genommen. Wir sollten deshalb nie vergessen, wie wichtig Kunst in unserem Alltag ist und es, sobald es geht, wieder einfordern und fördern. Denn eins ist mir klar: Ohne diesen Austritt fehlt mir etwas.     

:Gerit Höller