Die Hauptstadt aus der Sicht der 20er Jahre: Russische Künstler hinterließen ihre Spuren
Russisches Berlin
Foto: kac
Werbeplakate, Sozialdemokratie und spannende Geschichten: Bei der Führung durch die Werke von Nikolaus Sagrekow erfuhr unsere Fachschaft viel Interessantes. Foto: kac
Werbeplakate, Sozialdemokratie und spannende Geschichten: Bei der Führung durch die Werke von Nikolaus Sagrekow erfuhr unsere Fachschaft viel Interessantes.

„Das Russische Kulturleben im Berlin der 1920er Jahre“ – so heißt eine Ausstellung in der russischen Botschaft in Berlin, die zeigt, wie eng Deutschland und Russland auf den Gebieten Bildung, Wissenschaft und Kultur verwoben waren. Der FSR Slavistik/Russische Kultur organisierte eine Fahrt für seine Studierenden zu dieser Ausstellung, die mehr Licht in die Beziehung beider Länder brachte.

Die Botschaft der Russischen Föderation in Berlin befindet sich in einem prachtvollen sozialistisch-klassizistischen Gebäude. Die Führung durch die Ausstellung eröffnet der Kurator Dr. Andrej Tschernodarow mit den ironischen Worten: „Gazprom hat vorgesorgt, in den Räumen ist es schön warm für Sie.“ Er leitet seine Ansprache auf die politische Problematik mit Russland weiter und erklärt, dass er positiv überrascht gewesen sei, dass zur Eröffnung rund 600 PressevertreterInnen und Gäste erschienen seien. Tschernodarow beginnt zu erzählen, dass in den 1920er Jahren über 400.000 RussInnen in Berlin lebten und damit um die zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten.

Hunderte Exponate, neun Wappen, zwei Säle

Uns erwarteten rund 630 Ausstellungsstücke in zwei Räumen, dem Kuppelsaal mit einer Vitrage des Moskauer Erlöser-Turms und dem Wappensaal, in dem alle neun historischen russischen Wappen zu sehen sind sowie Werke des Malers Nikolaus Sagrekow, der 1921 in Berlin seine neue Heimat fand. Er verdiente sein Geld mit Werbeplakaten, die wir noch aus unseren Geschichtsbüchern von der Schule kennen.

Die Exponate sind aus der privaten Sammlung von Dr. Wilfred Matanovic, überwiegend sind es Druckerzeugnisse, Zeitschriften, Fotos und Postkarten, Skizzen und Gemälde oder alte Kameras. In der Ausstellung erfahren wir, dass die russischen KünstlerInnen, wie Nabokow oder Majakowski, in Berlin nicht nur Stummfilme, Malerei oder Literatur hinterlassen haben, sondern auch die Bezeichnung für Charlottenburg – Charlottengrad, eine Anlehnung an Sankt Petersburg, was damals zu Leningrad wurde. In diesem Stadtteil haben sich die meisten EmigrantInnen niedergelassen und es ist bis heute das bei RussInnen beliebteste Viertel.

Ursachen der Migration

In den 1920er Jahren kam es zu großen russischen Emigrationswellen. Grund dafür war die gewaltsame Machtübernahme durch die russischen kommunistischen Bolschewiki ab dem 25. Oktober 1917. Die Bolschewiki (wörtlich übersetzt: Mehrheitler) waren ursprünglich eine Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Sie zerschlugen die aus der Februarrevolution hervorgegangene Herrschaft der Sozial-Liberalen, die nur als Übergangslösung nach der Abschaffung der Zaren-Monarchie von den Sowjets und dem Politiker Alexander Fjodorowitsch Kerenski übernommen wurde. Nach der Machtübernahme der Bolschewiki errichteten sie einen neuen Staat, eine „Diktatur des Proletariats“. Tausende RussInnen wanderten aus, darunter viele KünstlerInnen. Sie suchten Berlin auf, für das die 1920er Jahre als die „Goldenen Zwanziger“ galten. Die Blütezeit der deutschen Kultur, Kunst und Wissenschaft wurde auch durch die im Exil lebenden RussInnen geprägt.

:Katharina Cygan

:bsz-Info

Bis zum 19. Dezember: „Das russische Kulturleben in Berlin der 1920er Jahre“ in der Botschaft der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland, Unter den Linden 63-65 Berlin.
Anmeldung unter kultur@russische-botschaft.de oder telefonisch unter 0162/2505565.