Kommentar: Wirtschaftsminister Gabriel im Veranstaltungszentrum
Ruhrgebiet zwischen Fassade und Status Quo
Foto: RUB/Katja Marquard
Zwischen den Kameras: SPD-Chef Gabriel und RUB-Chef Schölmerich beim Stelldichein.  Foto: RUB/Katja Marquard
Zwischen den Kameras: SPD-Chef Gabriel und RUB-Chef Schölmerich beim Stelldichein.

Er polterte erst am Ende und läutete insgeheim den nächsten Bundestagswahlkampf ein. Sigmar Gabriel besuchte das schicke Veranstaltungszentrum der RUB und musste sich nicht durch die engen Katakomben des HGC 10 durchquälen, wie er es in den vergangenen Jahren getan hat. Sein überzeugender Vortrag zum immer aktuellen Thema „Wissenschaft, Innovation und Ruhrgebiet“ konnte auch nicht durch kritische Nachfragen zum Thema Syrien und TTIP negativ beeinflusst werden.

Der erfahrene Rhetoriker hatte auf alles eine Antwort. Warum aber die RUB ein derartiges Spektakel daraus machen musste, bleibt ihr Geheimnis. Dem Wirtschaftsminister wird es sicherlich geschmeckt haben. Für ihn war es ein gelungener Wahlkampfauftritt.

Wenn Sigmar Gabriel den Raum betritt, polarisiert er die Massen. Nicht nur wegen seines stattlichen Erscheinungsbildes und seiner offenen und direkten Art ist er in Deutschlands Politiklandschaft bei seinen GegnerInnen ebenso beliebt wie verachtet. Nicht umsonst poltert und schießt er gerne gegen eben diese und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

Auch wenn der gebürtig aus Niedersachsen stammende Wirtschaftsminister und Vizekanzler keine direkte familiäre Bindung zum Ruhrgebiet hat, ist dieser Ort wie perfekt, um seine ganz persönliche Geschichte zu erzählen: Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, erstes Kind in der Familie mit einem Hochschulabschluss – mehr als viele seiner KollegInnen verkörpert er, dass der „Rohstoff Bildung“ genutzt werden kann, um am Ende beruflichen und persönlichen Erfolg haben zu können. So war der Vortrag über den eingeleiteten Strukturwandel des Ruhrgebiets auch seine ganz persönliche Geschichte, die er locker und gekonnt herunterzählen konnte.

Kritische Fragen zu brisanten Themen wie TTIP und Syrien waren dabei „ausdrücklich erwünscht“, wurden aber rhetorisch kleingeredet.

Zwischen Start-Up-Kultur und Chancen durch TTIP

Er verkörperte ganz den Wirtschaftsminister und sah, bezogen auf das Ruhrgebiet und TTIP, nur Chancen, die genutzt werden müssen. Der Staat sollte sich mehr oder weniger heraushalten, Start-Ups der Gründerszene sich mit renommierten Unternehmen vernetzen, und die Digitalisierung in dem Produktprozess miteinbeziehen. Fertig ist das neue Wirtschaftsparadies „Ruhrgebiet“.

Dass die Hochschulen an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt sind und die RUB aus allen Nähten platzt, ist Gabriel scheinbar nicht bekannt und sieht er deshalb in der Uni „keinesfalls eine Massenabfertigung“. Stattdessen gab es nur Lobeshymnen für Institute und Forschungseinrichtungen, ohne Probleme, wie den im letzten Jahr eingeleiteten Stellenabbau für nicht-wissenschaftliche MitarbeiterInnen,  zu diskutieren.

So passte auch das moderne Veranstaltungszentrum als Ort des Geschehens, das vielleicht für die „neue“ RUB der Zukunft steht, die aktuellen Probleme aber überdeckt und verzerrt. Ein überfüllter Vorlesungssaal HGC 10 hätte den echten Status Quo aufgezeigt. Gabriel war es recht. Am Ende wurde gepoltert – ganz nach seinem Geschmack.

:Tim Schwermer