Überwachung und tieferer Eingriff
Registrierte Schwangerschaften

Ein Melderegister für schwangere Frauen. Ein skurriler und befremdlicher Gedanke von Überwachung in diesem Zeitalter - Soll allerdings schon bald die Realität für polnische Frauen sein. Was als Schutzmaßnahme verkauft wird ist eine Gefahr für das Leben und die Freiheit. 

Wir schreiben das Jahr 2022, während die meisten Regierungen dieser Welt sich dazu entscheiden eine Zeitreise in die Vergangenheit zu machen. Dazu gehört auch der polnische Gesundheitsminister Adam Niedzielski, der eine Anordnung erlassen hat, die alle Ärzt*innen im Land dazu verpflichtet, sämtliche sensiblen Daten von Patient*innen und unter anderem Schwangerschaften zu registrieren. Schon bald soll diese Anordnung, unter dem Vorwand schwangere Frauen zu schützen, in Kraft treten. 

In Wahrheit ist es eine Anordnung, die nicht nur die Schere zwischen armen und reichen Frauen weiter spalten wird, sondern eine Anordnung, die Frauen gesundheitlich und rechtlich gefährden wird. Schuld an der Gefährdung ist nicht das Schwangerschaftsregister allein, denn allein wäre es vergleichsweise harmlos. Gefährlich wird das Schwangerschaftsregister durch die scharfe Abtreibungspolitik im Land. Denn Ende 2020 wurde durch das oberste Gericht Polens entschieden, dass auch Abtreibungen gegen einen fehlgebildeten Fötus verboten und verfassungswidrig sind. Erlaubt sind sie nur, wenn das Leben der Mutter unmittelbar in Gefahr steht oder die Schwangerschaft die Folge einer Vergewaltigung ist. Abtreibungsgesetze, die bisher schon mehrfach dazu geführt haben, dass gesunde schwangere Frauen, wegen nicht ausgeführten Abtreibungen gestorben sind. 

Viele schwangere polnische Frauen haben bisher unbemerkt Reisen in die umliegenden Länder, wie zum Beispiel nach Tschechien vorgenommen, um eine Abtreibung durchzuführen oder Ärzte besucht, die trotz des Verbots heimlich Abtreibungspillen verschrieben haben.  

Doch durch die neue Anordnung werden solche Auswege aus einer nicht gewollten und unerwünschten Schwangerschaft nahezu unmöglich. Denn obwohl viele Politiker*innen und Regierungsbeauftragte, wie die Familienministerin darauf bestehen, dass die sensiblen Daten nur mit Arzt*innen geteilt werden, ist vielen klar, dass die Regierung nicht vertraulich mit diesen Informationen umgehen wird. Sensible Daten werden früher oder später bei der Polizei oder in der Öffentlichkeit landen und schwangeren Frauen zum Verhängnis werden. Das neue System bedeutet, dass viele polnische Frauen erforderliche Arztbesuche bei Allgemeinärzt*innen und Gynäkolog*innen während der Schwangerschaft meiden werden. Wohlhabende Frauen können sich zwar dennoch eine private Behandlung oder Reisen ins Ausland, leisten - arme Frauen hingegen werden einem erhöhten Risiko medizinischer Probleme oder sogar dem Tod ausgesetzt sein, wenn sie auf Schwangerschaftsvorsorge und Arztbesuche verzichten. Frauen mit registrierten Schwangerschaften, die jetzt Abtreibungen im Ausland durchführen lassen oder Abtreibungspillen aus dem Ausland bestellen und sogar (ungewollte) Fehlgeburten haben, können jetzt durch die Staatsanwaltschaft leichter „aufgespürt“ und rechtlich belastet werden. 

Die Einführung von registrierten Schwangerschaften ist grundsätzlich eine gute Idee, um schwangere Frauen vor schädlichen Medikamenten und Röntgenaufnahmen zu schützen. Allerdings nicht in einem Land wie Polen, das Abtreibungen als verfassungswidrig beachtet. Ein weiterer und noch tieferer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Die polnische Regierung scheint völlig außer Acht zu lassen, dass Abtreibungen zu verbieten, Abtreibungen nicht stoppt, sondern sie einfach nur gefährlicher und unkontrollierbar macht.  
       

:Miena Momandi

 

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