Ein Blick auf zwei Klassiker der Samurai-Literatur
Pinsel und Katana
Foto: Historical Picture Archive/Corbis / Felice Beato
Samurai in Kampfstellung: Was ist Mythos, was ist Wahrheit bei diesen Kriegern? Foto: Historical Picture Archive/Corbis / Felice Beato
Samurai in Kampfstellung: Was ist Mythos, was ist Wahrheit bei diesen Kriegern?

Die Samurai, jene japanischen Krieger, deren Klasse erst 1871 offiziell abgeschafft wurde, umgibt bis heute ein Mythos. Meist romantisiert oder phantastisch überhöht, haben sie auch hierzulande ihren Platz in den Unterhaltungsmedien gefunden. Wer jedoch nicht nur wissen will, wie ein Katana (japanisches Schwert) aussieht, sondern an tiefer gehendem, wirklichem Wissen über die Denkweise, Kultur und das Leben der Samurai interessiert ist, der wird um die Lektüre von Sachbüchern zum Thema kaum herum kommen. Eine Möglichkeit bilden hierbei Klassiker, in denen Samurai ihre Welt und den Bushidō („Weg des Kriegers“) in Teilen selbst beschrieben haben. Eben jene Klassiker werden heutzutage gerne als zeitlose Strategieratgeber auch für zivile Belange vermarktet, insbesondere für ManagerInnen. Lohnt und bereichert ihre Lektüre wirklich?

Die beiden bekanntesten, von Samurai selbst verfassten Werke der Samurai-Literatur sind „Das Buch der fünf Ringe“ von Miyamoto Musashi und „Hagakure“ von Tsunetomo Yamamoto. Die Verfasser dieser Bücher haben, obgleich sie beide Samurai waren, einen historisch und sozial sehr unterschiedlichen Hintergrund: Musashi (1584 bis 1645) wurde noch geprägt von der blutigen Zeit der gewaltsamen Einigung Japans, während Yamamoto (1659 bis 1719) in der darauf folgenden Periode des Friedens lebte. Bei Musashi hatte die Samurai-Kultur noch nicht ihre endgültige Form im Geiste des Bushidō entwickelt, Yamamoto aber beklagte bereits den von ihm beobachteten Verfall des Bushidō-Geistes. Musashi war zunächst ein umherziehender herrenloser Samurai (Rōnin), später ein Schwertkampflehrer. Yamamoto war ein Samurai, der nach dem Tod seines Herrn zu einem buddhistischen Mönch wurde. Und im Gegensatz zu Musashi, der seine Bekanntheit zu Lebzeiten als Kämpfer erwarb, wurde Yamamoto erst posthum durch die Verbreitung seines Werkes bekannt. Beide ähneln sich jedoch durch eine zurückgezogene Lebensweise in ihren späteren Lebensjahren. Im Folgenden werden diese beiden Persönlichkeiten und ihre Werke näher betrachtet.

Musashi

Miyamoto Musashi war einer der berühmtesten Samurai und Schwertkämpfer in der japanischen Geschichte. Mehr noch: Musashi war eine lebende Legende. Schon mit dreizehn Jahren trug er siegreich sein erstes Duell aus. Ab seinem 16. Lebensjahr zog er als Rōnin quer durch Japan, um würdige Gegner zu suchen und zum Kampf herauszufordern. Bemerkenswerterweise führte Musashi in diesen Duellen auf Leben und Tod häufig nur ein selbst geschnitztes Holzschwert (Bokutō), während seine Gegner scharfe Klingen gebrauchten. Insgesamt kämpfte Musashi in über 60 Duellen und blieb dabei stets siegreich. Nach seinem 30. Lebensjahr suchte er nicht länger den Kampf, sondern widmete sich der Schwertkunst durch intensives Üben und lehrte Schülern die von ihm entwickelte Niten-Ichiryū-Schwertkampfschule, in der gleichzeitig mit einem langen Schwert in der einen und einem kurzen Schwert in der anderen Hand gekämpft wird. Daneben entwickelte sich Musashi in verschiedenen Bereichen zu einem fähigen Künstler und Handwerker, so auch zu einem der besten Tuschmaler seiner Zeit. In seinem letzten Lebensjahr schrieb Musashi – krank und um seinen baldigen Tod wissend – sein bekanntes und bis heute viel rezipiertes „Buch der fünf Ringe“, in welchem er sein Verständnis des „wahren Schwertweges“, des Samurai-Geistes und der Kriegskunst beschreibt.

Das „Buch der fünf Ringe“ gliedert sich nach dem Vorwort in die nach den Elementen benannten fünf Kapitel („Bücher“) „Erde“, „Wasser“, „Feuer“, „Wind“ und „Leere“, woraus auch sein Name resultiert. Musashi beginnt im ersten Kapitel mit den allgemeinen Grundlagen der Kampfkunst der Samurai, von den bei ihnen verbreiteten Waffen bis zum gesellschaftlichen Kontext in der damaligen Zeit. Im folgenden Kapitel werden diverse Schwertkampftechniken beschrieben, die jedoch durch die bloße Lektüre nur schwer nachvollziehbar sind, insbesondere für Lesende ohne Kenntnisse im japanischen Schwertkampf. Kapitel drei behandelt Taktiken im Zweikampf und in der Schlacht und erinnert dabei etwas an Sun Tsus „Die Kunst des Krieges“, ohne jedoch an dieses Werk heran zu kommen. Im vierten Kapitel unterzieht Musashi „die in anderen Schwertkampfschulen seiner Zeit geübten Techniken einer kritischen Betrachtung“, was sich teilweise wie eine zu leichtfertige Abwertung aller anderen Schwertkampfschulen liest. Das fünfte Kapitel bildet ein kurzes Schlusswort. Musashis Buch stellt vor allem ein Zeitdokument eines kampferfahrenen Samurai dar. Entgegen der zumeist geweckten Erwartungen ist es jedoch keine Pflichtlektüre für Persönlichkeitsentwicklung und Strategie.

Yamamoto

Tsunetomo Yamamoto stand seit seinem neunten Lebensjahr im Dienste des Nabeshima-Clans, welcher die Provinz Saga auf der Insel Kyūshū beherrschte. Als junger Mann studierte Yamamoto nach einer zeitweiligen und unverschuldeten Entlassung aus seinem Dienst intensiv den Zen-Buddhismus und wurde durch diesen stark geprägt. Mit 28 Jahren wurde Yamamoto Schreiber im Dienste seines Fürsten Mitsushige Nabeshima. Als der Fürst 1700 starb, wäre Yamamoto ihm am liebsten durch den rituellen Suizid der Samurai (Seppuku) in den Tod gefolgt, wie Gefolgsleute dies seinerzeit häufig taten. Da Fürst Nabeshima dies jedoch 1661 per Dekret verboten hatte, beendete Yamamoto stattdessen den Dienst für den Clan und wurde mit 41 Jahren ein einsiedlerisch lebender zen-buddhistischer Mönch. 1710 lernte Yamamoto dann Tsuramoto Tashiro kennen, einen Samurai und entlassenen Schreiber, der von ihm den wahren Bushidō lernen wollte. In den folgenden sechs Jahren schrieb Tashiro die Worte Yamamotos auf, wodurch das Hagakure („Hinter den Blättern“) entstand. Zwar wies Yamamoto Tashiro an, diese Aufzeichnungen nach seinem Tod zu verbrennen, doch verbreiteten sich von Hand kopierte Exemplare rasch unter den jungen Samurai des Nabeshima-Clans.

Das Hagakure ist eine Sammlung von etwa 1.300 kurzen Ratschlägen, Lektionen und Geschichten, die das Leben von Samurai und den Bushidō betreffen. Von zentraler Bedeutung ist in Yamamotos Werk dabei die Philosophie des Sterbens. So heißt es schon direkt zu Beginn des Hagakure: „Ich habe herausgefunden: Bushidō, der Weg des Kriegers, liegt im Sterben. Wird man mit zwei Alternativen konfrontiert, Leben und Tod, so soll man ohne Zögern den Tod wählen.“ So irrational und unvernünftig diese Philosophie auch sein mag, so dient ihre von Yamamoto geforderte Verinnerlichung nicht bloß der steten Befolgung des Samurai-Ehrenkodex und der Vorbereitung auf kompromisslose Kämpfe. Die tägliche mentale Vorbereitung auf den eigenen Tod und die Überwindung jeglicher Angst vor diesem soll es dem Samurai ermöglichen, jederzeit rasch und entschlossen zu handeln und ihm zu einem erfüllten (angstfreien) Leben verhelfen (ob dieses nun lange oder kurz währt). Yamamotos Ansatz weist eine starke Verwandtschaft mit Lehren des (Zen-)Buddhismus auf – allerdings ohne die humanen Aspekte des Buddhismus zu berücksichtigen.

Damit einher geht im Hagakure auch die durch verschieden historische Beispiele veranschaulichte Ermutigung zur rücksichtslosen Selbstbehauptung und Vergeltung bei Beleidigungen und Konfrontationen. Obwohl bei privaten Auseinandersetzungen im damaligen Japan alle Beteiligten zum Tode verurteilt wurden, soll der Samurai nach Yamamoto zu solchen stets bereit sein und anschließend – je nach der konkreten jeweiligen Situation – entweder auf Gnade durch den Fürsten hoffen oder gleich Seppuku begehen. Von der Frau eines Samurai wird nach dem Hagakure verlangt, ihren Mann zu solch einem Handeln zu ermutigen, ihn notfalls dazu zu nötigen und ihn im Idealfall mit der Waffe in der Hand zu unterstützen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Hagakure liegt im Propagieren der uneingeschränkten Treue und des unbedingten Gehorsams des Gefolgsmannes seinem Fürsten gegenüber. Daneben finden sich unter anderem Hinweise, wie Freunden, Kollegen oder dem Fürsten vorsichtig und höflich Rat gegeben werden kann sowie generell Hinweise bezüglich verschiedener sozialer Situationen. Erwähnt sei zudem, dass das Hagakure ein durchaus widersprüchliches Werk ist und sich dort meist auch von der Aussage her abweichende Episoden finden, wodurch selbst zentrale Positionen des Buches etwas relativiert werden.

Der Wert des Hagakure

Yamamotos Hagakure betont bestimmte Aspekte der Samurai-Kultur in einem rigiden und inhumanen Geist stark über und ist daher für sich alleine genommen keine sehr objektive Quelle. Dennoch lohnt die Lektüre des Hagakure sehr. Zum einen, da es unzählige interessante Geschichten über Samurai und andere Menschen im damaligen Japan enthält und weite Teile der japanischen (Samurai-)Kultur durchaus authentisch vermittelt. Zum anderen, da das Hagakure für die Angehörigen des heutigen westlichen Kulturkreises sehr fremdartige Wertvorstellungen beschreibt sowie propagiert und uns anschaulich darauf stößt, wie wenig selbstverständlich die von uns als normal empfundenen Ansichten, Werte und Freiheiten sind. Das Hagakure hält den Lesenden automatisch den Spiegel vor und bringt sie ein Stück weit dazu, ihre Lebensweise und ihre Gewohnheiten zu hinterfragen.

Als Ergänzung zur Lektüre des Hagakure ist das 1899 erstmals erschienene Buch „Bushido“ des japanischen Gelehrten und Diplomaten Inazo Nitobe dringend zu empfehlen. Nitobe betont hierin im Vergleich zu Yamamoto teils eher gegenteilige Aspekte des Bushidō, wie die Tugend der Milde. Yamamotos und Nitobes Werke erlauben dadurch zusammen betrachtet ein objektiveres Bild auf die Kultur der Samurai. Wer das Hagakure erwerben möchte, der sollte unbedingt darauf achten, eine direkte Übersetzung aus dem Japanischen zu erwerben (wie sie in guter Qualität von Pendo und Reclam angeboten werden) und keine deutsche Übersetzung der englischen Übersetzung.

Patrick Henkelmann

 

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