Der Sport der Grazie auf Film.
Olympischer Glanz und Gloria
Bild: CC0
Symbolbild

In „I, Tonya“ soll die reine Sportlichkeit bei professionellen Wettbewerben hinterfragt werden. Margot Robbie verkleidet sich dafür als eine amerikanische Anti-Heldin.

Bei den olympischen Spielen treffen wegen der großen Variation der Disziplinen auch verschiedenste Sporttraditionen aufeinander. Während es beim Eishockey weniger um einzelne Stars als um das Team geht oder in vielen anderen Wettbewerben die Athlet:innen unter ihren Helmen und Brillen kaum zu sehen sind, ist beim Eiskunstlauf die Sportlerin selbst Teil der Präsentation. Deshalb wird hier ein gewisser Habitus erwartet, der eine Eleganz und Grazie verkörpert, die die Kampfrichter:innen in ihrem Sport widergespiegelt sehen wollen. Gerade bei internationalen Wettbewerben wollen die Nationen von Sportler:innen repräsentiert werden, die ein hübsches Bild von ihrer Herkunft zeichnen, wozu eben nicht nur eine tadellos ausgeführte Kür gehört. 

Die amerikanische Eiskunstläuferin Tonya Harding, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren aktiv war, passte zu ihrem Leidwesen überhaupt nicht in dieses Bild. Aus der Unterschicht von Portland stammend machte sie durch ihre ungewöhnliche Musikauswahl bei ihren Läufen und ihre unkonventionellen Kostüme auf sich aufmerksam. 1992 konnte sie bei den Olympischen Winterspielen in Albertville den vierten Platz belegen und hatte große Ambitionen auf eine Medaille bei den zwei Jahre später stattfindenden Spielen in Lillehammer. Doch ihre Karriere sollte ein jähes Ende finden, denn 1994 wurde sie mit einer lebenslangen Sperre belegt. Dies geschah wegen eines Attentats auf Hardings größte Konkurrentin Nancy Kerrigan, die während ihres Trainings für die US-Meisterschaften mit einer Eisenstange am Knie verletzt wurde. Jeff Gillooly, Hardings damaliger Ehemann, hatte den Attentäter bezahlt, damit seine Frau bei den bald anstehenden Meisterschaften den Sieg davontragen konnte. Der Plan ging zunächst auch auf, doch schon bald wurde die Sache aufgedeckt, woraufhin der umstrittenen Eisläuferin der Titel aberkannt und das Berufsverbot auferlegt wurde, weil sie als Mitwisserin galt. 

Dieser Geschichte nahm sich 2017 der australische Regisseur Craig Gillespie mit dem Biopic „I, Tonya“ an, das im Stile einer Mockumentary die Geschehnisse aus der fiktiven Sicht der Protagonist:innen retrospektiv aufarbeiten will. Dabei widersprechen sich die Aussagen häufig stark, vor allem, wenn es um Hardings Mutter oder ihren Ex-Mann geht. An der Figur von Harding soll der amerikanische Aufstiegstraum pervertiert werden, denn trotz ihrer außerordentlichen Leistungen gelingt es ihr nicht sich an die von ihr erwarteten Gepflogenheiten anzupassen, zunächst aus Trotz dann aus Unvermögen. Ihre Mutter bildet das perfekte Klischee der obsessiven „Eiskunstlauf-Mutti“, wobei sie das kostspielige Training ihrer Tochter als Investition versteht, die sich eines Tages auch für sie finanziell auszahlen könnte. Um den Erfolg dieser Investition zu gewährleisten, schreckt sie vor keinen Mitteln zurück. 

So etwas wie Subtilität kennt der Film genauso wenig wie seine Protagonistin, denn bei der Einführung der Figuren hört das Publikum immer gleich zuverlässig einen passenden Song, der ihm sagt, was es von der Person zu halten hat. Man verlässt sich hier auf die Schauspielleistungen und genau für diese scheint der Film auch gemacht zu sein, denn Margot Robbie liebt es ihr Gesicht etwas zu entstellen, um ein leicht manisches Lächeln aufzulegen, wofür sie prompt bei den Oscars als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Der Film macht sich über seine Charaktere lustig, ohne dabei komisch zu sein, ergreift Partei für Tonya aus Mitleid und will dabei aus der rebellischen Athletin einen vom Leben gezeichneten, aber liebevollen Familienmenschen machen. Bei den olympischen Kampfrichtern würden diese Spielereien wohl aber durchfallen. 

                  :Henry Klur

 
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