Umstrittener Nicaragua-Kanal: Intransparent, unsozial und eine Katastrophe für die Umwelt
Oh wie klein ist dagegen Panama
Karte: mar; ­Quelle: nature.com
Wildwechsel unmöglich: Die Konkurrenz zum Panamakanal pflügt sich durch den ­Regenwald. Karte: mar; ­Quelle: nature.com
Wildwechsel unmöglich: Die Konkurrenz zum Panamakanal pflügt sich durch den ­Regenwald.

Ende Dezember haben die Arbeiten für eines der größten Bauprojekte der Menschheitsgeschichte begonnen: Mit dem Nicaragua-Kanal, der dem Panamakanal Konkurrenz machen soll, erhofft sich das zweitärmste Land Amerikas einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch ebenso groß (und vielfältig) wie die Visionen sind die Zweifel und Befürchtungen im Zusammenhang mit El Gran Canal: Einzigartige Ökosysteme sind der Zerstörung ausgeliefert, die Landbevölkerung und indigene Völker haben Angst, enteignet und umgesiedelt zu werden, der wirtschaftliche Nutzen wird angezweifelt und am Ende steckt die chinesische Regierung hinter der ganzen Sache.

„Nichts Genaues weiß man nicht“, möchte man sagen. Denn fest steht nur: Mit dem Bau der Infrastruktur für die Baustelle wurde begonnen – für die schweren Baumaschinen geeignete Straßen sind dünn gesät in Nicaragua. Doch ob das Projekt jemals fertiggestellt wird, bezweifeln viele Experten. Denn wie die chinesische HKND Group die den Kanal baut und für hundert Jahre betreiben will, die geschätzte Summe von 50 Milliarden US-Dollar auftreiben möchte, ist unklar.

Wang Jing, CEO von HKND, der noch nie mit Infrastrukturprojekten zu tun hatte, sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters, dass die chinesische Regierung mit dem Kanal nichts zu tun habe. Auf jeden Fall wird China von einer Trans-Amerika-Passage profitieren, die selbst die größten aller Schiffe passieren können.

Verräterische Geheimniskrämerei

In fünf Jahren ist der Megakanal fertig, sagen HKND und die nicaraguanische Regierung. Machbarkeitsstudien? Fehlanzeige.Dafür seien die ökologischen und sozialen Konsequenzen minimal, erklärt HKND und beruft sich auf Untersuchungen, die sie selbst durchgeführt hat. Und deren Ergebnisse der Öffentlichkeit nicht vorliegen.

Ganz anderer Meinung sind Axel Meyer und Jorge Huete-Pérez. Die Biologen haben bereits im Februar in einem Kommentar im Magazin Nature auf die verheerenden Folgen für die Ökosysteme Mittelamerikas und der Karibik hingewiesen. Es geht, so die Forscher, um nicht weniger als „einige der empfindlichsten, kostbarsten und wissenschaftlich bedeutsamen Meeres-, Land- und Seeökosysteme Zentralamerikas.“ Meyer erforscht seit 30 Jahren die dortigen Buntbarsche, die eine einzigartige Artenvielfalt herausgebildet haben – sie sind so etwas wie die Darwinfinken unter den Fischen. Doch durch den Kanal wird der Nicaraguasee, das größte Süßwasserreservoir Mittelamerikas, zuschlammen oder versalzen – oder beides. Zudem sollen die Bagger durch ein Naturreservat pflügen und damit den Lebensraum von Tapiren, Jaguaren, Harpyien und unzähligen anderen Regenwaldbewohnern zerstören.

Bevölkerung begehrt auf

Wie die Bäume des Dschungels würden auch Menschen entwurzelt werden: Die geschätzt 90 Kilometer breite Schneise (neben dem Kanal sollen auch eine Bahnstrecke, Straßen, ein Flughafen, Erholungsgebiete und eine chinesische Sonderwirtschaftszone entstehen) würde zur Folge haben, dass Angehörige der Rama, Garifuna und Ulwa ihrer Heimat beraubt werden. Sammelklagen, Petitionen, Straßenproteste und Steinwürfe auf Autos chinesischer Delegationen blieben bislang folgenlos.

:Marek Firlej
 

Autor(in):