Wenn man im Fahrstuhl furzt und alle peinlich berührt schweigen, hört es nicht auf zu stinken
Nur Symptombehandlung

Kommentar. Heiko Maas und YouTube wollen was tun gegen Hate Speech. Eine Kompromisslösung, wie Raumdeo nach dem Scheißen.

Der Klassiker: Aus „Heute nur ein Bier“ wurde plötzlich „Ey, soll ich in das Fach für Restmüll oder Verpackung kotzen?“ Bevor man schlafen geht noch schnell eine Nachricht an den/die ExpartnerIn: „Ich liebe dich noch. Lass uns den nächsten Billigflieger nach Marrakesch nehmen und heiraten“. Am nächsten Morgen schreibt man dann eine lange Nachricht. Das war ja gar nicht so gemeint und man war halt betrunken. Aber eigentlich wissen wir alle: Es war so gemeint. Und genau so wenig, wie wir durch zwölf Bier und drei Jägermeister unsere Gefühle verschwinden lassen können, genau so wenig können wir das Problem von Hasskommentaren durch Löschen lösen.

Sollten Hate Speech oder extremistische Inhalte auf YouTube schwerer zugänglich werden, suchen sich die Betroffenen neue Alternativen.  Beispielsweise sammelt die rechtsextremen Website therebel.media bereits Geld für eine „konservative YouTube-Alternative“. Im öffentlichen Diskurs wären diese Meinungen nicht mehr sichtbar, aber trotzdem verbleiben sie in den Köpfen der Gesellschaft. Im schlimmsten Fall radikalisieren sich diese Menschen und wettern bei geschlossenen Stammtischen oder im Darknet gegen die „linksversifften Meinungsvorschreiber“. Und was passiert, wenn Menschen sich radikalisieren und in den Untergrund verschwinden, konnten wir bei den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) beobachten. 

Die Pointe

Warum möchten YouTube und Co. eigentlich Hate Speech und extremistische Inhalte verbannen?  Der Grund ist simpel: Kosmetik. Kein Unternehmen möchte seine Werbung neben rechtsextremen Seiten oder vor einem Enthauptungsvideo vom IS sehen. Und YouTube und Facebook haben primär ein Ziel: Sie wollen Geld verdienen. Aber was genau können wir denn jetzt gegen potentiell gefährliche Inhalte tun? Wir sollten uns lösen vom alten „Wir-verbieten-das-Reflex“ und zur Drogenpolitik schielen. Die RaucherInnenquote bei den 12- bis 17-jährigen ist auf einem historischen Tief. Aufklärung und Prävention scheinen Erfolg zu haben. Eine aufgeklärte Bildung ist der Schlüssel, keine kosmetische Symptombehandlung. 

:Andreas Schneider