Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung
Nicht nur Zeugin, sondern auch Kämpferin
Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Esther_Bejarano,_70_Joer_Befreiung_vum_Faschismus-108.jpg, CC BY-SA 3.0 LU
Aktiv bis zuletzt: Esther Bejarano stritt auch noch im hohen Alter für ihre politischen Ideale.

Nachruf. Die Auschwitz-Überlebende und Antifaschistin Esther Bejarano ist im Alter von 96 Jahren gestorben.

Esther Bejarano wurde 1924 in eine deutsch-jüdische Familie hineingeboren. Nachdem sich der antisemitische Terror unter den Nazis zunehmend verschärfte, versuchte ihre Familie vergeblich, das Land zu verlassen. 1941 wurde sie interniert: Die 16-jährige Esther musste Zwangsarbeit in Brandenburg leisten, während ihre Eltern nach Litauen verschleppt und ermordet wurden. 1943 wurde Esther nach Auschwitz deportiert. Aufgrund ihrer musikalischen Begabung und Vorbildung wurde sie Akkordeonistin im dortigen Mädchenorchester. Weil sie deshalb von der härtesten körperlichen Arbeit freigestellt war, überlebte sie das KZ und die anschließenden Todesmärsche. Auf einem solchen konnte sie schließlich fliehen und erlebte in Mecklenburg-Vorpommern die Befreiung vom Faschismus im Mai 1945.

Kurz darauf ging sie nach Palästina, wo ihre Schwester lebte und wo sie 1950 ihren Mann, den Kommunisten Nissim Bejarano, kennenlernte. Zunehmend unzufrieden mit ihrem Leben in Israel gingen die beiden 1960 mit ihren Kindern nach Deutschland und ließen sich in Hamburg nieder. Von dort aus wirkte Esther die letzten 60 Jahre politisch und künstlerisch: Sie engagierte sich gegen Rassismus, Rechtsradikalismus und Militarismus, produzierte antifaschistische Folkmusik auf Jiddisch und politischen Hiphop, schrieb Bücher und trat öffentlich als Kritikerin und Mahnerin auf. Zuletzt machte sie sich dafür stark, dass der 8. Mai, der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, Feiertag wird und rief dazu auf, sich gegen Corona impfen zu lassen.

Allenthalben wird Bejarano nun in Medien und Politik gewürdigt. Außenminister Maas (SPD) bezeichnete sie als „wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus“. Die Realität aber sieht weniger einmütig aus: Denn Esther war nicht „nur“ eine engagierte Shoah-Überlebende. Sie war aktive Antifaschistin, Antikapitalistin, Kriegsgegnerin und Antizionistin. 1999 etwa war sie aus Maas’ Partei ausgetreten, nachdem die rot-grüne Bundesregierung Jugoslawien überfallen und damit den ersten deutschen Krieg nach 1945 begonnen hatte. Ihre neue Heimat wurde die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). Zwei Tage vor ihrem Tod musste Esther noch erleben, wie dieser wegen Formfehlern der Status als Wahlpartei abgesprochen wurde, weshalb sie im Herbst nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen darf und außerdem um ihre finanzielle Existenz fürchten muss. Einen ähnlichen Angriff hatte es schon zwei Jahre zuvor gegen die andere größere Organisation gegeben, in der Esther tätig war: 2019 wurde der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen (VVN-BdA), deren Ehrenvorsitzende sie war, zwischenzeitlich der Status der Gemeinnützigkeit aberkannt, weil sie in einem Verfassungsschutzbericht auftauchte. Zudem war die Jüdin entschiedene Kritikerin der israelischen Politik und unterstützte die Boykottkampagne BDS, die von SPD und Grünen bis AfD einhellig als antisemitisch diffamiert wird und deren Unterstützer:innen seit einem Bundestagsbeschluss massiven Restriktionen, öffentlichem Druck und drohenden Repressalien ausgesetzt sind. Schließlich war Esther auch eine Kritikerin der herrschenden Flüchtlingspolitik und bezeichnete das Agieren der EU in dieser Frage als „Schande“.

Mit Esther Bejarano haben wir eine wichtige Zeugin schlimmster Menschheitsverbrechen und eine unermüdliche Kämpferin verloren. Ihre Erfahrungen und Worte sollten uns Mahnung, ihre Beharrlichkeit und Konsequenz uns Vorbild sein.

:Leon Wystrychowski