„Für uns oder gegen uns.“
Nicht aus heiterem Himmel
Bild: lewy
Mehr als Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Frankreichs Geschichte und Gesellschaft hat viele Seiten.

Kommentar. Auch der jüngste Anschlag in Frankreich war das Ergebnis verfehlter und aggressiver Staatspolitik im In- und Ausland.

Der grausame Mord an Samuel Paty schlägt hohe Wellen in Frankreich. Hier treffen europäische Zivilisation und Freiheit auf orien-talische Barbarei – so das vielfach vermittelte Bild. Laut Präsident Macron befindet sich das Land im Krieg und zwar einem der Werte. Es gehe gegen „Islamismus“ und gegen muslimischen „Separatismus“. Letztes meint, was bei uns „Parallelgesellschaft“ genannt wird: zu viele Barbershops, Halal-Supermärkte und Moscheen. Aber auch wenn Menschen staatlich verordnete Trauer nicht mittragen, ist das angeblich ein Angriff auf die Gesellschaft. Aber: Kann man von Muslim:innen erwarten, dass sie Charlie „sind“? Dass sie ein Magazin verteidigen, das vor plumpem Rassismus gegen Muslim:innen, Araber:innen, Schwarze, Jüdinnen und Juden nur so überquillt? Ist ein Mordopfer automatisch ein „Nationalheld“, wie es Macron über Paty sagte? Man kann den Terror verurteilen – und das machen die meisten Muslim:innen in Frankreich auch. Aber man sollte sich davor hüten, die Opfer alle zu Held:innen der Meinungsfreiheit zu verklären. Und man kann von den Opfern der Opfer nicht erwarten, dass sie sich mit letzteren verbunden fühlen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ein Mord mit der Erniedrigung einer Minderheit gleichgesetzt werden kann – zumal: Es geht nicht nur um die Beleidigung durch geschmacklose Karikaturen.

Sowohl die Anschläge als auch die „Karikaturen-Streits“ können nicht ohne ihren Kontext verstanden werden. Frankreich ist ein sozial zutiefst gespaltenes Land. Auch der Rassismus sitzt tief. Er stammt aus der Kolonialzeit: In den ghettoisierten Vorstädten, den Banlieus, leben die Nachkommen der kolonisierten Afrikaner:innen. Hier brachen über Jahrzehnte immer wieder Unruhen aus, die verglichen etwa mit den Riots in England, von einem beeindruckend politischen und Unrechtsbewusstsein geprägt waren. Französischer Hiphop verbindet mehr noch als deutscher Story-Telling über von Rassismus, Armut und Kriminalität geprägten Alltag mit politischen Forderungen und antikolonialem Geschichtsbewusstsein. Doch wurde migrantisches Selforganizing von der berüchtigten französischen Polizei stets unterdrückt, weshalb auch hier salafistische Ideologien unter Jugendlichen mittlerweile verfangen. Wie auch in Deutschland ist das Phänomen erst wenige Jahre alt. Angestachelt wird es zudem von Gesetzen und Kampagnen der Politik, die sich seit Jahren immer neue Maßnahmen ausdenken, die sich gegen Muslime richten. Wie in Deutschland, so sind Übergriffe auf Muslim:innen und brennende Moscheen heute an der Tagesordnung. Hinzu kommt, dass der französische Kolonialismus nicht der Vergangenheit angehört: Paris baut seit Jahren seine Vormacht in den früheren Kolonien aus, auch militärisch: Mehr als 5.000 Soldat:innen sind allein in der Sahelzone, dem früheren „Französisch-Zentralafrika“ stationiert. Auch in Libyen mischt Paris seit 2011 federführend mit und im Libanon trat Macron zuletzt in anmaßender neokolonialer Manier auf. All das läuft unter dem Label „Krieg gegen den Terror“, was erklärt, wieso die französische Regierung auch im Inland derart gegen Muslim:innen wettert. Es ist der Krieg an der Heimatfront. Die eigenen Reihen sollen geschlossen werden. Zugleich wird gespalten was das Zeug hält: Für uns oder gegen uns, das ist mittlerweile das Motto in Frankreich. Nur, dieses „wir“ hat nichts mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu tun.

:Leon Wystrychowski