Die Toten Hosen – Tod den Nationen?
Nazis raus!
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Bis zum Ende der Nation: Die Toten Hosen in Bochum. Foto: Jacq
Bis zum Ende der Nation: Die Toten Hosen in Bochum.

„Der Sascha, der ist arbeitslos – was macht er ohne Arbeit bloß? Er schneidet sich die Haare ab und pinkelt auf ein Judengrab. Zigeunerschnitzel, das schmeckt gut, auf Sintis hat er eine Wut, er isst so gern Cevapcici, Kroaten mochte er noch nie. Der Sascha, der ist Deutscher, und deutsch sein, das ist schwer. Und so deutsch wie der Sascha, wird Abdul nimmer mehr“, brüllte Campino letzten Freitag und Samstag dem ausverkauften Rewirpowerstadion an der Castroper Straße entgegen.

Die Antwort der ZuhörerInnen? Ein gänsehauterregender Fan-Chor, der die Weisung „Nazis raus!“ melodisch durch das Stadion schleppte. Auf dem gleichnamigen Sampler „Nazis raus!“ erschien bereits 1991 der Song „Fünf vor Zwölf“ („Erdal kommt aus der Türkei und wer hier gegen ihn ist, ist auch mein Feind!“) von der beispielhaften Rockband: Die Toten Hosen beweisen nun schon seit über 30 Jahren ihr politisches und gesellschaftliches Engagement gegen Faschismus und Nationalsozialismus.

Imagined Communities?

Ebenfalls am Samstag, den 1. Juni, ebenfalls in Bochum, genauer gesagt an der Ruhr-Universität, fand das neugermanistische Blockseminar „Deutsch schreiben – Deutsch sein? National Identity im Kontext deutschsprachiger Literatur“ unter der Leitung der Lehrbeauftragten Solvejg Nitzke statt. Solvejg Nitzke erklärte den StudentInnen vorab, dass das Verhältnis von Fiktion und Identität insbesondere dann an politischer Brisanz gewinne, wenn man davon ausgehe, dass nicht nur die eigene, sondern auch die Wahrnehmung fremder Identität von Konstruktionen abhängt, die zunächst alles andere als politisch erscheinen. In der Diskussion des Seminars kristallisierte sich vor allem heraus, wie paradox Nationalgefühl wirklich ist. Denn was ist eine Nation denn für eine Gemeinschaft? So viele unterschiedliche Menschen – so viele verschiedene Meinungen, so vielfältige Gesichter und Gedanken – , die man noch nie gesehen, noch nie gesprochen, noch nie gekannt hat. In der Tat seien alle Gemeinschaften, die größer sind als die dörflichen mit ihren Face-to-face-Kontakten, vorgestellte Gemeinschaften, erläutert der US-amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson in seinem Werk „Die Erfindung der Nation“.
Und welche Instanzen verhalfen und verhelfen zu dieser Vorstellung einer Gemeinschaft namens Nation? Die Instanzen Medien und die Literatur. Die SeminarteilnehmerInnen bekamen die Aufgabe, sich mit mehreren literarischen Werken auseinanderzusetzen, welche inhaltlich um die Themenfelder „Nation“, „Identität“ und „Gesellschaft“ kreisen.  Die leitenden Fragestellungen im Angesicht der Lektüre lauteten: „Lassen sich an den vorliegenden Texten Konstruktionen nationaler Identität(en) ausmachen? Welche Imagined Communities evozieren die Texte? Welche Rolle spielt die Institution Literatur und vor allem auch die Institution der Fachrichtung Germanistik in der Konstruktion der nationalen Identität(en)?“ Der mediale Weg, ob verpackt in Punkrock oder in einem Kriminalroman, sollte mehr dafür genutzt werden, den Sinn mancher vorgestellten Gemeinschaft ad absurdum zu führen.
Empfehlenswert sind insbesondere die beiden Kriminalromane, die unter anderem im Rahmen des Seminars von den Teilnehmenden gelesen sowie rezensiert werden sollten. Zum einen der Krimi „Happy Birthday, Türke!“ von Jakob Arjouni, zum anderen „Auferstehung der Toten“ von Wolf Haas. Beide Kriminalromane zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht bloß spannend sind –  sie regen zudem dazu an, sich mit der prekären Existenz von Stereotypen, Vorurteilen, Identitätskrisen und Ausgrenzungen auseinanderzusetzen.

Stummer Schrei nach Liebe

Was folgt jedoch aus dem Faktum, dass größere Gemeinschaften, in denen sich die Gruppenmitglieder nicht vis-à-vis kennen, lediglich vorgestellte Gemeinschaften sind? Solvejg Nitzke erinnerte die Studierenden an den Sommer 2006; an den „Gründungsmythos für ein neues deutsches Nationalgefühl“. „Endlich dürfen wir die Fahne aufhängen! Endlich dürfen wir unser Nationalgefühl ausleben!“, hieß es im „Sommermärchen“.
Wie passt es zusammen, dass die Toten Hosen einerseits predigen, sich gegen Faschismus und Rassismus einzusetzen und andererseits gegen alle Fußballgemeinschaften, abgesehen natürlich von „ihrem“ heiligen Verein Fortuna Düsseldorf, hetzen? Wie konvergieren die „Nazis raus!“- und die „Tod und Hass dem FCB!“-Gesänge, welche die die Toten Hosen mit Versen à la „Wir würden nie zum FC Bayern München gehen! Niemals zu den Bayern gehen!“ evozieren?
Trotzdem sind und bleiben die Toten Hosen, was ihren musikalischen Kampf gegen Rechtsextremismus anbelangt, vorbildhaft. Um ihrem antifaschistischen Tenor noch mehr Ausdruck zu verleihen, bediente sich die Band sogar an dem wohl legendärsten Song ihrer „Konkurrenz“, den Ärzten: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe. Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit. Du hast nie gelernt dich artizukulieren und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit. Oh-oh-oh, Arschloch!“ Man bekam das Gefühl, dass jeder der knapp 27.000 Fans, die Zeilen „by heart“ kannte – solche Momente machen stark und mutig. Oder in den Worten Andreas Freges alias Campino: „Das ist der Moment, an dem du einmal hängst wenn du irgendwann zurückdenkst.“