Molleindustria produziert Computerspiele gegen Ausbeutung und Krieg
Mit Popkultur gegen Popkultur
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Wer hat den stärkeren imaginären Freund? In der Religionensatire „Faith Fighter“ treten die wichtigsten Gestalten der Weltreligionen gegeneinander an – hier haut Hindugott Ganesha Jesus aus den Latschen. - Screenshot: mar
Wer hat den stärkeren imaginären Freund? In der Religionensatire „Faith Fighter“ treten die wichtigsten Gestalten der Weltreligionen gegeneinander an – hier haut Hindugott Ganesha Jesus aus den Latschen.

Ich spiele dieses Kriegssimulationsspiel von 2012. Dualvision, das heißt zwei Bildschirme, einer links, einer rechts. Erste Mission: auf dem rechten Bildschirm muss ich vor wütenden AfghanInnen flüchten, auf der linken Seite sehe ich den Protagonisten des Spiels. Er schläft. Rechts verwandelt er sich auf einmal in sein Arbeitsgerät, eine Drohne, und fliegt davon. Der Drohnenpilot wacht auf. Was für ein Traum. Nächste Mission: Die Morgen­toilette. Ich schneide mich beim Rasieren. Auf dem Weg zur Arbeit muss ich den richtigen Text von Queens „One Vision“ singen, auf der Arbeit kann ich rechts meiner Arbeit nachgehen – Verdächtige im Mittleren Osten beobachten – oder links mit meiner Kameradin flirten. Ich verkacke beides. Nach Feierabend erschießt der Drohnenpilot mit seinem Sohn Nazis auf der Spielekonsole. „Work is boring“, sagt er. Und mir, dem Spieler, wird klar: Moderne Kriegsführung ist eben nicht „Modern Warfare“.

Mit dem kleinen Flash-Spiel „Unmanned“ von Molleindustria zeigt der Entwickler Paolo Pedercini nicht nur, wie unpersönlich der Krieg heute geworden ist, wie durch unbemannte Kriegsführung die SoldatInnen noch mehr abstumpfen als ohnehin schon. Gleichzeitig prangert er an, wie diese Abstumpfung nicht nur in die Wohnzimmer gelangt, sondern auch wie verfälscht der Krieg dargestellt wird.

Kapitalismus, Sexismus, Rassismus, Militarismus

Der Italiener Pedercini sieht vieles in dieser Welt, das nicht so läuft, wie es seiner Meinung – und nicht nur seiner – nach richtig wäre. Besonders sieht er aber auch, wie diese verkehrten Werte, die diese Welt dominieren – „Kapitalismus, Sexismus, Rassismus Militarismus“, wie er im Interview mit der Indie-Spiele-Seite Indystatik.com aufzählt – in den Medien stets reproduziert werden. Darum entwickelt und veröffentlicht er unter seinem Label Molleindustria Spiele, die genau diese Missstände zum Thema haben und konterkariert sie in eben diesem Massenmedium Computerspiel.

Blut für Telefone

Oder er entwickelt ein Smartphone-(Markt-)kritisches Spiel, „Phone Story“ von 2011 – für Smartphones. Da fängt Dein Klugfon auf einmal an zu sprechen und erzählt Dir in wenigen Episoden seine Geschichte. Unter welchen Bedingungen Bodenschätze in Entwicklungsländern gefördert werden. Während Du Soldaten zu den erschöpften Arbeitern schickst, um ihnen Beine zu machen. Dann erzählt Dir Dein Telefon die Geschichte von Foxconn, dem chinesischen Handyteilfabrikanten (u. a. für iPhones), dessen MitarbeiterInnen sich nach 36-Stunden-Schichten ohne bezahlte Überstunden vom Firmengebäude stürzten, woraufhin die Firma Auffangnetze am Gebäude angebracht haben soll statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Deine Aufgabe in dieser Mission: Drollige Pixelmännchen auffangen, bevor sie auf dem Boden aufklatschen. Und dann fragt Dich Dein Smartphone: Brauchst Du mich wirklich? Natürlich brauchst Du mich, Du willst ja individuell sein. Wie jedeR andere mit so einem Telefon. Und wenn das neue Modell rauskommt, müssen die ganzen Wertstoffe des alten mittels giftiger chemischer Prozesse von unterbezahlten ArbeiterInnen herausrecycelt werden.

Das Ende der Geschichte? Apple verbannte das Spiel binnen Stunden aus seinem App-Store. Das Image der Firma soll ja so weiß und rein bleiben wie das Design ihrer Produkte. Daraufhin erschien das Spiel auf dem Android-Marktplatz und ist online auch umsonst spielbar.

Mussolinis Gesetze gegen Pädopriester

Kurzzeitig von der Molleindustria-Homepage musste das Spiel „Operation: Pedopriest“ genommen werden. Rechtskonservative christliche Kreise hatten etwas gegen das Spiel, dessen Inhalt aus dem Titel ersichtlich ist. Es ist auch evident, dass die Pädopriester in diesem Werk nicht glorifiziert werden sollen. Statt sich aber mit der Problematik auseinanderzusetzen, wurde Pedercini prompt eine Klage angehängt: Unter Berufung auf ein noch aus der Mussolini­zeit stammendes Gesetz wurde dieses satirische Spiel als Kinderpornografie klassifiziert. Zur Vertuschungsarbeit, die der Vatikan in den unzähligen Pädophiliefällen der letzten Jahrzehnte geleistet hat – dem eigentlichen Thema des Spiels – setzt sich der Vatikan bis heute nicht auseinander.

Götterkloppe auf amerikanischen Servern

Die aktuelle Molleindustria-Seite liegt auf einem amerikanischen Server; dort sind nun alle Spiele spielbar – zumindest bis Paolo Pedercini nicht ein weiteres Skandalspiel wie das als antimuslimisch verschriene, tatsächlich aber allgemein antireligiöse Prügelspiel „Faith Fighter“ herausbringt. Bis dahin rette ich weitere freie Information vor der Kommerzialisierung, arbeite bei McDonald’s, versuche dem alltäglichen Grau in Grau zu entfliehen oder täusche einen Orgasmus vor.

Alle Molleindustria-Spiele kann man kostenlos online auch auf dem Rechner spielen unter:
www.molleindustria.org

 

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