:bsz-Kommentar zur Streik-Debatte: Ungenießbar – zuviel Moral verdirbt das Thema!
Mediale Moralpredigten
Karikatur: ck
Neulich auf der Pressekonferenz: Wen interessiert schon der Streik? Karikatur: ck
Neulich auf der Pressekonferenz: Wen interessiert schon der Streik?

Aktuell wird in der großen Koalition das Thema diskutiert, wie man die Tarifeinheit neu regeln kann. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat sich viel vorgenommen, denn eine Neuregelung der Tarifeinheit ist ein kompliziertes Unterfangen – schließlich ist die Koalitionsfreiheit durch das Grundgesetz geschützt. Anlass dieser Debatte, die auch die Medienlandschaft spaltet, ist der Pilotenstreik aus der vergangenen Woche.

Wenn in der Bundesrepublik gestreikt wird, dann brennt die Luft. Nun, nicht immer, aber im Fall von PilotInnen und LokführerInnen dauert es für gewöhnlich nicht lange, bis ein Aufschrei durch die Chefetagen und Büros der deutschen Wirtschaftselite hallt. Auch die Politik wird schnell hellhörig, wenn bestimmte Berufsgruppen und ihre gewerkschaftlichen Vertretungen zum Streik aufrufen – schließlich drohen Verluste, die es abzuwenden gilt.

„Qual“itätsjournalismus

Für die Medien ist so ein Streik nur interessant, wenn er eine gewisse Brisanz aufweist. Im Fall der PilotInnen wird aktuell immer wieder die Frage nach der Verhältnismäßigkeit gestellt. Eine Meinung, die für besonderes mediales Aufsehen sorgte, ist die des CDU-Politikers und Direktors für Wettbewerbs­ökonomie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Justus Haucap. Er warf der Vereinigung Cockpit in der vergangenen Woche „Erpressung“, „Gier“ und „Maßlosigkeit“ vor. Zudem äußerte er gegenüber dem Handelsblatt Online, dass man bei „besonders mächtigen Unternehmen“ prüfen solle, ob im Falle eines Streiks das „Prinzip der Verhältnismäßigkeit“ überhaupt erfüllt sei. Damit fordert Haucap nichts anderes, als das Streikrecht in bestimmten Fällen einzuschränken, um die Wirtschaft zu schützen – gut für die Unternehmen, schlecht für die Beschäftigten.  
Für viele Wochen- und Tageszeitungen war dieses Statement natürlich ein gefundenes Fressen. Ganz reißerisch wurde hier und dort die Frage gestellt und diskutiert, ob die „gierigen Piloten“ überhaupt streiken dürften; moralisch gesehen – schließlich verdienten sie mehr als genug. Mit Haucaps Forderung und deren Bedeutung, für das individuelle Grundrecht zu streiken, beschäftigte sich kaum ein Format.

Irreführender Kompass

Auf SPIEGEL ONLINE platzierte man gar einen Kompass, der neben der Meinung vieler Zeitungen auch die der Leserinnen und Leser zum Pilotenstreik abbildet. Recht plakativ wurde hier die Frage gestellt, ob der Streik verhältnismäßig sei und ob er der Branche schade. Wenig überraschend, dass viele Zeitungen, Medien und LeserInnen den Streik als unverhältnismäßig werteten. Solidarität sieht anders aus! (Der Deutschlandtrend aus der vergangenen Woche zeichnet übrigens ein anderes Bild. Hier zeigten die Befragten mit zwei Dritteln Verständnis für das Begehren der PilotInnen.)

Moraljournalismus

Recht traurig ist auch der Umstand, dass die Debatte abseits des ganzen Unsinns, der Klicks und Kommentare im Internet produzieren soll, nicht mehr hervorgebracht hat als recht dürftige Kommentare seitens der Presse, einiger Politiker und Wirtshaftsvertreter. Sicherlich hätte es ganz gut getan, darauf hinzuweisen, dass es neben den „relevanten Wirtschaftszweigen“ auch Gewerkschaften und Vertretungen gibt, die im Schatten der Großen ein medial unbeachtetes Dasein fristen.

Pustekuchen! Denn seit Uli Hoeneß gibt man sich nun lieber einem ausufernden Moraljournalismus hin, der sich auf dem Niveau einer bekannten Bilderbuchzeitung bewegt. Ich würde mich nicht wundern, wenn der „unmoralische Pilotenstreik“ in den kommenden Wochen auch von Will, Lanz, und Co. ausgeschlachtet wird. Neben LehrerInnen, die mit „unmoralischen Angeboten“ in fremde Bundesländer gelockt werden, um dort ihren Beruf auszuüben, bieten sich zahlreiche Branchen und Berufe an, die man in lauteren Gesprächsrunden verteufeln kann. Danke! Nein!