Die Gaza-Offensive 2012 und tendenziöse Berichterstattung
Medial simplifzierte Gewaltspirale
Foto: flickr.com, Israel Defense Forces, CC-BY-NC 2.0.
Israelisches Raketenabwehrsystem "Iron Dome": die mediale Berichterstattung wird zunehmend auf die Schilderung kriegerischer Auseinandersetzungen reduziert. Foto: flickr.com, Israel Defense Forces, CC-BY-NC 2.0.
Israelisches Raketenabwehrsystem "Iron Dome": die mediale Berichterstattung wird zunehmend auf die Schilderung kriegerischer Auseinandersetzungen reduziert.

Obgleich die neuerliche Gaza-Offensive der Israel Defense Forces (IDF) vor einigen Tagen in einer beiderseitigen Waffenruhe endete, bleiben die neuralgischen Punkte des Nahostkonflikts unangetastet. Während dies aufgrund der sich kontinuierlich drehenden Gewaltspirale, scheiternder Annäherungsversuche und fortschreitender Radikalisierung kaum noch jemanden zu überraschen vermag, verblüffte die deutsche Presselandschaft mit relativ unkritischer Berichterstattung hinsichtlich der Ereignisse in Nahost.

Zunehmend offenbart sich die Tendenz, dass die mediale Landschaft sich bereitwillig auf die regelmäßig erfolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen stürzt und sie in einer willkürlichen Darstellung von Gewalt und Gegengewalt aufbereitet. Dies ist aus zwei Gründen problematisch: Zum einen gleicht es einer die Problematik verkürzenden Suche nach der Henne und dem Ei. Berichte, denen zufolge die IDF auf Raketenfeuer aus dem Gazastreifen reagierten, werden mit Schilderungen über Luftangriffe und ihre zivilen Opfer gekontert. Verweise auf das Recht Israels auf Selbstverteidigung werden mit Forderungen nach dem Recht der PalästinenserInnen auf Freiheit und Selbstbestimmung beantwortet. Und Berichten über die Kriegsopfer der Zivilbevölkerung Gazas werden Darstellungen traumatisierter, verwundeter oder entzweigerissener Familien in Sderot, Ashkelon oder Netivot entgegengestellt. Eine solche Aufbereitung in den Medien ist allerdings insofern kontraproduktiv, als dass ein Abgleiten in die Narrative der beiden Konfliktparteien beinahe unvermeidlich wird. Viel zu oft geht es nur darum, welche Seite den ersten Schuss abgegeben hat, damit der zweite legitim erscheint.

Willkür in der Legitimierung

Zum anderen sind Schilderungen, welche in der kurzsichtigen Analyseebene von Reaktion und Gegenreaktion verharren, nicht nur kontraproduktiv, sondern auch potenziell irreführend. In dem konkreten Fall der Gazaoffensive im November 2012 wurde dies besonders deutlich. Die Argumentation, welche von offizieller israelischer Seite vorgebracht und von vielen internationalen Medien aufgegriffen wurde, ist faktisch zweifelhaft, in jedem Fall aber willkürlich. Das israelische Außenministerium begründete die Operation „Pillars of Defense“ mit Verweis auf das anhaltende Raketenfeuer aus dem Gazastreifen, insbesondere seit dem 10. November 2012. Sowohl in Presse als auch in Politik wurde fortan von israelischen Vergeltungsschlägen gesprochen. Willkürlich ist dies deshalb, weil es bereits in den Tagen vor dem 10. November 2012 zu Zwischenfällen an der Grenzanlage zwischen Gazastreifen und israelischem Kernland kam, infolge derer mehrere palästinensische Zivilisten umkamen. Folglich hätte das Raketenfeuer aus dem Gazastreifen ebenso gut als „Vergeltungsschlag“ bezeichnet werden können.

Tendenziöse Berichterstattung

Letzten Endes ist eine Berichterstattung, die lediglich den Narrativen der Konfliktparteien folgt und tiefergehende Faktoren für die komplexe Lage in Nahost ausblendet, ein Nullsummenspiel, das weder jemandem nützt noch zum besseren Verständnis der Situation verhilft. Schlagzeilen á la „Israelische Armee ermordet Hamas-Militärchef Dschaabari“ (Focus, 14. November 2012) sind dabei ebenso tendenziös wie Passagen, denen zufolge Israels Luftschläge lediglich eine „Reaktion“ auf vorangegangenes Raketenfeuer „radikaler Islamisten“ aus dem Gazastreifen seien (siehe z.B. SPON 14. November 2012, „Israel startet Angriff auf Hamas – Militärchef Dschabari getötet“). De facto sind auf den Seiten beider Konfliktparteien derzeit kaum politische Konstellationen denkbar, welche Auswege aus der festgefahrenen Situation offerieren könnten. Der seit den späten 1990er Jahren zunehmende Rechtsruck in israelischer Politik und Gesellschaft, der kontinuierlich erfolgende Siedlungsbau zu Lasten der palästinensischen Zivilbevölkerung seit den 1970er Jahren sowie die Radikalisierung beträchtlicher Teile der palästinensischen Bevölkerung im Zuge des globalen „islamischen Erwachens“ in den 1970er und 1980er Jahren haben in aller Regelmäßigkeit zur Eruption gewaltsamer Konflikte geführt. Aufgrund der Komplexität dieser Prozesse, welche sowohl regionale, nationale als auch globale Elemente beinhalten, ist eine Berichterstattung, die unkritisch Positionen der Konfliktparteien rezipiert ohne sie in den Kontext eines bislang 120 Jahre währenden Konfliktes zu setzen, wenig hilfreich und oftmals schlichtweg falsch.