Krippe dreier Weltreligionen: die arabische Welt
Mariyam, Yusuf und das Isa-Kind
Bild:lewy
Noah, Mose, Ismael, Jesus – zentrale Gestalten des Juden- und Christentums zählen zu den wichtigsten Propheten im Islam.

Interview. Christ:innen und Muslim:innen eint der Glaube an Jesu — allerdings mit einigen Unterschieden. :bsz sprach mit dem Islamwissenschaftler Dr. Abdolah Hoveyes.

:bsz: Wie sich das Christentum als Erneuerung des Judentums begreift, so versteht sich auch der Islam als Fortsetzung der beiden anderen abrahamitischen Religionen. Daher gibt es auffällige Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen untereinander, nicht zuletzt in Bezug auf die drei zentralen Gestalten der Weihnachtsgeschichte. Herr Hoveyes, Sie lehren am Islamwissenschaftlichen Institut der RUB und halten unter anderem Vorträge über das Verhältnis von Christentum und Islam. Erklären Sie uns bitte zu-nächst, welchen Platz Jesus im Islam einnimmt.

Abdolah Hoveyes: Jesus Christus (arab.: Isa) nimmt auch im Islam eine zentrale Rolle ein und gilt als einer der wichtigsten Propheten. In der Geschichte der Prophetenbiografie verbindet Jesus mit den vorangegangenen Gesandten Gottes und dem Propheten Muhammad eine gemeinsa-me Geschichte. Nach islamischem Glauben teilen sich alle Propheten denselben Urvater, Abraham (arab.: Ibrahim), wobei sich auch im Islam der Stammbaum aller Menschen auf Adam zurückführen lässt.
Diese Vorstellung von der Entstehung der Menschheit stellt eine Verbindung zwischen der jüdischen, der christlichen und der muslimischen Religion dar. Auch wenn es hier und dort leichte Abweichungen in dieser Frage gibt, hindern diese gläubige Muslime nicht daran, die Vorgänger in der Linie der Propheten zu respektieren. Daher ist der Glaube an Jesus als Prophet und Religionsstifter ein Bestandteil islamischer Überzeugung.  

 

Auch Maria spielt eine wichtige Rolle im Islam. Sie wird von vielen Muslim:innen verehrt und ihr Name im Koran 34 Mal erwähnt und damit sogar deutlich öfter, als der von Jesus. Außerdem wird letzterer — für patriarchale Gesellschaften ungewöhnlich — als ibn Mariyam, also Sohn der Maria, bezeichnet.

Genau, im Islam wird Maria als die von Gott zur Geburt eines Gesandten Auserwählte verehrt. Mit dem Christentum teilt sich der Islam der Glaube an die unbefleckte Empfängnis. Ihr Name lautet auf Arabisch ebenfalls Mariyam al-Adhra — Jungfrau Maria.

 

Spielt Weihnachten also eine Rolle im Islam?

Die Geschichte ihrer Empfängnis gilt als Zeichen für Gottes Allmacht, ähnlich wie im Christentum. Jedoch nicht deckungsgleich: Nach islamischem Glauben dienen die dort geschilderten Ereignisse als Beweis für Gottes Existenz, seine Barmherzigkeit und als Botschaft an die Ungläubigen. Die physische Geburt Jesu’ wird im Koran nur am Rande erwähnt. Im Mittelpunkt steht seine Rolle als Prophet. 

 

Wie sieht es mit Josef aus? 

Yusuf, wie der irdische Vater von Jesus auf Arabisch heißt, wird im Gegensatz zu den biblischen Texten kaum erwähnt.

 

Wie würden Sie die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Christentum und Islam charakterisieren?

In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass stets Unterschiede zwischen den Anhängern einer Religionsgemeinschaft und einer Religion an sich zu beachten sind. Christentum, Islam und auch das Judentum haben mehr Gemeinsamkeiten, als manche Anhänger dieser drei monotheistischen Religionen anerkennen wollen. So ist der gemeinsame Kulturraum, die heutige arabische Welt, die Geburtsstätte der drei monotheistischen Religionen. 
Dies ist stets bei Vergleichen zwischen den drei großen Weltreligionen zu berücksichtigen. Die gemeinsame Kultur, der geographische Raum, den sich die Menschen der Heiligen Schriften teilen, die Übereinstimmungen in den Lebensgewohnheiten, dies alles prägt das Gottesbild, das sich in den Schriften widerspiegelt. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte :Leon Wystrychowski