Ein inklusives Filmprojekt für Menschen mit Beeinträchtigung will mobilisieren
Leichte Sprache für leichte Wahl
Karikatur: Michael Holtschulte
Komplizierter Urnengang: Nicht alle, die wählen können, wollen es; nicht alle, die es wollen, können es. Karikatur: Michael Holtschulte
Komplizierter Urnengang: Nicht alle, die wählen können, wollen es; nicht alle, die es wollen, können es.

„Wählen darf man, wenn man über 18 Jahre alt ist und wenn man ein deutscher Bürger ist“, stellt der Sprecher im Film „Politik geht uns alle etwas an“ schon früh klar. Dieses Recht gilt auch für die meisten Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und erst recht für jene mit Lernschwierigkeiten. Folgerichtig erhalten sie in Wahljahren auch ihre Wahlbenachrichtigung. Trotzdem gehen viele der Betroffenen nicht zur Urne. Denn mit einem formellen Brief in bestem Amtsdeutsch im Postkasten ist die Aufklärungsarbeit noch nicht getan.

Anja Hahlweg, Mitarbeiterin der Lebenshilfe Berlin, stolperte bei eben dieser Arbeit über eine Lücke: Sie wollte ihre KlientInnen mit einem Film informieren, der auch für die Zielgruppe verständlich ist. Da viele Menschen dieser Personengruppe nicht oder nur eingeschränkt lesen können, schien der Film die logische Wahl zu sein. Nur: Einen solchen Beitrag gab es noch nicht auf dem Markt. Also wurde Hahlweg selbst aktiv. Für sie war dabei von Anfang an klar, dass die Produktion des Films auch selbst ein inklusives Projekt werden sollte.

Ein Team aus interessierten Mitgliedern der Wohngruppen der Lebenshilfe wurde per Aushang gesucht und gefunden. In stundenlangen Sitzungen wurde kleinschrittig ein Konzept entworfen, das in einem detaillierten Drehbuch mündete. Für die Umsetzung wurden dann eine professionelle Produktionsfirma und Schauspieler des inklusiven Theaters Thikwa engagiert. Nach einem Probelauf wurde der Film noch einmal vereinfacht, Musik leiser und Erklärungen leichter gemacht. Denn auch Menschen mit mittlerer geistiger Beeinträchtigung sollen nach dem Anschauen informierter sein.

Das Ergebnis kann man sich seit einigen Monaten auf Youtube ansehen. Als in Häppchen unterteilte Filmreihe widmet sich „Politik geht uns alle etwas an“ in fünf Teilen der Bundespolitik und der dazu gehörigen Bundestagswahl. Die Themenbereiche umfassen die Fragen „Was ist Politik?“, „Was sind Parteien?“, „Wie wird gewählt?“, „Was passiert nach der Wahl?“ und „Wie kann man noch Politik machen?“ Diese sind in eine Art Rahmenhandlung eingebettet: Die Hauptfiguren des Films sind Maja und Paul, die in ihrem Briefkasten die Wahlbenachrichtigung vorfinden. „Eigentlich weiß ich gar nicht viel über Politik“, gesteht Maja ein. Mit einer DVD (die den animierten und von einem professionellen Sprecher gesprochenen Teil des Films enthält) schafft Paul Abhilfe. Am Ende steht für Maja nach der Wahl fest, dass sie selbst aktiv werden möchte: „Es kann doch nicht sein, dass wir bis zur nächsten Wahl nichts mehr machen können. Wir haben uns in letzter Zeit so viel mit Politik beschäftigt!“ Ein Happy End also?

Keine 1.000 Klicks

Trotz Auszeichnung beim „Preis Politische Bildung“ des Bundesausschusses zum Thema sind die Besucherzahlen bisher allerdings recht mau: Zwischen knapp 300 und knapp über 1.000 Klicks können die sechs Videos verzeichnen. Die meisten ZuschauerInnen hat dabei das 30-sekündige, inhaltslose Intro bekommen. Danach nimmt das Interesse stetig ab. Zum Vergleich: Der virale Wahlwerbespot „Metallmix“ der Gewerkschaft IG Metall steht momentan bei über einer Million Views.

Mutig, aber schwierig

Das mag daran liegen, dass die Zielgruppe vielleicht nicht den ganzen Tag vor dem Rechner sitzt und sich eigenständig über die Wahl informiert – so wie übrigens auch sonst kaum irgendeine Zielgruppe. Hier wären vielleicht Hilfestellung und Unterstützung der BetreuerInnen in den entsprechenden Einrichtungen (z. B. der Lebenshilfe) vonnöten. Die Wahl einer Hauptdarstellerin mit Sprachstörung ist dazu einerseits mutig, anderseits aber auch dem Informationsfluss nicht gerade zuträglich.

Der Film hat zwar ein gutes Anliegen: Wer wählen darf, sollte dazu auch vorbereitet und ermutigt werden. Dass auch politische Partizipation im Alltag wichtig ist, bleibt ebenfalls unbestritten. Allerdings möchte „Politik geht uns alle etwas an“ in zu kurzer Zeit zu viel. Nicht jeder Mensch muss gleich aus der Lethargie in den Stadtrat springen. Vielleicht wäre es sinnvoll, einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Ein halbstündiges Video macht auch aus einem nicht-beeinträchtigten Wahlmuffel keine Polit-Rampensau. Das muss auch gar nicht sein: Politik kann man auch beeinflussen, wenn man sich nicht engagiert. Wählen ist vergleichsweise einfach und bringt keine weiteren Verpflichtungen mit sich. Dieser Aspekt geht bei „Politik geht uns alle etwas an“ leider etwas unter.

Link zum Videokanal:
www.youtube.com/LebenshilfeBer