Protest seitens der Lehrkräfte gewollt
LehrerInnen müssen „Nein“ sagen zu Abschiebungen
Bearbeitung: kac
Der Sokratische Eid von LehrerInnen im Dienste der Festung  Europa? Soweit ist es noch nicht, aber die Abschiebungen aus Schulen sorgen für Empörung. Foto: kac
Der Sokratische Eid von LehrerInnen im Dienste der Festung Europa? Soweit ist es noch nicht, aber die Abschiebungen aus Schulen sorgen für Empörung.

Kommentar. Die jüngsten Ereignisse in Klassenzimmern in Duisburg und Nürnberg haben auch die Frage aufgeworfen: Wie sollen LehrerInnen damit umgehen? Trotz rechtlicher Konsequenzen kann es für sie nur darum gehen, diese Abschiebungen zu verhindern.

„Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.“ 
Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner
 
In Herrn Keuners Parabel über die „Maßnahmen gegen die Gewalt“ kommt es viel zu spät. „Nein“, das sagt der Herr Egge, von dem Herr Keuner in seiner Geschichte erzählt, um sich vor seinen Schüler-
Innen zu rechtfertigen, kein Rückgrat gezeigt zu haben. Erst als alles vorbei ist – die Ausbeutung, die Unterdrückung durch diesen Agenten – da atmet Herr Eggers durch und flüstert: „Nein!“
Ist das nicht das gleiche „Nein“, mit dem nun LehrerInnenvertretungen verspätet auf die jüngsten Abschiebungen antworten? Über die jüngsten Ereignisse in Klassenzimmern in Duisburg oder Nürnberg haben sich LehrerInnenverbände und Gewerkschaften im Nachhinein zurecht empört. Doch es reicht nicht, wenn die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW (GEW), Dorothea Schäfer eine „sensiblere Einzelfallregelung“ fordert. Das übliche Argument: Gegen geltendes Recht können wir nichts ausrichten.
 

Vorbildlicher Protest der SchülerInnen 

 
Direkten Widerstand gegen dieses geltende Recht haben die Klassen-
kameradInnen derer, die von der Abschiebung betroffen sind, geleistet. Und dieser zivile Ungehorsam von SchülerInnen gegen die Polizei war nicht nur richtig, sondern sollte auch Orientierungspunkt für LehrerInnen und ihre Vertretungen sein. Ohnmacht vor bestehendem Recht ist die falsche gewerkschaftliche Haltung. Wenn integrierte SchülerInnen (ja, das Vorgehen in Nürnberg hat sogar konservative Kreise zum Denken veranlasst) aus dem Unterricht gerissen werden, um in Länder wie Afghanistan abgeschoben zu werden, deren Bezeichnung als „sichere Herkunftsländer“ purer Zynismus ist, dann gilt auch für Gewerkschaften und LehrerInnenverbände, dagegen Widerstand zu leisten. Auch gegen bestehendes Recht! 
Wie sehr sich LehrerInnen strafbar machen, wenn sie – in welcher Form auch immer – versuchen, die Abschiebungen zu vereiteln, ist eine juristische Grauzone. Disziplinarverfahren sind nicht unwahrscheinlich. Trotzdem ist hier eine, wie es Hannah Arendt nannte, „Pflicht zum Ungehorsam“ zu fordern. Sonst müssen LehrerInnen sich wie Herr Keuner vor seinen SchülerInnen rechtfertigen. Befragt nach seinem fehlenden Rückgrat antwortet dieser: „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.“ Ein Akt von Gewalt ist auch eine Abschiebung. Vielleicht ist es daher ein berechtigter Einwand gegen verbalrhetorische Widerstandsaufrufe, wenn LehrerInnen sagen: Alleine kann ich dagegen nichts ausrichten. Außerdem muss ich an meine berufliche Zukunft denken. Aber: Auf welche Zukunft wollen LehrerInnen noch hoffen, wenn nun ihre SchülerInnen aus dem Klassenraum gerissen werden, um sie mit ihren Familien in Krisenregionen abzuschieben?
:Benjamin Trilling