Essen: ‚Kultur von unten‘ politisch offenbar unerwünscht
Kulturschule geräumt
Foto: Mosmas, Wikimedia / Bearbeitung: ck
Die Bärendelle: Essener Leerstand geräumt.
Die Bärendelle: Essener Leerstand geräumt.

(dh) AktivitstInnen des sogenannten „Plenums Bärendelle“ hatten am vergangenen Montag (22.7.) ein leerstehendes Schulgebäude in Essen besetzt. In dem über 100 Jahre alten denkmalgeschützten Haus an der Bärendelle wurde vor zwei Jahren der Frohnhausener Hauptschulbetrieb eingestellt. Während die Stadt nach InvestorInnen sucht, verfällt das Gebäude zusehends – ein Leerstand von vielen im Ruhrgebiet, die ideenlos verwaltet werden. Nur zwei Tage später, am Mittwochmorgen (24.7.), wurde die Schule nach einem Amtshilfeersuchen der Stadtverwaltung durch die Polizei geräumt – doch die Diskussion geht weiter.

Zuletzt Anfang Juli hat das Ruhrgebiet sein kultur- und kreativwirtschaftliches Potential ausgiebig gefeiert: Zur Extraschicht zeigten sich die aufwendig restaurierten und neu genutzten Industriebrachen aus den Goldenen Zeiten von Kohle, Stahl und Bier mal wieder von ihrer besten, bunt beleuchteten und populärkulturell bespielten Seite. Nach außen mag der Strukturwandel einen Imagewandel mit sich bringen; vielen Menschen in der Region geht’s jedoch schlechter als noch vor einigen Jahren. Das beleuchtet unter anderem ein Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zur regionalen Armutsentwicklung (Dezember 2012). So nahm in der Region Duisburg/Essen die Armutsquote seit 2006 um 24 Prozent zu. In anderen Ruhrgebietsstädten sieht‘s zum Teil noch schlechter aus. Armut und Abwanderung bedingen sich wechselseitig und werden in zahlreichen Leerständen offensichtlich.

Mancherorts fallen ganze Hochhausburgen mit hunderten Wohnungen der „Pottflucht“ zum Opfer, Zeitungen berichten gar von „Geistersiedlungen“. Die Hauptschule an der Bärendelle musste aber schlichtweg schließen, weil man sich mit ihrer kostspieligen Sanierung überhoben hatte. So erklärt sich auch der aktuelle Zustand: Teile der Schule sind relativ gut in Schuss, einige Stockwerke nach Angaben der Stadt einsturzgefährdet.

Unkommerzielle Freiräume schaffen

Das Gebäude würde nun dem „kontrollierten Verfall überlassen“, so die Besetzer­Innen in einer Pressemitteilung  auf ihrem Blog. Sie wünschen sich einen „selbstverwalteten und unkommerziellen Raum“ für Kunst und Kreativität, der dort entstehen könnte. Dabei verweisen sie auf eine „verfehlte Kreativquartierspolitik“ und die Schließung des Jugendzentrums Essen an der Papestraße. Hierin zeige sich „die Ablehnung gegenüber unkommerziellen und selbstverwalteten Räumen von institutioneller Seite“. Ungeachtet der Frage, wie sinnvoll die Forderungen im konkreten Fall sein mögen – eine zügige Räumung und die mangelhafte Verhandlungsbereitschaft der Stadt Essen haben gezeigt, dass man sich dort auf Diskussionen gar nicht erst einlassen möchte. Plötzlich gebe es doch Investoren fürs Gebäude, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Solidarisch mit der Besetzung zeigten sich hingegen PolitikerInnen wie Birgit Rydlewski, Dortmunder Landtagsabgeordnete der Piraten, oder der Herner Sozialpfarrer Jürgen Klute, der für die Linkspartei im Europaparlament sitzt.

Nicht legal, aber legitim

Um ihre Handlungsweise im Nachhinein zu rechtfertigen, versuchte die Stadt Essen die BesetzerInnen als Vandalen zu stigmatisieren: „Sprecherin Kern beklagt […] aufgebrochene Türen, zerdepperte Fensterscheiben, beschmierte Wände und vermüllte Räume – nach Angaben der Stadt Spuren der letzten beiden Tage“, hieß es nach der Räumung auf derwesten.de. Im August letzten Jahres hatte selbiges Nachrichtenportal allerdings schon über ähnliche Schäden am Haus berichtet:  „Die Schulhofseite hinten aber bietet mit eingeworfenen Fenstern und Müll ein Bild der Verwahrlosung […].“

Was bleibt, ist der starke Eindruck, dass im prestigehungrigen Ruhr-Kultur-Zirkus für bestimmte Menschen und ihre Interessen wenig Platz ist – daneben die Hoffnung, dass die Besetzung nicht nur das Schulgebäude aus dem Wachkoma geholt, sondern einen weitreichenden Diskurs angeregt hat. Die AktivistInnen zumindest wollen weiter für Freiräume kämpfen und auf ihrem Blog über Fortschritte berichten.  

Weitere Infos im Internet unter:
www.baerendelle.blogsport.eu