Trump, Front National und ein hilfloser Gender-Mainstream
Kommentar: Die Geister, die wir riefen?
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Frisch ins US-PräsidentInnen-Amt gewählt: Gegen sexistische PopulistInnen wie Trump ist der Gender-Mainstream nicht gewachsen. Fotos: kac
Frisch ins US-PräsidentInnen-Amt gewählt: Gegen sexistische PopulistInnen wie Trump ist der Gender-Mainstream nicht gewachsen.

Die Stellungnahme des Fachschaftsrats Gender Studies zu dem :bsz-Artikel „Gender mich nicht voll“ (Semesterstartausgabe, :bsz 1100) wirft auch Fragen über die eigene Disziplin auf: Die gendergerechte Sprache wird verteidigt, als gehe es dabei um konkrete, gesellschaftliche Emanzipation. Wenn ein unverhohlener Sexist zum US-Präsidenten werden kann,  dann ist die Genderforschung nicht daran Schuld, trotzdem muss sie ihre politische Ausrichtung überdenken und radikaler auftreten.

Ein Gespenst geht um auf dem Campus – das Gespenst des Gender-Verdrusses. Viele Mächte haben sich zu einer politisch-korrekten Hetzjagd gegen dies Gespenst zusammengefunden, der FSR Gender Studies und der Blog „Feminismus im Pott“, die Listen GRAS und die Jusos. 

Doch so groß ist das Gespenst nicht – zumindest auf dem Campus: Ein Kommentar in der :bsz-Erstsemesterausgabe äußerte sich ablehnend bis abwertend über die gendergerechte Sprache und löste damit einen Eklat aus. Der Text wurde in studentischen Gremien und diversen Internetforen diskutiert und dabei von einigen in die rechte Ecke gerückt – aufgrund einer nachlässigen bis hysterischen Begriffsverwendung.

Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor: Wer sich heute an der politisch korrekten Uni gegen die gendergerechte Sprache stellt, fängt sich enormen Ärger ein – wie nun auch geschehen. Sehr viel aufschlußreicher ist jedoch die Reaktion: Gegen den Kommentar wird gepoltert, als gehe es beim Gendern um den direkten Kampf um Gleichberechtigung. 

Teilschuld der linkselitären Arroganz

Ja, Mensch sollte Artikel gendern, aber man sollte darin nicht einen StellvertreterInnenkampf gegen eine durch und durch sexistische Welt suchen. Binnen-I und Co. sind heute Mainstream: So wie sich sogar die Bullen auf das Gendern der Sprache verstehen, verstehen sich die Gender-Studies als Bullen der Sprache. Doch für diesen links- akademischen Konsens fehlt oft die gesellschaftliche Substanz: Die SexistInnen und RassistInnen von heute sind auch Geister, die negative Folge eines politisch-korrekten Diskurses, zu dem auch die Gender Studies gehören.

Von Gespenstern sollte man gar nicht mehr reden, ReaktionärInnen sind heute offen auf dem Vormarsch, alternative Lebensentwürfe sind einer Gefahr ausgesetzt wie schon seit siebzig Jahren nicht mehr. Mit dem Triumph von Trump, Front National und Co. haben auch die Gender Studies ihre Unschuld verloren, die linkselitäre Arroganz trägt eine Teilschuld am aktuellen Rechtsruck. Ein Paradigmenwechsel muss her: Weg von der gendergerechten Sprachverwaltung, hin zur engagierten Gesellschaftskritik und emanzipatorischen Aktivismus. Denn wer in der gendergerechten Sprache den alleinigen Kampf für Gleichstellung aller Geschlechter sieht und dabei zu sehr von der traurig-trumpigen Realität abstrahiert, igelt sich in der wohligen, politisch-korrekten Campus-Blase ein – und fördert die sexistischen Weltbilder, die man eigentlich bekämpfen will. Das trifft genauso auf den gesamten Wissenschaftsbetrieb zu. Aber Trump und Co. sind auch das böse Erwachen des Gender-Mainstreams. Will man sie bekämpfen, muss auch die politische Ausrichtung der Genderforschung  überdacht werden. Sonst spuken die Gespenster weiter. 

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:Benjamin Trilling