Ein sterbendes System erkennt man am Schließen seiner Nischen…
Kneipensterben in NRW?
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Rauchverbot versus Absinth – bald alles Schall und Rauch? Foto: USch
Rauchverbot versus Absinth – bald alles Schall und Rauch?

(USch) Das Absinth an der durch das Rottstr5-Theater sowie eine Galerie in den letzten Jahren kulturell aufgewerteten Rottstraße öffnete am 1. April 2001 seine Pforten. Es ist jedoch kein verspäteter Aprilscherz, dass die Kultkneipe wohl bald schon für immer dichtmachen soll; Grund sind die Folgen des totalen Rauchverbots in der nordrhein-westfälischen Gastronomie, das seit Anfang Mai das ökonomische Fundament zahlreicher Lokalitäten in NRW erschüttert.

„Auf 25 bis 30 Prozent beziffern sich die Verluste seit der Verschärfung des Rauchverbots bislang in der getränkeorientierten Gastronomie“, sagt Frank Holzhauer, der seit über zwölf Jahren das Absinth betreibt, das nicht nur für seinen lauschigen platanenumstandenen Biergarten, sondern auch als alternativkulturelles Kleinod in Bochum bekannt ist. Auf die Verbotspolitik der Landesregierung ist Holzhauer richtig sauer: Als Hauptinitiatorin macht er Gesundheitsministerin Barbara Steffens an der Spitze des grünen Kreuzzugs gegen das gastronomische Rauchen aus. Doch auch die Sozialdemokratie kriegt ihr Fett weg: Die SPD brandmarkt er in dieser Frage gar als „Hure, die mit dem Freier tanzt“; auch wenn sie in puncto Rauchen gespalten sei – positionierten sich doch zum Beispiel die mitgliederstarken Kreisverbände in Köln, Essen und Dortmund gegen das Totalverbot des blauen Dunstes in NRW-Kneipen. Auch im Landtag zeigten sich die SozialdemokratInnen in dieser Frage gespalten: Nachdem von 228 Anwesenden bei einer Enthaltung 123 Abgeordnete für die neue Verbotsregelung gestimmt hatten und 104 mit Nein, gaben 18 SPD-Abgeordnete schriftlich zu Protokoll, ein negatives Votum abgegeben zu haben.

Manipulatorische Desinformation seitens der NRW-Regierung?

„Außerdem wurde durch eine höchst fragwürdige Statistik Einfluss auf das Abstimmungsergebnis genommen“, so Holzhauer. Am Beispiel des Anfang August 2010 nach einem Volksentscheid in Bayern eingeführten Rauchverbots ohne Ausnahmeregelungen sei im Zuge der parlamentarischen Debatte im Vorfeld des NRW-Beschlusses von Landes­chefin Hannelore Kraft eine Statistik zitiert worden, laut welcher der Umsatzrückgang lediglich zwischen zwei und drei Prozent gelegen habe. Diese Statistik hätte sich jedoch nur auf Gastronomiegroßbetriebe mit einer Fläche über 100 Quadratmeter bezogen. Laut Münchner Merkur vom 1. August 2011 blieben ein Jahr nach Inkrafttreten der bayerischen Rauchverbotsverschärfung jedoch fast 30 Prozent der Kneipengäste weg. In der Gesamtgastronomie – einschließlich Fastfood-Ketten – habe es in Bayern innerhalb der ersten zwölf Monate nach dem Totalverbot rund 27 Prozent Umsatzrückgang gegeben, betont Holzhauer.

Mobilisierung gegen das Rauchen

Die Hintergründe der aktuellen Stimmungsmache gegen das Rauchen versucht der Absinth-Stammgast und Bochumer Literat Hannes Oberlindober auszuloten und identifiziert die „European Agency for Safety and Health at Work“ als Hauptinitiator der momentanen Mobilmachung gegen die RaucherInnen: „Ein ganzer Bevölkerungszweig wird gegängelt, stigmatisiert und teilweise vom öffentlichen Leben ausgeschlossen“, so Oberlindober. Dies diene vor allem der „Disziplinierung der Bevölkerung“: „Ich bin immer skeptisch, wenn es um gesundheitspolitische Reglementierung von Lebensgewohnheiten geht, während systemrelevante schadstoffreiche Industrien weiterhin subventioniert und Großkonzerne gegenüber Kleinbetrieben bevorteilt werden“, setzt Oberlindober hinzu.

Absinth am Abgrund

Frank Holzhauers Kleinbetrieb jedenfalls steht derzeit ökonomisch auf der Kippe: „Wenn es so weitergeht, mache ich Ende Oktober zu.“ Und es würde voraussichtlich nicht nur seine Lokalität treffen: „Wir sehen einem umfassenden Kneipensterben in NRW entgegen“, warnt der Absinth-Betreiber. Auch erwiesen sich zum Teil umfangreiche Investitionen der GastronomInnen nach Einführung des bedingten Rauchverbots zum 1. Juli 2008 angesichts der aktuellen Verschärfung als in den Sand gesetzt. So etwa hatte die älteste Kneipe im Bermuda3eck, das 1977 eröffnete Mandragora, wo Herbert Grönemeyer einst seine ersten Erfolge auf der Newcomer-Bühne feierte, eine große Investition in eine Plexiglaswand zur Trennung von RaucherInnen und NichtraucherInnen getätigt, die nun also umsonst gewesen sein soll.

Debatte verschoben

Die Politik schiebt eine erneute Debatte trotz breiter Proteste und eines angedachten BürgerInnenbegehrens gegen das totale Rauchverbot in NRW auf die lange Bank: Erst in einem Jahr sollen die (ökonomischen) Folgen des Verbots evaluiert werden. Dann könnten das Absinth und viele andere Kultkneipen im Lande jedoch schon längst Geschichte sein.