Billiges Leder aus Bangladesch
Knöcheltief im Gift
Foto: flickr.com, Michael Foley (CC-BY-NC-ND-2)
Gefahr für Leib und Leben: Eine Gerberei in  Bangla­­desch. Foto: flickr.com, Michael Foley (CC-BY-NC-ND-2)
Gefahr für Leib und Leben: Eine Gerberei in Bangla­­desch.

In den vergangenen Wochen sorgten Berichte über den britischen Bekleidungsdiscounter Primark für Aufsehen. T-Shirts für drei Euro, produziert in Bangladesch, die gerne auch schnell wieder weggeworfen werden – eine neue Form des Konsums ist entstanden. Doch auch bei der Produktion von Leder spielt wieder Bangladesch eine Hauptrolle.

Wie können Lederschuhe 20 Euro kosten? Wenn man sich die Produktionsstätten von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka anschaut, kann diese Frage leicht beantwortet werden. Leder, ein Produkt, das früher noch für hohe Qualität und für hohe Preise stand, folgte den Mechanismen der Globalisierung und ist heute zur günstigen Massenware geworden. Ban­gladesch ist heute nicht nur das Zentrum der Textilindustrie, sondern auch einer der größten Lederproduzenten der Welt. In den Gerbereien von Dhaka und Co. werden jährlich Lederwaren im Wert von 660 Millionen Dollar produziert und exportiert. Die Arbeitsbedingungen dort sind katastrophal und der Verdienst der ArbeiterInnen liegt im Durchschnitt bei 28 Euro im Monat.

Arbeiten für das Existenzminimum

Doch welche Möglichkeiten haben die Menschen, die bei den Gerbprozessen mit giftigen Stoffen in Berührung kommen und gleichzeitig an gefährlichen, alten Maschinen ihr Leben und ihre Gesundheit riskieren? Das Hier und Jetzt ist entscheidend, Kinder müssen ernährt werden. In Hazaribagh, einer Vorstadt Dhakas mit über 150 Gerbereien, leben die ArbeiterInnen samt Familie in unmittelbarer Nähe der Produktionsstätten und haben keinen direkten Zugang zu sauberem Wasser. Die einstige Lebensader der Stadt, der Buriganga, ist als Folge der Verschmutzung zu einem Todesfluss geworden, in dem auch spielende Kinder ertrinken. Durch die Abwässer wurde der Strom zu einem großen Sud, auch bedingt durch die Gerbereien: Tierkadaver und Schwermetalle vergiften ihn täglich immer mehr und WissenschaftlerInnen haben ihn schon für biologisch tot erklärt.

Chrom VI für den Menschen, Chili für die heiligen Kühe

Nicht erst dadurch besteht für die Menschen eine gesundheitliche Gefahr: Leder ist ein Produkt, das bekanntlich aus Tierhäuten hergestellt wird. Damit diese haltbar und für die Produktion brauchbar sind, werden chemische Stoffe wie Chrom III benutzt. Normalerweise darf man mit diesen hochgiftigen Chemikalien nicht in Berührung kommen, in Dhaka laufen die ArbeiterInnen sogar barfuß durch die Becken. Durch Fehler bei der Zusammensetzung entsteht das noch giftigere Chrom VI, das die Menschen dann über die Luft aufnehmen. Doch auch für die Tiere selbst ist es ein elender Weg in den Tod: Kühe werden in Indien günstig erworben und müssen dann über 2.000 Kilometer lange Märsche nach Bangladesch absolvieren. Damit sie trotz völliger Erschöpfung weiterlaufen, wird ihnen Chili in die Augen gerieben – eine unfassbare Tierquälerei.

Eine Alternative?

Wie kann diese große Ungerechtigkeit für Mensch und Tier gestoppt werden? Es ist für KonsumentInnen schwierig, festzustellen, wo das Leder herkommt und unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Luxusmarke Aigner, die nur in Europa produziertes Leder bei Schuhen und Taschen verwendet. Eine Alternative könnte auch das deutsche Label Deepmello sein, das statt Chrom Rhabarberwurzelextrakte bei der Gerbung benutzt. Letztlich bestimmen die KonsumentInnen, was sie tragen wollen. Wer von H&M, Primark, Zara und Co. seine Lederprodukte bezieht, wird die Produktion in Dhaka aufrecht halten, mit allen Folgen für Mensch und Tier.