1. Tag der Trinkhallen: Kulturelles Programm im Revier
Klümpchen, Kippen und ein Bier
Karte: tims/Google
Sechs Kilometer Buden-Pilgerweg quer durch Bochum: Mit Fuß-Pils und Fahrrad ausgestattet kein Problem. :bsz-Redakteur Tim nutzte den 1. Tag der Trinkhalle für Biergenuss, Kleinkunst und Sammelleidenschaft. Karte: tims/Google
Sechs Kilometer Buden-Pilgerweg quer durch Bochum: Mit Fuß-Pils und Fahrrad ausgestattet kein Problem. :bsz-Redakteur Tim nutzte den 1. Tag der Trinkhalle für Biergenuss, Kleinkunst und Sammelleidenschaft.

Das Ruhrgebiet feierte am vergangenen Samstag, den 20. August, offiziell den 1. Tag der Trinkhallen. 50 Programmbuden lieferten einen Mix aus Kabarett, Poetry Slam, Literatur oder einer gemischten Tüte aus allem. :bsz-Redakteur Tim machte sich mit dem Rad und seinen Freunden auf Budentour.

Ehrenfelder Feierabendladen

Mobil sein. Das sollte die Devise sein beim Tag der Trinkhallen, um so viele Büdchen wie möglich mitzunehmen. Deswegen setzte ich mich auf mein Fahrrad und fuhr mit meinen Freunden in Richtung Schauspielhaus. Erstes Ziel: der Ehrenfelder Feierabendladen in der Joachimstraße. Die Bude gibt es seit über 40 Jahren und liefert neben Schlegel-Bier und typischen Kiosk-Waren auch Sammelartikel des VfL Bochum. Etwas irritiert war ich dann, als Singer/Songwriter Swen O. Heiland auf der Bühne seine neue BVB-Kinder-CD „EMMAs Doppelpass“ vorstellte, und wohl davon ausging, dass in Bochum alle die schwarz-gelbe Brille aufhätten. Was sie nicht haben. Dafür entschädigte der leckere Apfelkuchen für die kleine fußballerische Irritation. Nun denn. 

HeBo Minimarkt

Nach zwei Bier in der prallen Sonne ging es weiter zur nächsten Bude, die uns mit Dancehall-Reggae empfing. Weg vom Fußball, hin zur open-minded Musikkultur. Doch war ich vor allem schon angefixt, die sammelbaren Klebebildchen ins passende Heftchen zu kleben. Im Gegensatz zu den teuren Panini-Fußballbildern waren die Buden-Bildchen kostenlos. Somit ging es von nun an darum, das Album vollzumachen. Was, mit steigendem Alkoholkonsum, um das schon einmal vorwegzunehmen, am Ende nicht ganz funktionierte. 

Kult-Kiosk Boretzki

Die erste längere Strecke mit dem Rad brachte unsere Gruppe zum Kult-Kiosk Boretzki. Der traditionelle Mauerkiosk am Freigrafendamm hatte ebenfalls ordentlich aufgetischt. Politischer Witz traf auf Klümpkes und Selters beziehungsweise Bier. Und Bratwurst. Verpackt mit Ruhrpottslang von Hotte Schibulski und Gitarrenklängen von ­Sarah Lahn. Herrlich. Ab hier legt sich langsam ein Schleier über die Erinnerung …

Bobos Trinkhalle 

Klebebildtechnisch der mit Abstand beste Spot. Wir wurden von den Besitzern praktisch mit Bildchen zugeschüttet. Trotz der beachtlichen Weinauswahl, die Bobos Trinkhalle zu bieten hatte, beschränkten wir uns weiterhin auf den Konsum von Gerstensaft. Und waren Zeugen von Außerirdischen des Traveller Club Alpha Centauri in der sächsischen Schweiz. Abgefahrene Kostüme. Verrückte Menschen, aber viele Klebebildchen. Und on top: Hauseigene Tapas von den Besitzern. Ker, gibbet wat schöneres?

Trinkhalle

Der letzte Spot der Tour. Absacker in der Kneipe Trinkhalle. Normalerweise spielen wir hier Tischtennis, heute Abend mal nicht. In sechs Stunden waren es fünf Buden und mindestens fünf Bier. Vielleicht auch ein, zwei, drei mehr. Das Sammelalbum ist erstaunlich voll geworden, ganz bekleben konnte ich es dann doch nicht. Abschließendes Resümee: ein abwechslungsreiches, kulturelles Programm, das unsere heiligen Trinkhallen angemessen würdigte. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr.    

:Tim Schwermer

 INFOBOX: BUDE

„Eine Bude machen“ heißt, ein Tor zu schießen. Öfter aber geht man zur Bude, „zur Klümpkes- oder Seltersbude“, zum „Kiosk, wo man Bier, Schnaps, aber auch Bonbons und Zeitungen kaufen kann“, erklärt das Wörterbuch „Bochumer Wortschätzchen“. Und weiter: „Oft Treffpunkt eingefleischter Freilufttrinker“.
Zwar gibt es in ganz Deutschland in Großstädten diese Kioske, aber kaum irgendwo werden sie so geschätzt wie im Ruhrpott – auch wenn die Berliner Spätis durchaus mit reizvoller Bierauswahl punkten können und Düsseldorf am selben Tag „unsere“ Idee kopierte und selbst einen Büdchen-Tag feierte.
Ihren Ursprung haben die Buden in der Hochphase der Industrialisierung vor 150–100 Jahren. In einer Zeit, in der in Deutschland so viel Schnaps getrunken wurde wie heute Bier, wurden Kioske eingerichtet, die den Arbeitern Wasser verkaufen sollten; daher Seltersbude. Diese Plätze entwickelten sich zu sozialen Knotenpunkten der Siedlung.
Heute haben die Trinkhallen mit wachsender Mobilität und den langen Öffnungszeiten der Supermärkte zu kämpfen. Jeder dritte der  (je nach Quelle) 25-30.000 Kioske steht im Ruhrgebiet. Jedes Jahr werden es bundesweit im Schnitt 200 weniger.
 
:mar
Co-Autor(in):