Nachruf für Desmond Tut
Keine Neutralität gegenüber Ungerechtigkeit
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Desmond Tutu war einer der wichtigsten Menschenrechtler des 20. und 21. Jahrhunderts. Ein Nachruf.

Am 26. Dezember erreichte die Nachricht von Desmond Tutus Tod die Öffentlichkeit. Im Alter von 90 Jahren verstarb der südafrikanische Menschenrechtler und Bischof, und – wie seine Tochter Naomi Nontombi sagte – „ging, um seinen Gott zu treffen“. Zusammen mit Nelson Mandela wird er oft zu den zentralen Figuren in der Befreiung Südafrikas vom rassistischen und kolonialistischen Apartheids-Regime gezählt, dessen Aktivismus mit dem Fall selbigen jedoch keinesfalls endete.  

Geboren wurde Desmond Mpilo Tutu 1931 in Kierksdorp im Nordwesten Südafrikas. Entgegen seinen Ambitionen, eine Ausbildung zum Arzt abzuschließen, wurde er wegen Geldmangel Lehrer – wie sein Vater vor ihm. Während seines Studiums traf er Nelson Mandela bei einer Debatte, sollte ihm jedoch erst 1990 das nächste Mal persönlich begegnen. Auch mit Robert Mugabe, dem späteren Premierminister von Zimbabwe, den er später scharf kritisieren sollte, belegte er zu dieser Zeit Kurse. Nachdem 1953 der sogenannte „Bantu Education Act“ dafür sorgte, dass die Qualität der Schuldbildung für die Schwarze Bevölkerung stark verringert wurde, gab Tutu seine Karriere als Lehrer auf und wandte sich 1958 einer Laufbahn in der Anglikanischen Kirche zu. Nachdem er in den frühen 60ern in London lebte und studierte, kehrte er nach Südafrika zurück, war jedoch auch immer wieder in Großbritannien tätig. Ein gemeinsames Gebet mit protestierenden Studierenden der ***University of Fort Hare*** war wohl sein erster persönlicher Kontakt zu direkten Aktionen gegen die Apartheid. Als erster Schwarzer Dekan der St-Mary’s-Kathedrale in Johannesburg verstärkte sich sein Aktivismus nach 1975. Wie bereits in seiner Zeit an Fort Hare, versuchte er seine Gottesdienste inklusiver zu gestalten, auch indem er Frauen mehr involvierte und geschlechtsneutrale Pronomen in den Liturgien durchsetzen wollte. In seiner Rolle als Dekan sprach er sich auch für einen wirtschaftlichen Boykott Südafrikas aus und warnte den damaligen Premierminister vor gewalttätigen Unruhen, wenn die Ungleichheit im Land nicht beseitigt wird. Wenig später kam es genau dazu, und die südafrikanische Polizei verübte ein Massaker an protestierenden Studierenden. Sein Einsatz für die Befreiungsbewegung blieb weiter stark, auch nachdem er 1976 zum Bischof von Lesotho gewählt wurde und zwei Jahre später die Leitung des South African Council of Churches (SACC) übernahm. Während der Gewalt nicht befürwortete, äußerte er Verständnis für Gruppen, die nach erfolglosem gewaltfreien Protest gegen das Apartheid-Regime zu den Waffen griffen, und kritisierte westliche Länder, die diesem Kampf gegen Unterdrückung verurteilten, als heuchlerisch. Reisen und Ansprachen, zum Beispiel in den USA, sowie aktivere Teilnahme an Protesten prägten seinen Einsatz gegen die Apartheid in den 1980ern, 1984 erhielt er den Friedensnobelpreis.  Als unter Präsident de Klerk ab 1990 die ersten Schritte unternommen wurden, die Ungleichheit und weiße Minderheitenherrschaft in Südafrika abzuschaffen, war Tutu – mittlerweile Erzbischof von Kapstadt – in die Verhandlungen und Schlichtungen von verschiedensten Konflikten zutiefst involviert, und leistete auch so einen Beitrag zur Befreiung der Schwarzen Bevölkerung Südafrikas. Sein Aktivismus beschränkte sich jedoch weder auf Südafrika, noch auf die Schwarze Bevölkerung: Das Existenzrecht Israels anerkennend plädierte er jedoch auch für die Rechte der Palästinenser:innen, und verglich die Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen mit der, die Schwarze Menschen durch die Apartheid erlebten, und setzte sich für den Klimaschutz ein. Auch nachdem er sich 2010 aus der Öffentlichkeit zurückzog, äußerte er sich immer wieder zu verschiedensten Krisen und Problemen. Bis zuletzt war Desmond Tutu eine der wichtigsten Stimmen gegen Diskriminierung und für Gerechtigkeit auf der Welt. Jemand, der es schaffte, bis zuletzt daran zu glauben, dass Versöhnung der einzige Weg sein kann und die Ansichten seiner Kirche niemals seine moralischen Ansichten überschreiben ließ, sondern sich für universelle Rechte für alle Menschen einsetzte.

:Jan-Krischan Spohr