Interview: Ex-Marine-Soldat im Gespräch
Keine Lust mehr auf Vorurteile
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Erst Bundeswehr, dann Uni: Sven studiert an der RUB Geographie. Foto: tom
Erst Bundeswehr, dann Uni: Sven studiert an der RUB Geographie.

Bundeswehr: Der ehemalige Marine-Soldat Sven berichtet von seinen Erfahrungen bei der Bundeswehr und der anschließenden Unterstützung für sein Studium.

Sven hat sowohl Artikel als auch Kommentare in :bsz 1109 zum Anlass genommen, seine Sicht der Dinge in Bezug auf die Bundeswehr darzulegen. Er spricht dabei aus acht Jahren Erfahrung bei der Marine.

:bsz: Hallo Sven. Ich würde zunächst gern wissen, worin deine Motivation bestand, uns zu kontaktieren.

Sven: Ich kann nur sagen, dass mich der Slogan „Kein Werben für’s Sterben“ stört, der meistens von Leuten verbreitet wird, die keine Ahnung von der Bundeswehr haben. Das Schwierige dabei ist, dass denjenigen, die sich dafür (Bundeswehr) interessieren und auch zur Bundeswehr gehen, eine gewisse Unmündigkeit zugesprochen wird. Mündigkeit sollte normalerweise jeder haben, sobald man sich für einen Beruf interessiert.

Wie und wann hast du dich dazu entschieden, zum Bund zu gehen?

 Mit 19. In der Grundausbildung bin ich 20 geworden. In erster Linie habe ich mir gedacht, dass es ein Beruf wie jeder andere ist. Hinzu kommt, dass ich keine Lust mehr aufs Lernen hatte und dass ich, gerade bei der Marine, was von der Welt sehen wollte. Hätte ich mich andererseits direkt für ein Studium interessiert, so hätten meine Eltern mich nur schwerlich finanziell unterstützen können.

Und jetzt studierst du. Was genau? Wieso bist du aus dem aktiven Dienst ausgeschieden?

Geographie 1-Fach. Ich schreibe gerade meine Masterarbeit. Weil mir damals keiner garantieren konnte, dass ich mit 32, meinem jetzigen Alter, Berufssoldat werden könnte. Ich hatte mich ja für acht Jahre verpflichtet und hätte mich dann für mindestens vier weitere Jahre verpflichten müssen. Dann wär ich insgesamt 12 Jahre bei der Bundeswehr gewesen und hätte immer noch keine Garantie erhalten. Und ein ganz simpler privater Grund: Ich wollte wieder zurück nach Hause. Acht Jahre an den Küsten, davon die letzten fünf Jahre in Plön … ich wollte einfach wieder zurück nach Hause zu Freunden und Familie.

Deine Tätigkeit bei der Marine hat sich dann auf einen Bürojob beschränkt?

Ab einem gewissen Punkt. Das waren dann halt die letzten fünf Jahre, in denen ich in Plön war, als Personalunteroffizier. Die ersten drei Jahre bis dahin war ich Unteroffizier der elektronischen Kampfführung unter anderem auf einer Fregatte.

Was versteht man unter dieser Tätigkeit genau?

Nehmen wir einfach mal an, die elektromagnetische Ausstrahlung eines Radargeräts wird von einem anderen Schiff ausgesandt. Ich habe dann an einer Maschine gearbeitet, die als passiver Empfänger fungierte. Diese Maschine wandelt dann die Radarstrahlen in messbare Werte um, sodass ich identifizieren konnte, um was für ein Radargerät oder auch Flugkörper und letztendlich um welches Schiff es sich handelt. Im Prinzip kann man dazu Frühwarnung sagen. Es gibt natürlich auch die etwas aktivere Variante und elektronische Gegenmaßnahmen. Düppel zum Beispiel. Das sind Zylinder, die gestartet werden, um Flugkörper und Radargeräte zu stören und abzulenken.

Du hattest erwähnt, dass die Bundeswehr dich bei deinem Studium stark unterstützt hat. Wieso hast du dich für das Studium entschieden und wie wurdest du unterstützt?

Wie gesagt, ich habe mich für acht Jahre verpflichten lassen. Außer dem Abitur hatte ich zu Beginn nichts, weshalb mir eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten ermöglicht wurde. Gleichzeitig stand mir auch ein Zeitraum von 36 Monaten zu, in dem ich mich aus- und weiterbilden konnte. Außerdem gab es eine Art Bildungsfond, auf den ich zwar keinen Zugriff hatte, sondern von welchem nur die Weiterbildung bezahlt wurde. Von diesen 36 Monaten wurden mir, obwohl die Ausbildung 6 Monate dauerte, 3 Monate abgezogen. 33 hatte ich also noch übrig. Das achte Dienstjahr habe ich dann bereits hier studiert. Ich konnte vorzeitig vom Dienst freigestellt werden, was heißt, dass ich im achten Dienstjahr als Soldat hier eingeschrieben war und studiert habe, und dies bei vollem Gehalt. Von dem Fond sind also für die ersten beiden Semester schon 12 Monate abgegangen, es blieben also 21. Nachdem ich dann offiziell aus der Bundeswehr verabschiedet worden bin, hab ich die letzten 21 Monate auch noch wahrgenommen, welche fast für den gesamten restlichen Bachelor gereicht haben.

Und du musstest dann am Ende nur einen kleinen Betrag beisteuern …

Eigentlich, rein theoretisch, gar nichts, denn das achte Dienstjahr habe ich ja noch bei vollem Gehalt studiert und in den restlichen Monaten bei einem um zehn Prozent geschmälerten Gehalt, zuzüglich einer Abfindung, die ich beim Ausscheiden erhalten habe und einiger Pauschalen für das Studium an sich, also Semesterbeiträge, Lehrmittel, Schreib- und Zeichenmaterial sowie Internetkosten. So wurde mir dann das komplette Bachelorstudium, bis auf drei Monate bezahlt. Den größten Vorteil sehe ich darin, dass ich mich voll und ganz aufs Studium konzentrieren konnte, und ich nicht nebenbei arbeiten musste. Meines Erachtens sieht man es notentechnisch auch, da ich das Bachelorstudium mit „sehr gut“, der zweitbesten Note in der Geographie, abgeschlossen hatte. Ich finde es ebenso wichtig zu erwähnen, dass mir auf diesem Wege ein akademischer Neustart ermöglicht wurde. Ist ja schon ein Unterschied, ob ich ein Abiturdurchschnitt von 3,2 oder ein Bachelor-Zeugnis mit einem sehr guten Durchschnitt vorweisen kann, wenn ich mich bewerbe.

Und mit deiner Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten hättest du weniger gute Chancen?

Das kann ich nicht so ganz beurteilen. Ich habe gehört, dass manche Arbeitgeber sagen, dass ihnen jemand mit einer derartigen Ausbildung nichts ausmacht. Andererseits habe ich auch das Gegenteil gehört. Diese sechs Monate Ausbildung waren aber reine Theorie. Durch meine fünfjährige Zeit als Personalunteroffizier habe ich aber mehr oder weniger den praktischen Teil nachgeholt und mir das auch bescheinigen lassen. Gegen Ende meiner Dienstzeit habe ich mich zunächst auf der Grundlage des Abiturs und der Ausbildung bei dutzenden Städten beworben, um in den mittleren oder gehobenen Dienst zu gelangen und wurde im Endeffekt nur von zweien eingeladen. Dort habe ich dann Tests absolviert. Anscheinend ist Berufserfahrung aber nicht allzu wichtig, sondern dass man eher in einer gewissen Zeit Matheaufgaben lösen muss und …das ist nicht so mein Ding. Dementsprechend hat das leider nicht geklappt. Dann musste ich mich weiter umschauen. Ein sehr guter Kollege von mir hat Geschichte und Geographie studiert. Ich habe mich dann eingelesen und mich eines Besseren belehren lassen, dass Geographie nicht mehr viel mit der klassischen Erdkunde, wie man sie aus der Schule kennt, zu tun hat. Trotzdem hat mir das gefallen und ich hab’s gemacht. Durch die 14 Wartesemester, also die sieben Jahre, die seit dem Abitur vergangen sind, konnte ich mich quasi in fast alles einschreiben, was ich angegeben hatte. Jura, Philosophie, Germanistik, Biologie und so weiter. Bei Psychologie hat’s nicht geklappt, da stand ich aber wohl auf Platz 1 der Warteliste.

Wie lange muss man denn verpflichtet sein, um etwaige Vergünstigungen beanspruchen zu können?

Je länger man sich verpflichtet, desto mehr Anspruch hat man. Hätte ich mich jetzt beispielsweise dazu entschieden, noch um vier weitere Jahre zu verlängern und wäre dann aus dem Dienst ausgeschieden, so wäre mein Anspruch umso höher gewesen. So groß, dass ich im Falle einer Lehre den Meister hätte machen können, oder in Bezug auf das Studium halt den Master. Aber gleiches gilt auch für weniger absolvierte Zeit. SaZ (Soldaten auf Zeit) 4 haben einen geringeren Anspruch. Ich möchte nochmal betonen, dass ich nicht mit Gewähr sagen kann, wie das heute ist, sondern nur, wie es zu meiner Zeit war.

Was waren deine besten und was deine schlechtesten Erfahrungen beim Bund?

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war der bürokratische Wahn eigentlich am schlimmsten.

Würdest du das eher als deutsches oder als Bundeswehrproblem bezeichnen?

Deutsch. Das ist ein deutsches, hausgemachtes Problem. (lacht) Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare. Es muss halt alles in x-facher Ausfertigung ausgefüllt werden. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass es verkehrt ist, jeder muss ja Bescheid wissen. Aber wenn man mal drüber nachdenkt, dass man sich das ersparen könnte und das über einen einfachen Telefonanruf erledigen könnte … Na gut, hat halt trotzdem dazu gehört, war ein bisschen stressig, kann man aber halt nichts gegen machen.

Und die besten?

Dass ich, wie erhofft, etwas von der Welt gesehen habe, seien es Bundestandorte wie Bremer- und Wilhelmshaven, List auf Sylt oder Plön oder, als ich mit der Fregatte unterwegs war, Plymouth (England), Schottland und Norwegen. Hinzu kommt, dass ich im Umgang mit Menschen geschult wurde, da ich auf viele unterschiedliche Menschen getroffen bin. Weiterhin habe ich Selbstdisziplin zum Beispiel in Bezug auf Arbeitsabläufe, Stress oder Zeitmanagement gelernt.

Bist du der Bundeswehr im Nachhinein in irgendeiner Form weiter verpflichtet?

Nein. Ich bin definitiv aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Hätte ich noch einmal um vier Jahre verlängert, wäre ich dementsprechend auch bei Studiumsbeginn vier Jahre älter gewesen. Und ab einem gewissen Alter ist es dann doch kritisch, wieder auf dem Markt Fuß zu fassen, finde ich persönlich.

Was strebst du nach dem Master an?

Ich bin mir nicht ganz sicher, entweder wird’s Verkäufer bei McDonald’s oder bei Burger King (lacht). Scherz beiseite. Ich hoffe, dass es der öffentliche Dienst werden wird. Ich bin die Strukturen gewohnt, auch den bürokratischen Verhalt, den ich gerade angesprochen habe.

Und mit deinem Master zum Bund zurück?

Auf der grünen, also der militärischen, Ebene sag ich nein. Auf der zivilen Ebene könnte ich’s mir wieder vorstellen.

Auf der grünen Ebene nicht, weil es mit dem Abschluss nicht geht oder weil du es nicht möchtest?

Weil ich nicht möchte. Jetzt müsste ich wieder von vorne beginnen. Und auch wenn ich mich mit „den Rekruten“ in meine eigene Grundausbildung zurückversetzt fühle, so benötige ich den Stress nicht noch einmal. Allerdings ist bei der grünen Variante die Chance, angenommen zu werden, deutlich höher.

Weil es wahrscheinlich auch weniger AnwärterInnen dafür gibt?

Vermutlich. Beim „zivilen“ öffentlichen Dienst kommt hinzu, dass nicht nur eine Stelle frei sein muss, was nur relativ selten geschieht, sondern dass das dem Ausscheiden dieser Person die Stelle auch erhalten bleiben muss und nicht gestrichen wird. Bestenfalls bräuchte man Vitamin B.

Hast du das?

Sven: Leider nicht.

Du hast zu Beginn schon das Stichwort „Werben“ eingebracht. Was hältst du von Bundeswehrwerbung an Schulen?

Ich bin der persönlichen Überzeugung, dass man ab der zweiten Hälfte des neunten Schuljahres die Schüler bewerben kann. Sie würden sich zu diesem Punkt ohnehin bereits für eine Lehre interessieren oder für eine weiterführende Schule. Dementsprechend kann man ihnen auch einiges an Mündigkeit zusprechen. Mündigkeit setze ich hier gleichbedeutend mit Intelligenz. Sie sollten dadurch durchaus wissen, was sich hinter den Begriffen Bundeswehr, Einsatz, Soldat oder Waffe verbirgt. Auch ich wusste, was sich dahinter verbirgt. Die wichtigsten Dinge, die Kernpunkte, waren mir ebenfalls bewusst: Als Soldat besteht gewissermaßen das Berufsrisiko, dass man entweder getötet werden oder in eine Situation gelangen kann, in der man gezwungen wird, sich zu verteidigen. Es gibt weitere Berufe, die mit einem hohen Risiko verbunden sind, zum Beispiel Bergmann oder Polizist. Wenn diese Begriffe nicht verstanden werden, dann hat derjenige auch nichts bei der Bundeswehr zu suchen.

Du bist also der Meinung, dass die Bundeswehr das nicht erwähnen muss, sondern es jedem/jeder selbst obliegt, sich dieses Wissen anzueignen.

Richtig. Es ist natürlich erstmal auffällig, dass es nicht erwähnt wird. Aber jeder, der mündig ist, muss wissen, was dahintersteht.

Aber man kann ja, um Erfahrungen zu sammeln, nicht einfach ein Praktikum bei der Bundeswehr machen.

 Doch.

 Aber nicht an der Front.

(lacht) Ja, gut, ok. Das ist natürlich nicht möglich. Das kann man auch gar nicht verantworten. Wo waren wir? Ach ja, zweite Hälfte der neunten Klasse. Wenn die Schüler dann noch minderjährig sind, geht es ja auch noch durch eine zweite Instanz. Also erstens hat sich ja der Schüler damit beschäftigt, in Bezug auf was er will und was der gewählte Beruf zu bedeuten hat, und als zweite Instanz sind da ja auch noch die Eltern, die ja auch letztendlich die Unterschrift geben. Es beschäftigen sich also drei Personen damit, denen man Mündigkeit unterstellen muss.

Kurze Zwischenfrage. Hattest du den Eindruck, dass sich das Bildungsniveau der KameradInnen untereinander stark unterscheidet?

Wenn ich mich recht erinnere waren bei mir in der Grundausbildung hauptsächlich nur Abiturienten und einige Kameraden, die bereits eine Ausbildung abgeschlossen hatten, daher ist eine Aussage recht problematisch. Ich kenne jedoch jemanden, der minderjährig bei der Bundeswehr eingestiegen ist. Eine gewisse Naivität traf zwar zu, aber mit den Erfahrungen, die er gemacht hat, hat er es schnell wieder wettgemacht.

Er ist also bereits während der Grundausbildung sensibler für das Thema geworden?

Richtig.

Du setzt also schon einen Schulabschluss voraus. Was hältst du denn davon, dass Frau von der Leyen sagt, auch Jugendliche ohne Schulabschluss können der Bundeswehr beitreten?

Ich persönlich gar nichts. Wie gerade schon angedeutet, deutsche Bürokratie, alles läuft über Papier. Wir identifizieren uns alle nur über unsere Papiere. Nicht der Grundschulabschluss sollte die erste vorzeigbare Qualifikation sein, sondern zumindest der Haupt- oder Realschulabschluss.

Du setzt also schon kritisches Denken und Reflexion voraus?

Genau.

 Du hast ja schon angedeutet, dass du den Beruf Soldat als „normalen“ Beruf empfindest.

Ja, denn auch wenn die Grundausbildung hart ist, so kommt man erst danach auf seinen Dienstposten, auf dem man dann zum Beispiel als Ausbilder, Kraftfahrer, Sanitäter oder in einer verwaltenden Tätigkeit arbeitet. Grundsätzlich ist die Bundeswehr ja erstmal eine Verteidigungsarmee. Von diesen Soldaten, die sich freiwillig melden, geht auch nur ein äußerst geringer Teil in den Einsatz. Bedauerlicherweise kehrt ein kleiner Teil ebendieser nicht heim. Aber das ist wirklich nur ein kleiner Teil.

Du versuchst das gerade etwas zu relativieren, aber die Gefahr besteht ja dennoch.

Es besteht die Gefahr. Wie gesagt, es geht nur ein äußerst geringer Teil in den Außeneinsatz. Nehmen wir als Beispiel jemanden, der auf dem Schiff ist. Wenn da von ganz oben ein Befehl kommt, dass rausgefahren wird, da fährst du dann natürlich mit. Aber hinterher auf der Landeinheit, wo ich dann auch selber war, da hätte ich mich dann auch freiwillig melden können. Ich war Stammpersonal, quasi in einem Getriebe drin. Von da aus hätte ich mich dann noch freiwillig melden können.

Thema Wehrpflicht. Wieder einführen oder es dabei belassen?

Ich bin definitiv dafür, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte. Aus dem Hauptgrund, dass auch der Zivildienst weggefallen ist. Der ganze Pflegedienst ist weggefallen. Bekanntermaßen haben Pflegekräfte es sehr schwer, und das nur, weil die ganzen Hilfskräfte auf einmal fehlen. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass jeder zur Bundeswehr sollte. Aber dem einen oder anderen Individuum täte die dort gelehrte Disziplin gut. Aber hauptsächlich dadurch, dass der Zivildienst weggefallen ist, sollte man die Wehrpflicht wieder einführen.

 Also du meinst, es melden sich nicht gut genug Leute freiwillig bei, weder bei der Bundeswehr, noch in karitativen Einrichtungen?

Richtig. Dadurch, dass diese allgemeine Pflicht weggefallen ist. Andererseits ist es natürlich auch ein großer Einschnitt in die Freiheit, wenn jemand, der gar nicht will, doch dahin gezwungen wird. Wenn man aber mal für die Allgemeinheit schaut: Da hat der Zivildienst, meines Erachtens, schon viel ausgemacht. Ist zwar eine Welt, über die ich nicht viel berichten kann, da ich mich ja für den anderen Weg entschieden habe, aber ich denke schon.

Du würdest das also schon von zwei Seiten betrachten?

Ja. Definitiv. Es gibt für jede Sache Pro- und Contra-Argumente.

Du hast vorhin schon angesprochen, dass du dir die Webserie „Die Rekruten“ angesehen hast. Als wie realistisch empfindest du die Darstellung der Grundausbildung? Was hältst du von dem Format allgemein?

Ich finde sehr authentisch, was dort gezeigt wird. Ich könnte mir wirklich im Fünf-Sekunden-Takt anmerken: „Das war genauso wie bei mir.“ Ich habe mich wirklich in meine eigene Zeit zurückversetzt gefühlt.

Obwohl die jetzt knapp 13 Jahre zurückliegt?

Ja. Genauso war es bei mir, immer dieses Scheuchen, die körperliche Betätigung, die psychische Belastung. Ich bin jetzt gerade (in der Serie) an der Stelle, an der die Vereidigung stattfindet, bei der mich auch meine eigenen Eltern besucht hatten. Ich bin wirklich vom Realitätsgrad begeistert, den diese Serie erreicht. Da wird wirklich authentisch gezeigt: „Wie ist es bei der Bundeswehr?“ Natürlich kann man jetzt wieder unken, dass die Clips alle nur fünf Minuten lang sind. Aber meines Erachtens reicht das aus, um zusammengefasst zu zeigen, was mit den Rekruten innerhalb eines Tages bei der Grundausbildung passiert.

Ich nehme nur an, dass viele mit dem Argument „Verharmlosung“ an die Sache herantreten würden. Es wird nicht gezeigt, was im Anschluss an die Ausbildung passiert.

Kann ich nur so sagen: Es wird nicht gezeigt. Aber wie ich schon eingangs sagte: jeder, der da hingeht, und das sagen die Rekruten auch hin und wieder selber, muss sich bewusst sein, auf was man sich da einlässt. Thema Mündigkeit. Man muss wissen, was hinter den Begriffen Soldat, Einsatz und so weiter steht. Wie gesagt, es geht auch nur ein sehr geringer Teil in den Außeneinsatz. Ich zum Beispiel hatte mit der Thematik gar nichts zu tun.

 Obwohl du acht Jahre da warst.

Richtig. Ergänzend möchte ich noch erwähnen, dass die Verteidigung im Grundgesetz verankert ist und Kritiker es dadurch auch nicht so schnell loswerden können, wie sie es gerne wollten. Aus diesem Grund und weil es keine Wehrpflicht mehr gibt, muss aktiv geworben werden, damit die Verteidigung weiterhin gewährleistet wird und die Leute nicht freiwillig kommen. Lieber wirbt man Interessierte an, als dass man sie mit der Wehrpflicht dazu zwingt.

Hattest du bei der Bundeswehr Kontakt zu SoldatInnen mit einer sehr linken Einstellung?

Kann ich nicht beantworten. Also, ich sage jetzt pauschal nein, ich kann allerdings auch nicht in die Köpfe der Leute reinschauen.

Ein politischer Diskurs untereinander war also eher selten? Oder war man sich oft eins in Bezug auf bestimmte Sachverhalte?

Sven: Ja, natürlich hat jeder unterschiedliche Ansichten, aber linke kann ich jetzt nicht bejahen. Aber wir hatten politische Bildung. Wir sind in Gruppen nach Berlin gefahren, haben uns die Gedenkstätte Sachsenhausen und Berlin-Hohenschönhausen oder das Holocaust-Mahnmal angesehen. Das hat doch schon ordentlich Eindruck hinterlassen.

Zum Thema Geschlechterverhältnis bei der Bundeswehr: Sind Frauen gleichwertig akzeptierte Kameradinnen?

Also zu meinen Zeiten mag es ein paar von der alten Garde gegeben haben, die das in sich hineingebrummelt und nicht nach außen getragen haben. Letzteres fand nur äußerst selten statt. Aber die haben dann auch unmittelbar Konsequenzen ertragen müssen. Die haben dann halt ordentlich einen auf den Deckel gekriegt.

Die Frauen müssen also das gleiche wie die Männer leisten, es gibt keine Samthandschuhe?

Richtig.

Danke für das Gespräch.

Danke, dass ihr mich angehört habt.

Das Interview führte :Tobias Möller