Cervantes-Stoff mit Multikulti-Gruppe grubengold
Interkulturelles Spiel mit den Perspektiven
Foto: Sandra Schuck
Gemeinsam gegen die Windmühlen? Der Realitätskonflikt Don Quijotes wird in der grubengold-Adaption aus verschiedenen Blickwinkeln aufgelöst.Foto: Sandra Schuck
Gemeinsam gegen die Windmühlen? Der Realitätskonflikt Don Quijotes wird in der grubengold-Adaption aus verschiedenen Blickwinkeln aufgelöst.

Theater. Postfaktische Party mit trauriger Ritter-Gestalt: Regisseurin Michaela Kuczinna und das transnationale Ensemble grubengold bringen am Prinz-Regent-Theater Motive von Cervantes Weltliteratur-Stoff „Don Quijote“ auf die Bühne.

Wenn sich die Zeichen der Zeit ändern, ist das auch Grund zum Feiern. Es gilt, das Alte zu verabschieden und das Neue zu begrüßen: Ein ekstatischer Taumel einer Schwellenerfahrung. So dröhnen auch auf der Bühne des Prinz-Regent-Theaters die pop-polierten Bässe von 

Rag‘n‘ Bone Mans „Human“, zu denen sich der Ritter in seiner Rüstung  geschmeidig schmiegt. Party und Tanz. Und wer im Publikum will,  darf sich auch Salami vom Tablet abgreifen. Einen echten Festakt hat das transnationale Ensemble grubengold aus der berühmten Romanvorlage gemacht.Denn um einen, der diese neuen Zeichen der Zeit nicht erkannt hat, der sich seiner alternativen Fakten so gewiss ist, dass er „gegen Windmühlen kämpfen“ will, darum geht es in dieser Bühnenadaption, die die alte Geschichte von Don Quijote neu erzählt. 

Bekanntlich schildert Cervantes in seinem Klassiker der Weltliteratur aus der Sicht eines fiktiven arabischen Erzählers die Geschichte von einer traurigen Ritter-Gestalt, die so sehr von der Realität entrückt ist, dass sie irgendwann die Lanzen gegen Windmühlen zückt – im fanatischen Glauben, es seien zu bekämpfende Ritter. 

Nur eine Realität?

Geflüchtete zwischen 18 und 31 Jahren haben bei grubengold an der Aufführung mitgewirkt. Sie kommen aus dem Irak, Syrien oder Palästina, einige leben schon seit Jahren in Bochum. Nun haben sie eine alte Geschichte neu erzählt: den Kampf zwischen Einbildung und Wirklichkeit. „Du siehst sie nicht, die Welt, wie sie ist“, schallt es dem Realitätsflüchtling Don Quijote, der abwechselnd von verschiedenen Darstellern gespielt wird, in der Inszenierung von Michaela Kuczinna entgegen – um zugleich klar zu machen, dass es nicht so einfach ist mit nur einem Blick auf die Realität. Denn schon die Sicht auf die Welt von Geflüchteten ist eine andere als die von denen, die in Europa aufgewachsen sind.

So ist auch das Bühnenbild ein Sitzkreis, in der jedeR einen eigenen Blick auf das Geschehen hat. Alles ist eine Frage der Perspektive und der Versuch, den Don Quijote in eine Zeit zu transportieren, in der ein Zusammenleben nur auf Augenhöhe zwischen den verschiedenen Kulturen und Konstrukten von Nationen funktionieren kann. Immer wieder wird die Handlung unterbrochen und die Ensemblemitglieder teilen Erfahrungen aus ihrem Leben. 

Den Mitgliedern der Multikulti-Theater-Truppe von grubengold gelingt es mit vollem Körpereinsatz, den Cervantes-Stoff als ein wildes Durcheinander zu zelebrieren, in der nur die Begegnung zählt: Eine bunte Collage aus Filmen, Leindwandprojektionen und improvisierten Monologen, die die Ensemblemitglieder auf Deutsch oder Arabisch aufsagen. Denn es muss, es soll gar nicht alles verstanden werden. Eine Absage an die eine Realität, ein Spiel mit den Perspektiven, das Spaß macht. Da darf auch getanzt oder gesnackt werden. Just enjoy the party!                             

  :Benjamin Trilling

Zeit:Punkt

Die nächsten Vorstellungen von „Don Quijote“ sind am 13. und 17. Juni sowie am 4. und 5. Juli.