Ein Löffelchen voll Zucker und eine Zwangsoperation
Inter*
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Symbolbild

Pride. Das eigene Geschlecht, wo auch immer es sich auf dem Spektrum befindet, ist deine eigene Sache und wird respektiert? Nee, eher nicht, solange Du nicht der sogenannten „Norm“ entsprichst. Sogar bei rudimentären und existentiellen Dingen wie den medizinischen Belangen muss sich noch vieles ändern.  

 

Medizin 

Wie in der Ausgabe (:bsz 1292) schon vorgestellt wurde, gibt es die Intergeschlechtlichkeit. Also Menschen mit angeborenen körperlichen Merkmalen auf genetischer, hormoneller oder anatomischer Ebene, die nicht in die gesellschaftliche binäre Form von männlich und weiblich passen. Dabei gibt es nicht die eine intergeschlechtliche Entwicklung des Körpers, sondern eine Reihe an verschiedenen Formen. Es gibt keine genauen Daten dazu, wie viele Menschen intergeschlechtlich sind. Die höchsten Schätzungen gehen von bis zu 1,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Vergleichsweise gebe es laut einer Studie in Deutschland ungefähr ein bis zwei Prozent an Menschen mit natürlichen roten Haaren, um das mal in einen Kontext zu setzen. 

In Deutschland gibt es im Bereich der Medizin den Begriff der „Varianten der Geschlechtsentwicklung“, wozu 2016 eine Leitlinie von Betroffenenverbänden und medizinischen Fachgesellschaften veröffentlicht wurde. Im Englischen wird es DSD bezeichnet, dabei steht DSD im glimpflichen Fall für Differences of Sex Development, aber es gibt auch die stark kritisierte Form, wo es für Disorders of Sex Development steht. Das setzt voraus, dass der Körper gestört sei, weswegen sich viele richtigerweise gegen diese Bezeichnung aussprechen.  

 

Variationen 

Die körperlichen Voraussetzungen und Entwicklungen können stark voneinander abweichen. So gibt es den 5-α-Reduktase-Typ-II-Mangel, bei dem männliche Geschlechtsmerkmale kaum bis gar nicht ausgeprägt sind, wodurch das Erscheinungsbild eher weiblich scheint. Im weiteren Verlauf des Lebens kann es dennoch zu Bartwuchs oder Stimmbruch führen und auch der Penis kann wachsen. Das Thema Geschlechtsidentität kann dann in besonderem Maße von Bedeutung sein.  

Anders ist es beim Adrenogenitalen Syndrom (AGS). Hier kommt es aufgrund der Hormone Cortisol („Stresshormon“), Aldosteron und Androgenen (zum Beispiel Testosteron) zum Erscheinungsbild eines männlich gelesenen Menschen, während die inneren Geschlechtsorgane männlich oder weiblich sein können. In der Pubertät kommt es stark auf die Ausprägung an, was genau dann passieren wird. Hier kann es nötig sein, verschiedene medizinische Schritte durchzuführen, da es sonst lebensbedrohlich sein kann.  

Zuletzt betrachten wir die Gemischte Gonadendysgenesie. Auch hier kann das innere und das äußere Geschlecht voneinander abweichen. Es kann zu Kleinwuchs führen, der Hoden produziert weniger Testosteron und die monatliche Regeblutung kann komplett ausbleiben. Das alles variiert von Mensch zu Mensch, dennoch ist eine regelmäßige Untersuchung angemessen, da ein erhöhtes Krebsrisiko besteht.  

 

Operationen  

Es gibt noch mehr Varianten, die aus unterschiedlichen Gründen wie einer Variation der Chromosomen auftreten können. Aber viele intergeschlechtliche Menschen teilten und teilen immer noch ein ähnliches Schicksal, nämlich die operativen Eingriffe ohne das Einverständnis der Kinder oder Jugendlichen und ohne gesundheitliche Notwendigkeit. Teils empfehlen Ärzt:innen bis heute einen Eingriff, damit das Geschlecht der „Norm“ angepasst wird. Das kann auf der einen Seite körperliche Folgen wie eine Problematik beim Wasserlassen hervorrufen, auf der anderen Seite kann es zu einer psychischen Belastung im Verlauf des Lebens kommen. Das Signal, das einem Menschen damit gegeben wird, zeugt nicht von bedingungsloser Liebe und Akzeptanz von Seiten der Eltern. Außerdem liegt ein was wäre, wenn…-Gedanke nahe. Auch hier kann die geschlechtliche Identität eine große Rolle im Leben spielen. Es gibt einen kleinen Trost, denn diese Operationen, die ohne Einwilligung des Menschen das Geschlecht anpassen sollen, gelten mittlerweile als Menschenrechtsverletzung. Trotzdem ist es gesetzlich nicht verboten, womit das Innehaben der Menschenrechtsverletzung unterlaufen werden kann.  

Wichtig sind zudem auch die freiwilligen Operationen. Bis zur eigentlichen Durchführung von medizinischen Maßnahmen kann es vorkommen, dass die Krankenkasse den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) beauftragt, ein Gutachten der Person durchzuführen. Ein bekannter Grund für die Ablehnung eines Antrags ist eine nicht durchgeführte mehrmonatige Psychotherapie. Damit muss sich ein Mensch nicht zufriedengeben, doch die darauffolgenden Schritte können langwierig und anstrengend werden. Kommt es allerdings beispielsweise zur Operation und/oder Hormontherapie, warten auch hier einige mögliche Komplikationen. Neben der Tatsache, dass Operationen allgemein ein Risiko mit sich bringen, kann der Atlas der Nerven, an dem sich orientiert wird, nicht unbedingt gleichzusetzen mit der individuellen Person sein, wodurch Nerven beschädigt werden können. Außerdem sei es leichter, aus einem Penis eine Vagina zu machen. Andersherum ist es auch möglich, aber das Ergebnis kann in puncto Größe und Funktionsweise nicht zufriedenstellend ausfallen. So kann es ebenfalls vorkommen, dass bei der Hormonbehandlung, um optisch weiblich zu erscheinen, das Brustwachstum gering ausfällt, wodurch Mensch sich eine Brustvergrößerung wünscht. Hieraus lässt sich ziehen, dass selbst bei freiwilligen medizinischen Maßnahmen, nachdem alle Hürden dafür genommen wurden, noch nicht auf wundersame Weise alles gut ist für den Menschen selbst.  

 

Zahlen, die für sich sprechen 

Auf der Seite des Lesben- und Schwulenverbands tinyurl.com/4m26t9ke gibt es eine Fülle an Statistiken mit dem Thema Inter*. Passend zu den Operationen steht dort, dass sich 54 Prozent der Inter*-Menschen einer geschlechtsangleichenden Maßnahme unterzogen haben. Insgesamt wurden drei Prozent der Maßnahmen bei Menschen mit oder unter fünf Jahren durchgeführt. Von den Menschen, die versucht haben, ihren Familienstand oder die Geschlechtszugehörigkeit zu ändern, erfuhren 46 Prozent dabei Belästigung und 54 Prozent gaben an, ihre Privatsphäre sei verletzt worden. Von den Menschen, die ihren Geschlechtseintrag nicht haben ändern lassen, sehen es 51 Prozent als nicht notwendig an oder wollen es nicht. Die restlichen erfüllen die Bedingungen nicht, sind mit den Bedingungen nicht einverstanden, finden es zu teuer oder zu schwierig.  

:Lukas Simon Quentin