Gegendruck oder Mainstream: Sinn und Unsinn von Studierendenzeitungen
Im Zweifel links?
Illustration: mar
Ob er sie wohl gelesen hätte? Che Guevara und die :bsz haben einiges gemeinsam. Illustration: mar
Ob er sie wohl gelesen hätte? Che Guevara und die :bsz haben einiges gemeinsam.

„Ihr größtes Problem ist die mangelnde Motivation der Gremienmitglieder zur Mitarbeit, weswegen  (…) die Artikel von minderer journalistischer Qualität bleiben.“

— Wikipedia-Definition der Studierenden-Zeitungen

Studierendenzeitungen haben etwas von Che-Guevara-Konterfeis. Sie erwecken zumindest an der Oberfläche den Eindruck von etwas Alternativem, gar Rebellischem. Genauso wie das ikonische Che-Guevara-Porträt, das in jeder (Studi-)WG aushängt, die links erscheinen will, ohne konsequenterweise links sein zu müssen. Ist, was subversiv erscheint, nur subversive Marktstrategie? Im Falle des argentinischen Revoluzzers ist es eigentlich schon Gemeinplatz: Egal ob auf T-Shirts, Flaggen oder Tassen – der Markt sucht die Leitfigur der kubanischen Revolution fast konterrevolutionär heim. Das steht fast allegorisch für den Zustand von Studierendenzeitungen, die – nicht unbegründet – fast rudimentär alternative Assoziationen erwecken.

Diese Frage stellt sich auch anlässlich der 1000sten Ausgabe der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung (der ältesten durchgehend erscheinenden Studi-Zeitung in Deutschland): Was steckt hinter der Fassade oder den Erwartungen? Nichts als Mainstream? Oder das trockene Info-Portal? Worin besteht überhaupt der Sinn (oder Unsinn) von Studierendenzeitungen? :bsz-LeserInnen kennen es: Man sitzt in der Mensa und greift analog zum Futter zu dieser Campuszeitung – einfach, weil nichts anderes da ist. Während man spachtelt, überfliegt man die neuesten Infos über das Leben auf dem Campus, – etwa, dass nach dem Willen der FachschaftsvertreterInnenkonferenz die studentische Gremienarbeit, vor allem die Zusammenarbeit mit dem Senat, künftig besser koordiniert und dadurch gestärkt werden soll. „Aha!?“, werden die exklusiven Infos mit der Salatbeilage heruntergewürgt. Das ist – ob vom AStA oder unabhängig herausgegeben – erstmal ein banaler wie fundamentaler Sinn von Studierendenzeitungen: LeserInnen und Studis über hochschulpolitische Prozesse zu informieren.

Studierendenmagazine als alternative Lokalblätter  

Das ist dann aber auch so alternativ wie der Gurkensalat in der Mensa. Mehr Möglichkeiten, Berichte und Kommentare abseits des Mainstreams zu liefern, bieten dagegen die Lokalthemen. So ist etwa auch die :bsz nicht nur ein hochschulpolitisches Presseorgan, sondern auch ein studentisches Stadtmagazin, das lokal aufgreifen kann, was die großen Tageszeitungen wie die WAZ-Medien-Group meist links liegen lassen. Neben Lokalthemen findet nicht selten auch eine Öffnung zu globalen, sozialen oder kulturellen Themen statt. Hochschulpolitische Themen werden abgedeckt, darüber hinaus aber natürlich weitere Themen, über die Studierende für Studierende berichten. Gleichzeitig stehen sie damit aber auch in Konkurrenz zu bundesweiten „Studierendenmagazinen“, wie sie etwa von Spiegel, FAZ oder vom Zeit-Verlag (2,50 Euro pro Stück) herausgegeben werden. Anders als die üblichen Studi-Zeitungen werden diese nicht von Gremienmitgliedern oder studentischen RedakteurInnen hergestellt, sondern professionell herausgegeben. Damit geht aber auch eine „Aura“ von Gegenöffentlichkeit flöten. Doch woher kommen – besonders mit Blick auf die :bsz – die Konnotationen von Studierendenzeitungen als tendenziell linksalternative Presseorgane?

Von Burschenschaften bis zum 68er-Protest: Studi-Zeitungen als Gegendruck

Solche Assoziationen scheinen nicht von ungefähr zu kommen: Studierendenzeitschriften sind auch historisch entscheidend mit Phasen des Protestes und der Rebellion verbunden und damit genuin Ausdruck einer Gegenöffentlichkeit. Die ersten Studierendenzeitschriften entstanden im 19. Jahrhundert im Kontext der Burschenschaften, die ihr Aufbegehren gegen die metternichsche Repression so medial ausdrückten. Auch die liberalen Reformbestrebungen der Studentenschaften innerhalb der Progressbewegung, die sich für die Gleichheit aller Studenten und die Abschaffung der akademischen Gerichtsbarkeit einsetzte, drückten sich während der 1840er in neuen, kritischen wie progressiven Studentenzeitschriften aus. Nach der Reichsgründung konnten sich die studentischen Zeitschriften – auch auf Kosten kritischen Oppositionsgeistes – konsolidieren. Durch die Jugendbewegung um die Jahrhundertwende, die weitere Reformen in Bildung und Pädagogik vorantrieb, wurden durch die Zusammenschlüsse einiger Studierender zu freien Studentenschaften allerdings weitere, eher opponierende, Zeitschriften initiiert. Mit der Vielfalt dieser verschiedenen Zeitungen war ab 1933 Schluss – studentische Presse- und Berichterstattung wurden der Reichsstudentenführung sowie dem NS-Studentenbund unterstellt. Auch die Renaissance studentischer Zeitschriften nach dem 2. Weltkrieg entstand aus einer kritischen, gegen-öffentlichen Intention heraus: So entstand auch die :bsz innerhalb der Protestkultur der 68er-Bewegung und griff die rebellischen Themen dieser Zeit als journalistischer Gegendruck auf.

Gegenöffentlichkeit oder Mainstream?

Spätestens im Laufe der 90er verpuffte aber dieser kritische Geist vieler Studierendenzeitungen nicht selten zu Lifestyle- oder Unterhaltungsthemen, postmoderner Fun-Faktor war nun angesagt. Aber wenn die Studierendenzeitungen einem gegen-öffentlichen, kritischen  Grundton, der diese historisch die meiste Zeit ausmachte, entsagen, wofür stehen sie dann noch? Denn eine Protestkultur besteht nach wie vor: In Spanien, Griechenland oder in der Türkei gehen Jugendliche genauso wie Studierende auf die Straßen, um gegen Perspektivlosigkeit und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Leitmedien, die den Protest ausdrücken, sind allerdings Twitter, Facebook oder Youtube. Wenn es scheint, dass Studierendenzeitungen als „Gegenöffentlichkeit“, aus der sie resultieren, ausgedient haben, dann wohl nur, weil sich auch das Kapitel Öffentlichkeit, wie es etwa Jürgen Habermas in seinem Klassiker „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ beschrieb, im Neoliberalismus schließt. Wer studiert noch die großen Tageszeitungen, hört auf die „Großkritiker“ der Feuilletons, bevor er/sie zu einem Roman greift oder ins Kino geht? Wie steht es da noch mit einer möglichen „Gegenöffentlichkeit“ von Studierendenzeitungen? Soziale, emanzipatorische Bewegungen oder Missstände werden (auch von der :bsz) allerdings nach wie vor aufgegriffen. Vielleicht lässt es sich am besten mit Rudolf Augsteins Credo für den Spiegel umschreiben: „Im Zweifel links.“ Auch, wenn es nur so scheint. Dafür ganz beharrlich. Eben wie der Commandante.

Die Schere klafft: Sind Studizeitungen bedeutungslos? Grafik: mar