#metoo ist auch in deutschen Theatern Thema
Hollywood – Berlin – Bochum
Bild: lor
Gehälter, angstfreie Zonen und ein Kampf: Viele Themen werden an diesem Abend von den geladenen GästInnen tangiert.

Debatte. Seit Monaten diskutiert die Welt über (sexuelle) Machtdemonstration in der Show- und Unterhaltungsbranche. Deutsche Theater müssen sich ebenfalls fragen: Bei uns auch? Dies wurde letzte Woche im Rottstr5-Theater diskutiert.

„Ich traf Kolleginnen und alle, jede einzelne Frau, hatte solche Erlebnisse.“ Martina Eitner-Acheampong ist selbst Schauspielerin und Theaterregisseurin und hat – wie viele ihrer Kolleginnen in der Schauspielbranche Deutschlands – ebenfalls Erfahrungen in Bezug auf Machtdemonstration im Schauspielbetrieb erfahren. Auch Anne Stein, Schauspielstudentin an der Folkwang Universität der Künste, kennt die Geschichten, die sich um so manche Intendanten oder Regisseure drehen. Zusammen mit Wolfram Boelzle (Schauspieler am Rottstr5-Theater), Alexander Olbrich (Regiestudent/Folkwang), Nicola Bramkamp (Schauspieldirektion/Schauspiel Bonn), Florian Fiedler (Intendanz/Theater Oberhausen) sowie Elena von Liebenstein (Dramaturgin/Theater Oberhausen) diskutierten sie die Punkte der #metoo-Debatte auf Theaterebene. 

Die von Journalist Stefan Keim moderierte Veranstaltung fand vergangene Woche im Rottstr5-Theater statt. Anstoß war die Inszenierung von David Mamets „Oleanna“ im Haus. Auch darin geht es um Macht und Dominanz – im universitären Kontext zwischen einer Studentin und einem Professor. 

Strukturell unterlegen?

Machtverhältnisse, wie sie im Stück dargestellt werden, sind ein entscheidender Punkt. Doch nicht nur Regisseure oder Intendanten nutzen ihre Position aus: Übergriffe sexueller Natur fänden auch vonseiten Kollegen statt. Etwas, was in der Debatte oft vergessen werde, so Eitner-Acheampong. Es habe sie am meisten schockiert, wie viele Betroffene es gebe – und wie lange der „Komplott des Schweigens“ gewirkt habe. Man habe nicht darüber gesprochen, sodass Frauen selbst „Teil der Machtschiene, die da gefahren wird“, wurden. Aufgrund der Ausbildung nehme man diese Behandlung oft hin. Aussagen von Theaterschaffenden wie Willi Thomczyk („Schauspielerinnen müssen gebrochen werden“) verstärken diesen Druck. 

Doch auch in puncto Bezahlung und Stellen werden Frauen heutzutage benachteiligt: „70 Prozent aller Inszenierungen sind von Männern“, erklärt Bramkamp, die seit 2013 Schauspieldirektorin in Bonn ist. Noch kleiner sei der Anteil der Frauen, die eine Intendanz innehätten. Ein anderes Beispiel: Ein Bühnenbildner verdiene viel mehr als eine Kostümbildnerin, auch männliche Schauspieler verdienen mehr als ihre Kolleginnen. 

Was dagegen tun?

Von Liebenstein nennt es vor allem einen Kampf, der noch ausgefochten werden muss: Die Erkenntnis, dass etwas im Argen liegt sei ein Kampf, wie auch das Hinweisen auf die Ungleichheit und das Hinterfragen der Strukturen. Fiedler konkretisiert: „Wir sind von diesen Strukturen geprägt und uns davon zu befreien ist auch ein Kampf.“ Das bedeute, eigene Privilegien aufzugeben. Die Reflexion der Strukturen am Theater, dem laut Fiedler „letzten Hort des Feudalismus“, stehe nun an. „Die Aufgabe als Kreative aus der Kreativbranche, sich Tabubrüche ausdenken zu können, ohne, dass jemand dafür diskriminiert oder erniedrigt wird“, sei das Ziel.

Eitner-Acheampong und Bramkamp sehen vor allem in der jungen, vernetzten Generation eine Chance; denn das hat die öffentliche Debatte auch gebracht: eine große Solidarisierung innerhalb der Gesellschaft und das Gefühl nicht alleine zu sein. 

:Andrea Lorenz