Kommentar: Schwerte: Ehemalige Außenstelle des KZs Buchenwald soll Flüchtlingsunterkunft werden
Historisch kontaminiert
Karikatur:ck
Vorher saubermachen: So sieht Gastfreundschaft aus. Karikatur:ck
Vorher saubermachen: So sieht Gastfreundschaft aus.

Historisch kontaminiert. So könnte man den Ort beschreiben, den sich die Stadt Schwerte als Unterkunft für 21 Flüchtlinge ausgesucht hat: Mangels Alternativen und nicht verfügbarer Wohncontainer entschied man sich in der vergangenen Woche, eine Baracke auf dem Gelände der ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald zum provisorischen Flüchtlingsheim umzubauen. Für KritikerInnen ein Eklat – für die Stadt Schwerte eine praktikable Lösung.

Sicherlich hat es einen faden Beigeschmack und wirkt befremdlich, wenn Flüchtlinge in einem Gebäude untergebracht werden, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen KZ-Außenlagers befindet. Bis 1944 schufteten polnische ZwangsarbeiterInnen in den Werkstätten des ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerkes (EAW) Schwerte-Ost und reparierten dort Lokomotiven. Bewacht wurden sie dabei von der SS.

Verstörende Angelegenheit

Unweit der Baracke erinnert seit 1990 eine Gedenkstädte an die Opfer des Lagers und des Nationalsozialismus. Zu dieser Stätte gehört auch eine Skulptur des Dortmunder Künstlers Horst Wegener. Sie zeigt ein fünf Meter langes Bahngleis mit fünf Betonschwellen, die den Körpern männlicher Personen nachempfunden sind – teils entstellt und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Dass dies verstörend auf Menschen wirken kann, die vor Hunger und Tod geflüchtet sind, scheint in Schwerte wohl niemandem in den Sinn gekommen zu sein. Dort stellt man sich lieber quer und rechtfertigt den Beschluss mit dem Argument, dass man die Baracke in den vergangenen 70 Jahren bereits mehrfach anderweitig genutzt habe – als Lagerhalle, Kindergarten und zuletzt als Atelier. Auch Flüchtlinge habe man dort mal untergebracht.

Keine Einsicht, keine Verantwortung, keine Unterstützung

Der Fall Schwerte zeigt erneut, dass die Kommunen mit der aktuellen Situation vollends überfordert sind – finanziell wie materiell. Gerade im Ruhrgebiet, wo man lieber Geld für große Musikhäuser und tolle Busbahnhöfe ausgibt, fehlt es an allen Ecken und Enden. Für Flüchtlingsheime oder städtischen Wohnraum bleibt da kein Cent übrig. Anstatt die Kommunen zu unterstützen, kritisieren Verantwortliche wie Landesmutter Hannelore Kraft (SPD) und Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) diese und lassen sie in Stich. Seit Jahren ist die Problematik bekannt – getan hat sich bisher nur wenig. Wenigstens haben die Flüchtlinge nun ein Dach über dem Kopf. Hoffen wir, dass es nur historisch belastet ist.

:Christian Kriegel