Uraufführung im Grillo-Theater: „Die neuen Abenteuer des Don Quijote“
Hellsichtigkeit oder Verblendung?
Foto: Birgit Hupfeld
Der Wahnsinn der Welt steht ihm ins Gesicht geschrieben: Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt (gespielt von Silvia Weiskopf). Foto: Birgit Hupfeld
Der Wahnsinn der Welt steht ihm ins Gesicht geschrieben: Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt (gespielt von Silvia Weiskopf).

Im Essener Grillo-Theater läuft derzeit eine Inszenierung des französischen Regisseurs Jean-Claude Berutti. Inszeniert wird der Roman „Die neuen Abenteuer des Don Quijote“ von Tariq Ali: Ein weiteres Mal reiten Don Quijote und sein treuer Diener Sancho Pansa mit erhobenem Schwert und glänzender Rüstung durch die Welt, um diese vor sich selbst zu bewahren. Anstatt gegen Windmühlen anzutreten, müssen die beiden sich jedoch dieses Mal ritterlich mit den Ausgeburten der globalisierten Welt auseinandersetzen: Sie ziehen in die Schlacht gegen Krieg, Unterdrückung und Kapitalismus. Hätten Don Quijote und Sancho Pansa mit ihrem unerschütterlichen Optimismus heutzutage überhaupt noch eine Chance?

Während der Aufführung wird es den ZuschauerInnen immer bewusster: Das Hauptaugenmerk der Kritik richtet sich auf die Vereinigten Staaten. Die negative Darstellung der scheinbar grenzenlosen us-amerikanischen Macht versetzt den RezipientInnen – vor allem in Anbetracht der gegenwärtigen Skandale rund um die weltweite US-Überwachung – einen Stich. In einem Gespräch mit dem Dramaturgen der Inszenierung, Marc-Oliver Krampe, verriet dieser über den Autor des Romans, dass er es bedaure, dass die Enthüllungen über den Umfang der Überwachung in unser aller Leben zu spät kamen, um sie in das Stück zu integrieren. „Die Stasi scheint ein Witz gegenüber der NSA in den Vereinigten Staaten gewesen zu sein, ebenso gegenüber den Geheimdiensten in Großbritannien, Frankreich und Deutschland“, wird Tariq Ali zitiert. Aber die Übereinstimmung mit totalitären Regimen wie der DDR – abgesehen von ihrem Endstadium – sei, „dass die Wut der Massen über diesen Skandal ausbleibt!“, so Tariq Ali weiter.

Die Inszenierung evoziert ein wahres Wechselbad der Gefühle: Schwarzer Humor folgt eiskalt auf bitteren Ernst und ruft „eleos“ sowie „phobos“ – Schauder und Schrecken – hervor. Das Publikum wird durch das farbenfrohe sowie zeitgemäße Bühnen- und Kostümbild von Rudy Sabounghi und Katharina Heistinger und die phantastisch verfremdeten Musikstücke von Arturo Annecchino, als auch durch die modern-kühlen, emotionslosen Choreographien von Katja Buhl nicht nur unterhalten, sondern auch aus seinem politischen Schlaf gerissen.

Tariq Ali – ein Ritter der Worte?

Die Themenwahl von Tariq Alis Roman scheint nicht verwunderlich, denn der Pakistaner kennt sich mit der Ungerechtigkeit der heutigen Welt leider bestens aus: Er hat sie am eigenen Leib spüren müssen. Wie der von ihm wieder zum Leben erweckte Held Don Quijote lehnte sich der Schriftsteller in seinen jungen Jahren gegen die Militärdiktatur in seinem Heimatland auf. Tariq Ali musste daraufhin nach England fliehen und entkam so knapp einer Gefängnisstrafe. Trotzdem setzte er sein politisches Engagement in London weiter fort. In seinem Werk setzt er sich mit der politischen Lage des Mittleren sowie Nahen Ostens auseinander – sowohl in seinen literarischen als auch in seinen wissenschaftlichen und journalistischen Schriften. Unter anderem schrieb der Antiimperialist und Sozialist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, für The Guardian sowie für die New Left Review, eine der einflussreichsten Zeitschriften der internationalen Linken.

„Das Echo, das in die Gegenwart hineinschallt“

Warum wählte er gerade Miguel de Cervantes’ mehr als 400 Jahre alte Erzählung über den einerseits idealistischen, andererseits wahnsinnigen „Ritter“ Don Quijote als literarische Vorlage? Für Tariq Ali seien Cervantes Romane Meisterwerke – manchmal würden solche Meisterwerke ein Echo produzieren, „das in die Gegenwart hinein- schallt“. Die Reize, die dafür sprachen, das Meisterwerk zu adaptieren, überwogen die Schwierigkeiten, denn „Wirtschaftskrisen, Kriege, Religion bestimmen das 21. Jahrhundert“: Es scheint notwendig, dass jemand die Welt vor sich selbst rettet. Tariq Ali sieht die Aufgabe des Dichters darin, den Leser und die Leserin auf die Ungerechtigkeit der globalisierten Welt aufmerksam zu machen. Vieles, was geschrieben werde, werde geschrieben, um zu unterhalten, zu gefallen – und nicht, um hinterfragt zu werden. Dieses Konzept sei ihm fremd.

Wer also neugierig darauf ist zu erfahren, ob Don Quijotes Kampf gegen die zeitgenössischen Missstände auf dieser Erde nun aussichtslos oder tatsächlich erfolgreich ist, sollte sich eine der kommenden Vorstellungen von den neuen Abenteuern des Don Quijote nicht entgehen lassen: Sowohl für den 13. Dezember als auch für den 16. Januar gibt es noch Restkarten. Was ist stärker: Die Tugend oder die Sünde? Und siegt ganz am Ende nicht doch immer das Gute?