Menschliches Leiden im Dortmunder Depot: Der bittere Nachgeschmack der „World Press Photo“-Ausstellung
Harte Kost vom Feinsten
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Explosion in Kobanê: Eindrucksvolle Abbildung einer schrecklichen Wirklichkeit. Foto: mb
Explosion in Kobanê: Eindrucksvolle Abbildung einer schrecklichen Wirklichkeit.

Unruhen in der Ukraine, verschwundene und abgestürzte Flugzeuge, Krieg um Kobanê – das Jahr 2014 brachte in verschiedenen Teilen der Welt Tod und Leid über die Menschen. Mitten im Geschehen riskierten dabei nicht nur die JournalistInnen, sondern auch FotografInnen ihr Leben – die besten Presseaufnahmen zeigte das Dortmunder Depot nun im Juni.

Die „World Press Photo Foundation“ kürt jedes Jahr die herausragendsten Pressefotografien in verschiedenen Kategorien – von Naturaufnahmen über Langzeitprojekte bis hin zu den härtesten Aufnahmen aktueller Geschehnisse. Über 150 Bilder zeigte die dazugehörige Ausstellung, die in den vergangenen Wochen im ehemaligen Straßenbahndepot Dortmund gastierte. Die meisten Werke ließen sich jedoch nur schwer verdauen. Zurück blieb ein ordentlicher Klumpen im Magen.

Harte Fakten

Relativ weich mutete zunächst der Einstieg an. Das Bild des Jahres 2014 begrüßte direkt am Eingang die BesucherInnen: Eine sinnliche Szene, die ein homosexuelles Paar in einem abgedunkelten St. Petersburger Zimmer zeigt. Ein Foto, das mit seiner Intensität ein Statement gegen die Homophobie in Russland setzt.

Ein Blick nach rechts ließ geschlachtete Kaimane und deren abgezogene Haut erkennen, während links das ungesunde Grau von Chinas verschmutzter Umwelt die Wände dominierte. Bereits in den ersten Minuten machte die Ausstellung klar, worum es hier geht: Um qualitativ hochwertige Fotografie, die – statt schön sein zu wollen – die Realität abbildet und hinterfragt. Dass deren Motive vor menschlicher Grausamkeit strotzen, ist ein trauriges Zeugnis unserer Gegenwart.

 

Tod und Gewalt in Kiew: Die Realität der eingefangenen Szene der Verwüstung auf dem Maidan ließ die BesucherInnen fassungslos zurück. Foto: mb

Bis hin zu Übelkeit und Atemnot

Die Fotos bildeten größtenteils das Geschehen des vergangenen Jahres ab. So verwunderte es nicht, dass es unmöglich schien, die Ausstellung als eine Sammlung künstlerisch hochwertiger Bilder um ihrer Ästhetik wegen zu betrachten.

Ausgemergelte Flüchtlinge in überfüllten Booten, verstreutes Gepäck auf der Wiese neben einem toten, noch angeschnallten Flugzeuginsassen der Maschine der Malaysia Airlines, von Scharfschützen getroffene junge RebellInnen auf dem Maidan – das frische Blut auf vielen Bildern traf die BetrachterInnen mit der gleichen Wucht ins Gesicht wie die schmerzverzerrte Mimik der Abgelichteten. Die unverhohlene Realität der Szenen ließ den Atem stocken und die Übelkeit hochkriechen – das heutige Weltgeschehen ist offenbar nichts für schwache Nerven.

Diese intensive Wirkung auf die RezipientInnen spricht allerdings für die FotografInnen, die zweifellos bewundernswerte Arbeit inmitten von Tod und Verzweiflung geleistet haben. Doch dieser Verdienst verblasst durch die schockierenden Motive, genauso wie andere prämierte Werke aus Kategorien wie Natur und Alltagsleben. Zu stark lastet die düstere Stimmung von Krieg, Katastrophen und düstere Gesellschaftskritik auf dem Depot.

Nichtsdestotrotz – oder gerade deshalb – sind die „World Press Photos“ ein sehenswertes Muss. Nicht nur hochkarätiger Fotojournalismus, sondern eben ein Schlag, der aufrüttelt. Und definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Foto: mbDas Salz der Erde

Im Anschluss an die Ausstellung zeigte das Kino Sweet Sixteen – ebenfalls im Depot beheimatet – den von Wim Wenders gedrehten Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Ähnlich eindrucksvoll wie die gekürten Presseaufnahmen muteten auch diese bewegten Bilder an.

Salgado bereiste in den letzten Jahrzehnten als sozialer Fotograf verschiedenste Winkel der Welt und fing menschliches Leid in seinen einzigartig gestalteten Schwarz-Weiß-Aufnahmen ein. In einer intimen Interviewsituation teilt er mit den ZuschauerInnen, wie er die Geschehnisse erlebt und inwieweit er sie verarbeitet hat. Eine umfassende Auswahl seiner Werke wird chronologisch eingeblendet, zu jedem einzelnen Bild weiß er auf sympathische Art und Weise eine Geschichte zu erzählen.

Doch der Abenteurer wird im Verlauf des Erzählens merklich belasteter – er lässt sich anmerken, wie ihn die hautnah erlebte Misere so vieler Menschen gezeichnet und mitgenommen hat. Vor ungefähr zehn Jahren zog er daraus eine Konsequenz: Sein nächstes Projekt sollte von den noch verbliebenen schönen Dingen auf der Erde handeln. So entstand sein aktueller Bildband „Genesis“, der die unentdeckten Schätze der Natur auf atemberaubende Weise in ein monochromes Gewand hüllt. Sichtlich gerührt schwärmt Salgado von den Kostbarkeiten unseres Planeten – und fügt mit einer bitteren Traurigkeit hinzu, dass wir Menschen nun diese im Begriff seien zu zerstören.

Desillusioniert und doch inspiriert verließ man als ZuschauerIn das gemütliche kleine Kino Sweet Sixteen. Genauso kritisch wie Salgados Weltsicht dürfte auch die von jenen FotografInnen sein, deren aufrüttelnde Werke den „World Press Photo-Award“ verdient haben.

:Melinda Baranyai

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