Weihnachtszeit, weil man‘s weiß!
Glühwein und Flammlachs
Bild: kiki
Leere Straßen in der Weihnachtszeit – geht das überhaupt?

Glosse. In vielen Städten sollen die Weihnachtsmärkte abgesagt werden, auch in Bochum. Warum das eine gute Idee ist und warum Weihnachten dieses Jahr anders verlaufen muss, erfahrt ihr jetzt. 

Glühwein, kleine Stände mit Holzschnitzereien und Karussell: Weihnachtsmärkte sind für viele essentielle Elemente eines gelungenen Festes. Der trübe Winter wird ein wenig aufgehellt durch warme Lichter und noch wärmere Tassen – deren Inhalt, was auch immer ist. Doch wir leben derzeitig in einer Pandemie, weshalb viele Städte beziehungsweise Kommunen ihre Weihnachtsmärkte dieses Jahr abgesagt haben, und das aus gutem Grund. Wer zurzeit Fallzahlen beobachtet, weiß: Das Ansteckungsrisiko ist zu hoch, um dichtgedrängte Massen erlauben zu können – so auch die Begründung der Stadt Bochum, wo es einfach heißt: „Hohe Inzidenzzahlen lassen eine Durchführung der Veranstaltung nicht zu.“ Soweit so gut. Die neuen langanhaltenden Beschränkungen scheinen aber so langsam dem:der ein oder anderen Bürger:in aufs Gemüt zu schlagen und immer öfter hört man von unangemeldeten Versammlungen, wie der in Hildburghausen. Hier versammelten sich mehrere hundert Personen, um wahrscheinlich gegen anhaltende Beschränkungen zu demonstrieren, so ganz klar ist das dann auch nicht. Dass Hildburghausen mittlerweile die meisten Ansteckungen in ganz Deutschland aufweist, scheint dabei nebensächlich. Es wird gesungen: „Oh wie ist das schön“. Die Weihnachtszeit rückt näher und die Menschen scheinen dies auch tun zu wollen, was, wenn man vorausschaut, nur noch mehr Beschränkungen bedeuten kann. Wie also mit dem Thema Weihnachtsmarkt und Weihnachten umgehen?  

Vielleicht ist die Idee in kleinen Kreisen zu verweilen und das Fest mit den liebsten zu feiern keine schlechte. Die Menschen scheinen so auf ihre Traditionen fixiert zu sein, dass sie nicht bemerken, dass diese sich eh schon seit Jahren im Wandel befinden. Was vor 20 Jahren noch undenkbar war, ist heute absolute Normalität. So haben Figuren wie Santa Claus schnell das Christkind abgelöst und Black Friday ist das Shopping-Event des Jahres. Das Fest, dessen Tradition nie gebrochen werden darf, verändert sich eben von Jahr zu Jahr. Immer wieder hört man von vielen, dass Weihnachten zu hektisch sei und sich auf keine Werte mehr berufe. Vielleicht kehren diese gesuchten Werte durch ein kleines Fest zurück. Indem wir merken, dass ein gelungenes Weihnachtsfest nicht darin bestehen muss sich um vier Uhr nachmittags fünf Tassen Glühwein mit Schuss hinter die Birne zu klopfen und dabei La Paloma zu pfeifen, sondern vielleicht auch ein Fest der Ruhe und Entspannung in den eigenen vier Wänden sein kann. Nur weil es keine Weihnachtsmärkte gibt, heißt das nicht, dass Weihnachten nicht mehr existiert. Es heißt, dass wir in einer Pandemie bis hoffentlich nur noch ins nächste Jahr leben und die Dinge derzeit ein wenig komplizierter sind. Wer seinen eigenen blinden Egoismus nicht kurzzeitig pausieren kann und für zwei Minuten mal kurz nachdenken kann, dass Weihnachtsmärkte für Risikopatient:innen ein absolutes Horrorszenario sind, sollte erst gar kein Weihnachten feiern dürfen. Das Fest der Nächstenliebe ist kein Fest des „ich muss unbedingt ‚All i want for christmas‘ hören, während ich mit 4000 anderen Menschen schunkelnd mir den Arsch an einer Schlittschuhbahn aus Pappe abfriere“.  

Konsumsucht und Kompromisslosigkeit haben sich schleichend in unser Weihnachtsfest integriert. Immer weniger können Menschen verzichten und brauchen mehr. Der Kapitalismus hat auch das Weihnachtsfest erreicht, die Auswirkungen sind asoziales Verhalten erwachsener Menschen, die an Kinder erinnern, deren Süßigkeiten weggenommen wurden.              

    :Gerit Höller