Fragen an die Forschung
Geschichte machen – aber wie?
Symbolbild
Nicht nur Männer schreiben Geschichte. Symbolbild
Nicht nur Männer schreiben Geschichte.

WISSENSCHAFT. Die Geschichtswissenschaft steht unter Beschuss. Während der klassische Kanon immer weiter in Frage gestellt wird, steht die Wissenschaft vor dem Problem, was ihr eigentlicher Forschungsgegenstand ist.

Geschichtswissenschaft ist schon lange nicht mehr die Erzählung von großen Männern und großen Taten. Während gesellschaftliche Entwicklungen anhand von monumentalen Ereignissen und einzigartigen Entscheidungen erklärt wurden, stehen mittlerweile soziale Prozesse im Vordergrund. Daher ist ein wichtiger Teil der Geschichtswissenschaft der vergangenen Jahrzehnte auch ein neuer Blick auf die Geschlechtergeschichte. So werden Texte von Autorinnen aus der Vergangenheit wiederentdeckt, neue Fragen an alten Themen gestellt und die Frage nach Geschlecht in allen Bereichen der Geschichtswissenschaft hinterfragt, selbst in traditionell „männlichen“ Bereichen wie der Militärgeschichte. Dabei wird auch ein Großteil der bisherigen Erzählungen umgewälzt. Beispielsweise ergaben die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte, dass das Narrativ der natürlichen Ordnung der Geschlechter erst mit der Verwissenschaftlichung der Geschichte im 19. Jahrhundert einherging, wie die Historikerin Claudia Opitz-Belakhal schreibt.
Die Aufgaben, die sich für die moderne Geschichtsschreibung aus diesen Erkenntnissen ergeben, sind keine einfachen. Denn es geht nun um das Finden von Quellen, wo diese aufgrund der bisherigen Geschichtsschreibung nur schlecht auffindbar, oder sogar verschleiert sind.

Um einen Gegenpol zu bilden, werden unter dem Begriff Herstory - ein Wortspiel aus den Worten Her und History – mittlerweile Erzählungen über Frauen geschrieben. Erst im September erschien beispielsweise das Kinderbuch „HerStory: 50 starke Frauen und Mädchen, die Geschichte schrieben“. Der Gedanke: Geschichte wurde lange von Männern, über Männer geschrieben. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, braucht es weibliche Erzählungen. Doch auch an diesem Konzept regt sich Kritik, da diese sich erneut auf einzelne Personen konzentriere und dadurch größere Dynamiken ausblende. So können Herstory-Erzählungen nur ein erster Schritt sein, wie beispielsweise die Historikerin Gerda Lerner schrieb.

Auch aus einer anderen, der intersektionellen, Richtung kommt Kritik, die die Untersuchung von Geschlecht komplexer macht. Denn anstatt nur Geschlechterbeziehungen zu untersuchen, geht es dem Ansatz darum, auch andere Formen der Betroffenheit wie Queerness oder Ethnie mit zu bedenken, anstatt aus einer weißen, westlichen Perspektive von der Betroffenheit „der Frau“ zu sprechen.

Doch es geht bei der Frage um Frauen und Geschlecht in der Geschichte nicht nur um die Erzählungen, die zunehmend aufgelöst werden. Auch in der Geschichtswissenschaft selbst, zeigen sich noch unausgeglichene Verhältnisse. Dieses häufig als doppelte Marginalisierung benannte Phänomen beklagt den Umstand, dass die Institution zur Erforschung von Geschichte – die Universität, insbesondere in den höheren Positionen – selbst noch nicht geschlechtergerecht strukturiert ist. Während das Geschlechterverhältnis unter Studierenden noch ausgeglichen ist, sinkt der Anteil von Frauen in den höheren Positionen. Laut dem statistischen Bundesamt betrug der Anteil der weiblichen Professoren 35 Prozent im Jahr 2015. Einher mit diesen Zahlen geht die grundlegende Problematik der derzeitigen Geschichtswissenschaft: Wenn die Vergangenheit durch Männer geschrieben wurde und die Gegenwart weiterhin männerdominiert ist, müssen Wege gefunden werden, die vergangenen Fehler nicht zu wiederholen.

:Stefan Moll

 

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