Im Vergleich mit Deutschland ist Gendern in der Ukraine wesentlich weniger beliebt
Gender Studies: Eine ukrainische Perspektive
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Progressiv: An ukrainischen Hochschulen wird Geschlechterforschung immer relevanter. Foto: privat
Progressiv: An ukrainischen Hochschulen wird Geschlechterforschung immer relevanter.

Es ist ziemlich interessant, dass schon bei der ersten Vorlesung im Masterprogramm Gender Studies an der RUB über Gender-Bashing diskutiert wird. Darunter versteht man Angriffe auf diese Disziplin, bei der man die Sinnhaftigkeit der Geschlechterforschung aus akademischer Sicht in Frage stellt. Aus der Perspektive einer ukrainischen Studentin mag diese Gender-Problematik zunächst überraschend sein. Wenn man aus einem Land kommt, in dem selbst das Wort „Gender“ falsch verstanden wird, erwartet man in Deutschland eine andere Lage der Dinge. 

Würde man in der Ukraine eine Studie über das Wort „Gender“ durchführen, wäre es ohne Zweifel in den Top 10 der am meisten gehassten Wörter. Für einen durchschnittlichen Ukrainer oder eine Ukrainerin ist es sehr negativ konnotiert und wird in erster Linie mit Homosexualität und sexueller Perversion verbunden. 

Wer hat Angst vorm Gendern?

Am Donnerstag, den 17. November wurde im ukrainischen Parlament über einen wichtigen Gesetzentwurf diskutiert, in dem es darum ging, einen besseren Schutz für die Opfer häuslicher Gewalt im Land zu schaffen. Jedoch wurde der Entwurf von den Abgeordneten zur Nachbearbeitung zurückgeschickt. Grund dafür war alleine die Verwendung der Begriffe „Gender“ und „sexuelle Orientierung“.

Diese Situation zeigt, was für eine starke Unwissenheit auf dem Niveau legislativer Gewalt bezüglich dieser Begriffe herrscht, obwohl die unterschiedlichen NGOs und Initiativen sich seit Jahren bemühen, diese Situation zu verändern.

Gender an ukrainischen Hochschulen

In der ukrainischen Universitätswelt gewinnt die Geschlechterforschung immer mehr Anerkennung. Allerdings bleiben Gender Studies in erster Linie Bestandteil einer Kerndisziplin und werden nur selten als ein separates Studienfach gelehrt. 

Es ist nicht selten, dass StudentInnen, besonders aus den ländlichen Teilen des Landes, unterschiedliche geschlechtsbezogene Vorurteile mitbringen. Diese werden hauptsächlich durch die traditionelle patriarchalische Gesellschaft und die Medien geprägt. Im Laufe des Studiums verändert sich diese Einstellung jedoch zum Positiven. 

Das ukrainische Bildungsministerium versucht seit Jahren, eine Gender-Strategie an Hochschulen umzusetzen. Jedoch trifft dieses Vorhaben auf den Widerstand der Universitätsverwaltungen, deren Personal sich hauptsächlich aus Männern zusammensetzt. Diesem fällt es schwer, die Geschlechterforschung als wissenschaftlich und solide wahrzunehmen. Auch die von offizieller Seite eingeführten Begriffe der „Geschlechtergerechtigkeit“ und „Gleichstellung der Geschlechter“ finden im Alltag kaum Anwendung, da man in Uniberichten und Protokollen kaum die Begriffe „Professorin“ und „Dozentin“ findet.

Im Vergleich zu ukrainischen Hochschulen können Deutsche auf ihr Studienangebot und den generellen Umgang mit der Genderproblematik stolz sein. Dass man mittlerweile an sieben deutschen Hochschulen einen Master im Bereich der Geschlechterforschung erwerben kann zeigt auch, dass dieses Thema zumindest in Deutschland salonfähiger geworden ist.

Gastautorin: Hanna Vlasiuk

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