Eine andere Perspektive: Zu viel Fleischkonsum schädigt nicht nur Tiere und Umwelt
Gegrillte Petri-Buletten aus dem Labor?
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Auf dem Rost: Fleisch gehört traditionell zum sommerlichen Grillvergnügen. Foto: ck
Auf dem Rost: Fleisch gehört traditionell zum sommerlichen Grillvergnügen.
(ck) Es ist Sommer. Es wird gegrillt. Für nicht wenige Menschen hat diese Aussage schon fast kausalen Charakter. Sobald die Temperaturen steigen, werden die Grillgeräte aus dem Haus geholt und befeuert. Dominantes Grillgut ist „traditionell“ Fleisch. Auch auf meinem Rost tummeln sich während der wärmeren Monate die verschiedensten Fleischsorten. Bisher habe ich mir nicht viele Gedanken zu meinem sommerlichen Ess- und Grillverhalten gemacht – doch dies hat sich kürzlich ein wenig geändert.
 
Eine einseitige Ernährung ist ungesund und schädigt den Körper. Diese Aussage wird durch zahlreiche wissenschaftliche Studien bestätigt und lässt sich auch in der Natur beobachten. Herz- und Kreislauferkrankungen gehören mit zu den häufigsten Krankheitsbildern, die durch eine einseitige Ernährung auf Fleischbasis hervorgerufen werden können. Auch das Risiko von Schlaganfällen soll bei übermäßigem und einseitigem Fleischkonsum zunehmen. Keine guten Aussichten also, wenn man täglich den Grill anwirft und seine Würstchen dreht.

Kostspieliger…

Die Naturschutzorganisation WWF hat errechnet, dass in jedem Kilogramm Rindfleisch ca. 6,5 Kilogramm Getreide und 36 Kilogramm Raufutter stecken. Vom Tag der Geburt des Nutztieres bis zum Tag seiner Schlachtung werden rund 15.500 Liter Trinkwasser benötigt, um es zu versorgen (bei Schweinen sind es ungefähr 10.000 Liter). Einen Großteil der Futtermittel beziehen die industriellen Mastbetriebe aus Ländern, in denen bedingt durch den Futtermittelanbau zu wenig Flächen für den heimischen Anbau von Nutzpflanzen zur Verfügung stehen. Infolgedessen müssen die betroffenen Länder Nahrungsmittel importieren, um den Bedarf der einheimischen Bevölkerung decken zu können. Ein kostspieliges Unterfangen. Damit in den Konsumentenländern vier Personen jeweils ein 250-Gramm-Steak essen können, müssen andere Menschen hungern oder unter den hohen Importpreisen für Nahrungsmittel leiden. Der übermäßige Verzehr von Fleisch schädigt somit nicht nur den eigenen Organismus, sondern unter bestimmten Umständen auch andere Menschen. Ein Faktum, das gerne mal ignoriert wird oder nicht jedem/r bewusst ist.

… „Genuss“

Wie interessant und spannend Esskultur sein kann, haben die großen TV-Sender bereits vor einigen Jahren entdeckt. Zahlreiche TV-KöcheInnen tummeln sich in den verschiedensten Sendungen und Formaten. Fleisch steht oftmals als zentrale Zutat im Mittelpunkt und wird im finalen Gericht malerisch als „Genussmittel“ bezeichnet. Doch lässt sich in diesem Zusammenhang überhaupt noch von „Genuss“ sprechen?
In den 1950er Jahren stellte sich diese Frage nicht oder nur äußerst selten – Fleisch war in vielen deutschen Küchen ein seltener Gast. Im Verhältnis zum durchschnittlichen monatlichen Nettoverdienst belief sich der Schweinefleischpreis auf 1,6 Prozent (1950). 1975 waren es nur noch 0,58 Prozent; 2002 sank der Preis auf 0,28 Prozent. Durch die moderne Massentierhaltung, neue Mastmethoden und medizinische Verfahren konnte der Preis von Fleisch auf Discountniveau gedrückt werden. Nicht nur auf Kosten der Verbraucher, wie zahlreiche Skandale und Mängel in der Massentierhaltung und Zucht belegen, sondern vor allem auf Kosten der Tiere, die unter teils unzumutbaren Bedingungen ihr Dasein fristen.

Fleischkonsum 2.0

Doch es gibt einen Streif am Horizont: Anfang August wurde in London das erste künstliche Burger-Fleisch präsentiert und verköstigt. Fleisch aus der Petrischale – ganz ohne die zahlreichen Negativeffekte, die Fleisch aus der Massentierhaltung so mit sich bringt. Prof. Mark Post von der Universität Maastricht arbeitete fünf Jahre an dem 150 Gramm schweren und 280.000 Euro teuren Stück Laborfleisch. Hierzu züchtete er aus Stammzellen und einer Nährlösung 40.000 Milliarden Muskelzellen. Sollte das Verfahren in zwanzig Jahren, so lange schätzt der Wissenschaftler wird es noch dauern ein finanzierbares industrielles Modell zu entwickeln, marktreif werden, könnte dies das Ende der Massentierhaltung bedeuten. Aus den Stammzellen einer einzelnen Kuh könne man 175 Millionen Burger produzieren – eine Fleischmenge, für die heute 440.000 Kühe geschlachtet werden müssten. Trotzdem bleibt fraglich, ob die KonsumentInnen die neuen Labor-Buletten annehmen würden. Ein bisschen ekelig hört sich die ganze Geschichte schon an und wirklich gesünder ernährt man sich mit Synthetik-Fleisch auch nicht. Zu viel Fleisch bleibt weiterhin ungesund.

Doch wo bleibt die Einsicht?

Obwohl die gesundheitlichen Risiken einer einseitigen Ernährung auf der Hand liegen sowie die gesellschaftlichen und moralischen Probleme offensichtlich sind, stellt sich in der Regel kein Umdenken ein. Die Einsicht bleibt aus. Grillen ist für viele Menschen so etwas wie eine Passion, fast schon eine Religion. Eingefleischte Grill-PatriotInnen lassen sich ihr Recht auf uneingeschränkten Grillgenuss nicht nehmen. Was den Magen füllt, soll jedeR selbst entscheiden – so viel Freiheit muss sein. Grillen und Fleisch, das gehört irgendwie untrennbar zusammen. Worte, die denen anderer Genussmenschen sehr ähneln und den Eindruck vermitteln, dass der Preis des Fleisches gerne mal ausgeblendet wird.
 
Anmerkung des Autors: Dieser Artikel fokussiert einige der Folgen für den Menschen, die sich aus einem übermäßigen und einseitigen Fleischkonsum ergeben. Die Rolle der Nutztiere soll in diesem Zusammenhang weder unterschlagen noch verharmlost werden.
Die Entwicklung des weltweiten Fleischkonsums. Quelle: FAO / Grafik: ck / Bildhintergrund: flickr.com, gnu1742