Die WM in Brasilien unter Ausschluss des Volkes
Fußball, FIFA und Favela
The sky is the limit: Begrenzter Wohnraum in São Paulos Favela-Stadtteil Rocinha. Foto: flickr, Rocinha_eflon (CC BY 2.0)
The sky is the limit: Begrenzter Wohnraum in São Paulos Favela-Stadtteil Rocinha. Foto: flickr, Rocinha_eflon (CC BY 2.0)
The sky is the limit: Begrenzter Wohnraum in São Paulos Favela-Stadtteil Rocinha. Foto: flickr, Rocinha_eflon (CC BY 2.0)

Endlich hat sie begonnen: Die 20. FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft. Das fußballverrückte Land am Zuckerhut steht für die kommenden vier Wochen im Fokus der Weltöffentlichkeit. Diese soll dann ein Brasilien sehen, das die sozialen Missstände im Land in den Griff bekommen hat. Doch auch während das Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien lief, kam es in São Paulo zu weiteren Protesten gegen die viel zu hohen Ausgaben für die Stadien und die Infrastruktur der WM. Aus Sicht der DemonstrantInnen wären diese Gelder besser im Bildungs- und Gesundheitswesen aufgehoben. Als Neymar den BrasilianerInnen mit seinen beiden Treffern den Auftaktsieg bescherte, war das WM-Stadion in São Paulo im Übrigen noch nicht komplett fertiggebaut.

Die WM in Brasilien ist mit umgerechnet rund 10,5 Milliarden Euro die teuerste aller Zeiten. Für den Großteil (6,3 Mrd. Euro) kommt der Bund auf, den Rest teilen sich die WM-Städte und private InvestorInnen. Dass eine Weltmeisterschaft in Brasilien teurer geworden ist als beispielsweise die WM 2006 in Deutschland, ist noch verständlich: Stadien und Infrastruktur mussten in den meisten Fällen erst geschaffen werden, in Deutschland hingegen waren diese vorhanden und die Stadien größtenteils privat finanziert. Die Bevölkerung Brasiliens stand den Investitionen schon im Vorhinein kritisch gegenüber. Sie sieht in der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 die Gefahr, zu viel Geld für Prestige-Projekte auszugeben und die notwendigen Sozialreformen im Land zu vernachlässigen. Das Volk reagierte in den letzten Wochen mit Massenprotesten insbesondere in São Paulo und der Hauptstadt Brasilia. Angefangen hatten die Proteste vor etwa einem Jahr während des Confed-Cups, als die Demonstrationen auf den Straßen der Großstädte mit teilweise über 300.000 TeilnehmerInnen noch größer ausfielen.

Das echte Brasilien: Leben in den Favelas

Fernab des Stadtzentrums von Rio de Janeiro, dem Ort, wo am 13. Juli  das Endspiel der WM stattfinden wird, findet gleichzeitig das echte Leben der BrasilianerInnen statt, in den Favelas, den ,Armenvierteln mit der schönsten Aussicht‘, abgelegen auf den Hügeln der Vorstadt. Dort genießt der Fußball traditionell einen hohen Stellenwert, doch die meisten der Menschen, die zum Beispiel in Rocinha, der größten und ,wohlhabendsten‘ Favela Brasiliens leben, werden die Spiele im Fernsehen verfolgen. Die Eintrittskartenpreise sind zu hoch und auch wenn die brasilianische Regierung ein bestimmtes Kontingent an Sozialtickets herausgegeben hat, damit gerade diese Menschen eine Chance auf das Live-Erlebnis im eigenen Land haben, wird der Großteil der fußballverrückten BrasilianerInnen zu Hause bleiben und sich dem Alltag widmen, der weniger mit Fußball und mehr mit Existenzproblemen zu tun hat.

Zehn Jahre Bolsa Familia – politisches Mittel oder Wohlfahrtsgeschenk?

Die Proteste vor der WM richteten sich vor allem gegen die brasilianische Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff, die im Vorfeld betont hatte, nicht übermäßig viel Geld in Stadien und Infrastruktur zu investieren. Stattdessen tat sie genau das Gegenteil und gab insgesamt über sechs Milliarden Dollar aus Bundesmitteln für den Ausbau von Stadien, öffentlichem Nahverkehr, Brücken, etc. aus. Geld, was den BrasilianerInnen an anderer Stelle fehlt. Vor allem die Bereiche Bildung und Gesundheit wurden schon unter der Vorgängerregierung des populären Präsidenten Lula da Silva vernachlässigt. Dieser hatte im Jahr 2003 das an Konditionen gebundene Familienstipendium „Bolsa Famila“ eingeführt, das einen Einkommenstransfer für die ärmste Bevölkerungsschicht beinhaltete. Mit dem Ziel, die Armut und die Ungleichheit auf Sicht zu reduzieren, sollte diese Leistung vor allem den Kindern zugute kommen, denn Bolsa Familia wurde nur dann gezahlt, wenn diese auch regelmäßig die Schule besuchten. Ob das Instrument dauerhafte Impulse in der Armutsbekämpfung Brasiliens gesetzt hat, ist zu bezweifeln. Zwar trafen sich die amtierende Präsidentin Rousseff und ihr Vorgänger Lula da Silva im Dezember vergangenen Jahres auf einer Veranstaltung, um das zehnjährige Jubiläum dieser Sozialreform gebührend zu feiern, doch KritikerInnen sahen in der Reform von Anfang an ein Wahlkampfgeschenk, das die strukturellen Probleme im Bildungs- und Sozialsektor nicht lösen werde. Es komme nicht den Kindern zugute, sondern unterstütze indirekt Korruption, Drogen- und Waffenhandel. Andere weisen auf die Erfolge des Programms hin:  Bolsa Familia habe seit 2003 etwa 36 Millionen BrasilianerInnen aus der absoluten Armut befreien können.

Drogen und Gewalt – Kultur und Leben

In Rocinha sind die Menschen gespalten, wenn man mit ihnen über die WM spricht. Der Alltag holt sie immer wieder ein. Michel Silva, der in Rocinha lebt, kann der Weltmeisterschaft zwar nicht viel abgewinnen, schaut sie aber trotzdem: „Die WM ist ein großes Ereignis für Brasilien, aber sie löst die Probleme auf der Straße nicht“, konstatiert Michel. So starb kurz vor Beginn der WM ein Drogendealer bei einer Schießerei mit der UPP (Unidade de Polícia Pacificadora), der sogenannten Befriedungspolizei, die den anhaltenden Drogenkrieg in den Favelas in den Griff bekommen will. Für Menschen wie Michel ist die UPP nicht unbedingt das richtige Mittel, um die Probleme zu lösen. „Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen ist einfach der falsche Weg: es sollte mehr Geld in Bildung und Gesundheit gesteckt werden“, sagt der 19-jährige Brasilianer, der mit seinem Nachrichtenportal „Viva Rocinha“ über das Leben in Rios größter Favela berichtet. Mit seinem Internetblog möchte er „Informationen demokratisieren“, da viele Menschen hier keine Zeitung lesen und ein echtes Kommunikationsmittel fehlt. Er will aber nicht nur über die schlechten Sachen schreiben, sondern der Welt zeigen, dass auch gute Dinge in den Favelas passieren: „Die Rocinha ist voller Kultur der ,Nordestinos‚, der EinwandererInnen aus dem Nordosten. „Es gibt viele spannende Leute hier mit wirklich tollen Geschichten“, zeigt Michel die Vorzüge seiner Favela auf.

Die FIFA kassiert und agiert wie eine Kolonialmacht

Die strukturellen Probleme Brasiliens sind der FIFA und ihrem Präsidenten Joseph Blatter ebenso gleichgültig wie das kulturelle Leben in Rocinha. Sie möchte von der Fußball-Weltmeisterschaft profitieren und zwar finanziell. So verlangt sie von den Austragungsländern der WM volle Steuerbefreiung für sich und ihre Sponsoren, von dem Punkt der Vergabe der WM bis zum Ende. Was bleibt, ist ein riesiger Gewinn für einen Verband, der laut Schweizer Recht offiziell als gemeinnütziger Verein eingestuft ist, jedoch wie ein multinationaler Konzern handelt. Joseph Blatter agiert dabei wie ein Kolonialherr, der über dem Recht steht, und zeigt dies auch während der aktuellen WM in Brasilien. Vermeintliche Korruptionsvorwürfe über die Vergabe der WM in Russland und in Katar schmettert er locker ab und sperrt stattdessen Franz Beckenbauer, der angeblich nicht mit der Ethik-Kommission der FIFA kooperiert habe und auf die WM verzichtet: ein gutes Ablenkungsmanöver oder die gerechte Strafe?

In den vier WM-Wochen wird es weiterhin Demonstrationen gegen die sozialen Missstände im Land geben und die brasilianische Regierung wird versuchen, diese mit Hilfe einer kompromisslosen Polizei zu unterbinden. Das Land ist jetzt für vier Wochen im Fokus der Weltöffentlichkeit, muss sich danach aber weiterhin modernisieren und Reformen durchsetzen. Die FIFA wird danach eine gute Bilanz ziehen und sich auf das nächste Großereignis in Russland 2018 vorbereiten. Die Regierung wird sich messen lassen an den wirtschaftlichen Erfolgen der Weltmeisterschaft, denn das Volk ist aufgewacht. Bolsa Familia war ein kleiner wichtiger Schritt – weitere müssen jetzt folgen.