„Freundschaft, das ist wie Heimat“ – doch was, wenn Freunde eine andere Heimat haben?
Freunde in der Ferne
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Statt Karten: Lieber mal FreundInnen besuchen.	- Foto: ks
Statt Karten: Lieber mal FreundInnen besuchen.

Es ist voll auf dem Bahnsteig, denn es ist Freitagnachmittag. Feierabendverkehr trifft auf Wochenendpendelei und einige Verreisende. Am Gepäck der Menschen lässt sich ablesen, ob diese eher auf der Durchreise, auf dem Heimweg oder auf wirklich großer Fahrt sind. Und dann sind da noch Abholende. Sie haben kaum Gepäck und stehen auch nicht so nah am Gleis. Ich bin heute ebenfalls eine von denen, die mit dem eigentlichen Bahnhofsgeschehen wenig zu tun haben. Ich warte auf meine beste Freundin Lili, die ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe. Doch obgleich Fernfreundschaften – anders als ihr berühmt-berüchtigter Verwandter „Fernbeziehung“ – in Medien, Sachbüchern und Psychologie bisher kaum bis gar keine Erwähnung finden, spielen sie heute in fast jedem Leben irgendwann eine Rolle und stellen die Beteiligten trotz aller fortschrittlichen Kommunika­tionsweisen oft vor große Herausforderungen.

Während sich das gesamte Leben unserer Eltern und noch mehr das unserer Großeltern häufig – von der Grundschule bis zur Rente – in ein und derselben Stadt oder zumindest der gleichen Region abspielte, gehören Umzüge in einen ganz anderen Teil des Landes und Auslandsaufenthalte heute zum Leben vieler Menschen. Ob Studienplatz oder Jobangebot – fast jedeR kennt einen Menschen in seinem/ihrem Umfeld, der einen kompletten Neuanfang woanders auf der Welt gewagt hat. Lernen damit umzugehen müssen dann allerdings nicht nur Familien und Paare, auch Freundschaften brauchen neue Strategien, um an der Distanz nicht zu zerbrechen.

Unter Druck

„Wenn Freundschaften zu Fernfreundschaften werden, erkennt man eigentlich erst, wer die echten Freunde sind“, erzählt Lili, die wegen zahlreicher Hin- und Herzieherei sowie einem Jahr im Ausland mittlerweile ein echter Profi auf diesem Gebiet ist. „Dann trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Denn bei Freundschaften über weite Strecken muss jedeR dazu bereit sein, wirklich etwas zu investieren, während im normalen Alltag Freundschaft oft auch einfach über regelmäßige Treffen ohne großen Aufwand funktioniert. Ein gemeinsamer Kaffee nach der Vorlesung lässt sich einfacher unterbringen als einen Termin zu finden, zu dem beide wirklich ungestört telefonieren oder skypen können. Und natürlich müssen alle auch erst einmal einen (Kommunikations-)Weg finden, mit der neuen Situation umzugehen. Während viele Gespräche zwischen „normalen“ FreundInnen oft auf Alltagsgeschichten und Banalem beruhen, wirken Erzählungen, etwa über eine unfreundliche Kassiererin, einen langen Bürotag oder ein gutes Essen, plötzlich unbefriedigend. Denn durch die neue Seltenheit und damit einhergehend auch wachsende Bedeutung einer Unterhaltung baut sich ein gewisser Druck auf, eben auch Gesprächsthemen mit größerer Bedeutung zu finden.

Und genau dieser neue Anspruch ist es, der Fernfreundschaften so schwer werden lässt. Wenn man sich nicht mehr bei dem/der FreundIn meldet, um zu erzählen, dass man sich über einen doofen Brief vom Bafög-Amt ärgert oder dass man die Einkaufstüten in der Bahn vergessen hat, sondern darauf wartet, etwas wirklich Tiefsinniges oder Spannendes berichten zu können, dann gehen schnell Wochen und Monate ins Land, bis man sich überhaupt wieder spricht. „Obwohl es ja grade auch diese Leichtigkeit und Normalität ist, die zu einer Freundschaft gehört“, erzählt Lili, und rät: „nicht aufhören, den anderen am normalen Leben teilhaben zu lassen. Auch mal eine SMS schicken, nur um zu erzählen, dass man verpennt hat oder auf einer Party schlechte Musik läuft“.

Auch neue Kontakte zulassen!

Doch auch Gefühle, die bis dato in einer Freundschaft überhaupt keine Rolle spielten, können plötzlich zu Konflikten führen. Eifersucht etwa. Denn natürlich muss jedeR von beiden auch wieder Leute finden, mit denen er oder sie eben einen Kaffee nach der Vorlesung trinkt, zusammen feiern geht oder einfach auf der Couch Serien schaut. Und der-/diejenige, der/die nun nicht mehr an diesen alltäglichen Treffen teilhaben kann, weil er zu weit entfernt ist, muss das akzeptieren und darf sich nicht ausgetauscht fühlen, sondern sollte seinerseits/ihrerseits ebenfalls neue Alltagskontakte knüpfen.

Auch kann es helfen, gemeinsame Treffen etwa an Orten stattfinden zu lassen, die nicht zum Alltag mit den neuen FreundInnen gehören. Sich zum Beispiel in einer anderen Stadt treffen, die für beide nicht alltäglich ist, oder einfach mal in eine Kneipe gehen, wo man nicht ständig auch mit seinen Uni-Kumpels abhängt. Einige Freundschaften werden dennoch scheitern. Denn ein echtes Rezept, um das zu verhindern, gibt es leider nicht. Ein realistischer Ausblick aber, dass nicht alles so bleiben wird wie es war und die Erkenntnis, dass Fernfreundschaften, auch wenn es noch so banal scheint, auf ständigen Austausch angewiesen sind, kann echte Freundschaft auch über noch so viele Kilometer hinweg am Leben halten!