VW do Brasil unterstützte Militärregime in Brasilien
Freiwillige Verfolgung
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Lernte für die Recherchen vor Ort und im Archiv Portugiesisch lesen: der ehemalige RUB-Promovend Prof. Christopher Kopper. Foto: lor
Lernte für die Recherchen vor Ort und im Archiv Portugiesisch lesen: der ehemalige RUB-Promovend Prof. Christopher Kopper.

Aufarbeitung. Spitzel, Folter und Festnahmen: Das sind die Ergebnisse Prof. Christopher Koppers, welcher im Auftrag von VW die Verwicklungen des Tochterkonzerns in Brasilien in die Machenschaften des Militärregimes erforscht hat. Kopper stellte sie an der RUB vor. 

Niemand hat sich dafür interessiert, was während des Militärregimes in Brasilien zwischen 1964 und 1985 lief. Bis 2012. Dann ordnete die  damalige linke Regierung die Aufarbeitung der Vergangenheit an. Im 2014 veröffentlichten, dreibändigen Bericht der dafür eingerichteten Wahrheitskommission wurden sämtliche, während dieser 21 Jahre erfolgten Menschenrechtsverletzungen katalogisiert. Auch Unternehmen wurden negativ belastet: besonders VW do Brasil, Tochterkonzern des Wolfsburger Autoherstellers.

Im Auftrag von VW hat der Bielefelder Historiker Prof. Christopher Kopper die umstrittenen Verwicklungen in Brasilien aufgearbeitet und sich mit Archiven und dem Land auseinandergesetzt. Die Ergebnisse seiner Arbeit präsentierte er vor einer Handvoll Interessierten vergangenen Donnerstagabend auf Einladung des AStA-Referats für politische Bildung an der RUB. 

Die Ergebnisse

„Kein Unternehmen in diesem Bericht wurde so häufig negativ erwähnt wie VW“, so Kopper. Das, und eine Klage von Gewerkschaftsseite aus dem Jahr 2015 bewog den Autokonzern dazu, das dunkle Kapitel der Unternehmensgeschichte aufarbeiten zu lassen. 

Das im Jahr 2017 veröffentlichte Ergebnis zeige ein klares Bild: Ja, die Konzernspitze von VW hat bei der Repression und Verfolgung von RegimegegnerInnen geholfen sowie ArbeitnehmerInnenrechte eklatant eingeschränkt: Weder Gewerkschaften noch das Streikrecht standen den ArbeiterInnen des Werks in São Paulo zu. Die riesigen Gewinne, die VW do Brasil erzielte, hingen auch mit niedrigen Lohnausgaben zusammen. ArbeitnehmerInnen hatten aber aufgrund fehlender Rechte nicht die Möglichkeit, um mehr Lohn zu kämpfen.

In den 70ern und 80ern kam dann eine systematische Ausspitzelung für die Militärdiktatur hinzu. Der Werksschutz, eigentlich eingestellt, um für Ruhe und Recht auf dem Werksgelände zu sorgen, observierte RegimegegnerInnen. Die nötigen Personaldaten verdächtiger Individuen erhielten sie von den Personalchefs. Die Weitergabe von solchen Informationen war nicht im Gesetz verankert: „Die Zusammenarbeit war völlig freiwillig und nicht erzwungen.“ Festgenommene wurden in Haft genommen und gefoltert. Manche bis zum Tode. All dies sei in Kenntnis der VW-Spitze in Brasilien geschehen, die sich von Anfang an positiv über das Regime geäußert habe. 

Daraus gelernt?

Das brasilianische Militärregime, das nach einem Putsch 1964 an die Macht kam, gilt – verglichen mit anderen südamerikanischen Regimen wie in Argentinien oder Chile – als weniger blutig. Massenexekutionen blieben aus. Dennoch gab es massive Verstöße gegen die Menschenrechte: von der Aussetzung der Bürgerrechte über die Verfolgung Andersdenkender bis hin zu Folter in den Gefängnissen. Aufgearbeitet wurde, anders als  beispielsweise das Dritte Reich nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland, nicht. 

„Ich hoffe, dass ich damit den Startschuss gegeben habe, dass auch andere Unternehmen diese Diktaturzeit aufarbeiten, ähnlich wie die Aufarbeitung von Unternehmen in der NS-Zeit“, resümiert Kopper. Hoffnung besteht: Seit der Initiative der Regierung wächst das gesellschaftliche Interesse daran. 

Die Studie zum Herunterladen findet sich auf tinyurl.com/vwdobrasil.

:Andrea Lorenz