Vortragsreihe zur Flüchtlingspolitik in Bochum
Flüchtlingsdrama made in Europe?
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Das Flüchtlingsdrama: Nur weil man es nicht sieht, heißt es nicht, dass es nicht da ist. Foto: kac
Das Flüchtlingsdrama: Nur weil man es nicht sieht, heißt es nicht, dass es nicht da ist.

Seit mehreren Monaten beschäftigt ganz Europa die Problematik der Flüchtlingspolitik. Schlagzeilen wie Missstände und unmenschliche Bedingungen – die als Zuflucht gedachten Räume wie z.B. auf der Insel Lampedusa oder Tod durch Verdursten in der nigerianischen Wüste – findet man nur, wenn man gezielt danach sucht.  Diese Kontroverse wird nun in den nächsten Wochen in Form einer Vortragsreihe und Diskussionsrunde an der Bochumer Evangelischen Fachhochschule fächer­übergreifend thematisiert. Anstoß dafür gaben die zahlreichen Demonstrationen und Übergriffe gegen Flüchtlinge in der EU. Zu Wort kommen ReferentInnen aus verschiedenen Bereichen aus Deutschland.

Die Vortragsreihe wird von der Evangelischen Fachhochschule Bochum (Rheinland-Westfalen-Lippe) in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingsrat NRW veranstaltet. „Die Referenten sind Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen (Politikwissenschaft, Recht, Medizin, Psychologie, Ethik / Theologie, Linguistik), die in ihrer Berufsbiographie als Richter, Journalisten, Therapeuten, Flüchtlingsberater mit dem Thema konfrontiert waren sowie Personen, die für den Flüchtlingsrat NRW und Pro Asyl aktiv sind,“ so der Mitveranstalter Prof. Dr. Arian Schiffer-Nasserie.
 

Nicht uninteressante Problematik

Da stellt sich die Frage: Welche Probleme gibt es im Bereich der Flüchtlingspolitik in Europa, in Deutschland oder hier in Bochum und Umgebung? Schiffer-Nasserie erklärt, dass die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen an den Randgebieten Europas anfangen und die Anzahl der Toten an den Außengrenzen der die Verschärfung der Flüchtlingsabwehr durch Frontex, Eurosur und Küstenwache ausgesetzt sind, nicht zu vergessen ist. Weitere Probleme sind die auf Abschreckung und Abwehr zielende Asylverfahrenspraxis und die konstruktiv-kritische Berichterstattung der Presse über „das Flüchtlingsproblem“. Kritisch zu betrachten ist auch der Aufstieg rechtsextremer und faschistischer Parteien in den europäischen Parlamenten. Desweiteren gab es die Proteste und Übergriffe von Bundesbür­gerInnen gegen Flüchtlinge und „SozialtouristInnen“ (als auch von Flüchtlings- und Menschenrechtsgruppen gegen „Fremdenfeindlichkeit“), wie auch die Demonstration in Bochum am 1. Februar vor dem AsylbewerberInnenheim an der Wohlfahrtstraße.

Desinteresse der Medien?

Prof. Dr. Schiffer-Nasserie bemängelt, dass es nur eine kurze Phase der öffentlichen Empörung über ein sogenanntes „Flüchtlingsdrama vor Lampedusa“ im Oktober 2013 (mehr als 100 Flüchtlinge starben vor der Küste Lampedusas, da deren überfülltes Boot sank) gab und dass seither Desinteresse der Medien zu verzeichnen sei; dabei gehe das Sterben weiter! Denn was kaum einer weißt: Nach der sogenannten Katastrophe vor Lampedusa hat die EU nicht nur für weitere Fluchtgründe in Afrika und im Nahen Osten gesorgt, sondern auch ihre Abschottungspolitik gegen unerwünschte EinwanderInnen verschärft. So kommt man in den letzten 20 Jahren auf ca. 20.000 Grenztote. Ziel der Vortragsreihe, die sich an Studierende als auch Lehrende aller Bochumer Hochschulen und Interessierte sowie Engagierte aus der Nähe richtet, ist eine kontroverse und fachübergreifende Auseinandersetzung zu einem ebenso aktuellen wie unbequemen Thema. Die Vortragsreihe richtet sich insbesondere an jene, die über die Ursachen von Flucht und Flüchtlingsabwehr Bescheid wissen wollen, weil sie sich mit dem fortlaufenden Sterben an den EU-Außengrenzen nicht abfinden wollen. Für Schiffer-Nasserie ist klar: „Die öffentlichen Bekundungen – wie sie insbesondere von hohen Würdenträgern zu vernehmen sind – über das ,unermessliche Leid‘, über  ,Scham, Betroffenheit und Trauer‘ helfen nicht weiter, wenn daraus nicht der Wille hervorgeht, die Ursachen der Misere abzustellen.“

Tod als ökonomisches Interesse

Die zentrale und gleichzeitig gewagte These der Vortragsreihe lautet: „Das europäische Staatenbündnis tut nicht zu wenig beim Flüchtlingsschutz. Europa produziert die Flüchtlinge!“
Im Laufe der Vortragsreihe werden die ReferentInnen beweisen wollen, dass die toten Flüchtlinge – auch wenn es niemand so sagen wolle – für die ökonomischen Interessen der führenden europäischen Staaten und ihrer Unternehmen unvermeidlich seien. Sie seien als Teil der zivilen Opfer des europäischen Erfolgswegs notwendig!
„Die Toten sind nicht Opfer ,unserer aller‘ Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber dem Leid der Flüchtenden, wie dies die Verantwortlichen in Politik, Presse und Kirche glauben machen wollen, sondern sie sind Produkte der ökonomischen, politischen und militärischen Erfolgsstrategie eines Staates, dem – allem Elend zum Trotz – die uneingeschränkte Loyalität der vierten Gewalt gilt.
Die Toten bezeugen nicht das ,Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik‘, sondern sie sind Ausdruck erfolgreicher Grenzsicherung.“ Weiter führte der Bochumer Professor aus: „Auch wenn es niemand so sagen will: Die nach der ,schockierenden Flüchtlingskatastrophe‘ öffentlich zur Schau gestellte Betroffenheit dient nicht den toten Flüchtlingen – wie sollte sie auch!“ Scham und Trauer gälten dem Ansehen des europäischen Staatenbündnisses, seiner ParteigängerInnen und seiner Werte. Insofern sei es auch nur konsequent, wenn nach ein paar Wochen öffentlicher Aufregung die Grenzsicherung weiter ausgebaut werde und sich für die unvermeidlichen Opfer in der Öffentlichkeit niemand mehr inter­essiere.

Sämtliche Vorträge finden montags zwischen 18 und 20 Uhr in Raum 119 der EFH-RWL in der Immanuel-Kant-Straße 18-20 in Bochum statt.
24. März: Die Toten vor Lampedusa sind unvermeidlich. Wofür? (Prof. Schiffer-Nasserie)
7. April: Die soziale und rechtliche Lage der Flüchtlinge (Heinz Drucks)
28. April: Menschenrechte für Flüchtlinge: Anspruch und Wirklichkeit ( Prof. Just)
12. Mai: Universalismus und Nationalismus des Menschenrechts ( Prof. Schnath)
19. Mai: Traumatisierung von Flüchtlingen: Politisierung und Instrumentalisierung (Prof. Ghaderi)
16. Juni: Die vierte Gewalt im migrationspolitischen Diskurs – Eine Presseanalyse (Prof. Almstadt)
23. Juni: Bürger gegen Flüchtlingsheime – öffentlich-rechtliche Erklärungsmuster (Prof. Cechura)
Informationen über die Veranstaltung und die EFH-RWL findet man auf dieser Seite: http://www.efh-bochum.de/#a1