Das DRK bietet die Möglichkeit für einen Tag Flüchtling zu spielen. Redakteur Marcus sieht das kritisch.
Flüchtling und Gendarm
Karikatur: Akl
Stoff für neue Anekdoten in der Mittagspause: „Manfred und ich haben da ja letztens bei diesem Flüchtlings-Rollenspiel mitgemacht …" Karikatur: Akl
Stoff für neue Anekdoten in der Mittagspause: „Manfred und ich haben da ja letztens bei diesem Flüchtlings-Rollenspiel mitgemacht …"

Glosse. Seit 2012 bietet der DRK Landesverband Sachsen-Anhalt das Rollenspiel „Youth on the Run“ an. 

Vor einigen Tagen machte mich eine PULS-Reportage auf das 24-stündige Rollenspiel, welches das DRK (Deutsches Rotes Kreuz) anbietet, aufmerksam. Gegen einen kleinen Obolus von 100 Euro dürfen die Mitspielenden einen Tag lang Flüchtling sein. Um ein möglichst authentisches Feeling zu gewährleisten, zieht man – wie bei einem Kartenspiel – eine temporäre Identität. Was für ein aufregendes Experiment! Als sich die neu gebildeten Familien noch formatieren, stürmen plötzlich „Grenzsoldaten“ den Raum. Sie schreien und lärmen und zwingen die Menschen, Liegestütze zu machen. Im weiteren Verlauf durchleben die frisch gebackenen Flüchtlinge intransparente Bürokratie-Vorgänge, eine Waldwanderung, mehr Geschrei, ein paar spannende Adventure-Gimmicks – kurzum: den wilden Flüchtlings-Alltag. Fernab all des Brimboriums steht jedoch eine große Frage die ganze Zeit im Raum: Samma, tickt ihr noch richtig? 

Schon klar: Das Rollenspiel soll Empathie fördern und die Mitspielenden für die Begegnung mit Menschen mit Fluchthintergrund sensibilisieren. Auf der Heimfahrt im 5er BMW oder am fußwärmenden Kaminfeuerchen kann die neu gewonnene Empathie dann auch reflektiert werden. Da ist zwar jemand von den besten Absichten motiviert, aber diese Simulation verkommt zu einer anmaßenden Abstraktion. Das, was ihr da macht und wir uns ansehen und es geschehen lassen, nannte Guy Debord Die Gesellschaft des Spektakels. Und es geschieht weiter. Und wir bleiben eine Gesellschaft, „in der die Ware sich selbst in einer von ihr geschaffenen Welt anschaut“. 

:Marcus Boxler