Leichtathletik-WM: Proteste gegen das „Anti-Homosexuellen-Gesetz“
Feinfühlige Rebellion?
Foto: Wikimedia Commons / Erik van Leeuwen (bron: Wikipedia)
Jubel für Putin? Die mehrfache Goldmedalliengewinnerin Jelena Issinbajewa befürwortet offenbar die repressive russische Politik. Foto: Wikimedia Commons / Erik van Leeuwen (bron: Wikipedia)
Jubel für Putin? Die mehrfache Goldmedalliengewinnerin Jelena Issinbajewa befürwortet offenbar die repressive russische Politik.

Letzte Woche fand die Leichtathletik- WM im Moskauer Luschniki-Stadion – derselben Stätte wie schon bei den Sommerspielen 1980 – statt. Nachdem damals viele Länder die Spiele aus politischen Gründen komplett boykottierten, gab es auch in diesem Jahr Kritik an der Russischen Regierung. Allerdings in kleinerem Rahmen. Verschiedene SportlerInnen demonstrierten gegen das russische Anti- Homosexuellen-Gesetz und verstießen damit bewusst gegen Richtlinien, die eine strikte Trennung des Sportwettbewerbs von politischer Meinungsmache vorsehen. Der friedliche Protest mit kleinen Gesten bekam Lob aber auch Kritik.

In den Medien wurden sie als Höhepunkte der diesjährigen Leichtathletik-WM gehandelt: Der erste Siegeskuss zwischen den beiden russischen Goldmedaillen- Gewinnerinnen Xenia Ryschowa und Tatjana Firowa sowie der zweite zwischen Julia Guschina und Antonia Krivoshapka. Russland hat zum großen Teil diesen vier Leichtathletinnen den ersten Platz im Medaillen-Spiegel der Weltmeisterschaft zu verdanken, denn Xenia Ryschowa, Julia Geschina, Tatjana Firowa und Antonia Krivoshapka stellten die U.S.A. beim 4x400-Lauf gemeinsam in den Schatten.

Jetzt wird heiß diskutiert: Sollte der „Siegeskuss“ tatsächlich eine Protestaktion gegen Putins Homosexuellen-Gesetz darstellen oder handelte es sich bloß um einen Kuss aus dem Affekt – rein aus den Glücksgefühlen zweier Siegerinnen heraus? Seit Putin, Präsident der russischen Föderation, im Juni diesen Jahres ein Gesetz, das die Verbreitung von Informationen über Homosexualität an Minderjährige untersagt, unterzeichnet hat, hagelt es Kritik: Kann ein Land in dem repressiv gegen sexuelle Minderheiten vorgegangen wird, als Gastgeber der Spiele und Träger der Olympischen Idee, die Demokratie und Frieden impliziert, funktionieren? Wer sich nicht an das neue Gesetz hält, also während der Anwesenheit von Minderjährigen über Homosexualität spricht, dem droht eine Geldstrafe bis zu 25.000 Euro. AusländerInnen könnten sogar durch Arrest und Abschiebung „in ihre Schranken gewiesen werden“. KritikerInnen des neuen Gesetzes stellen in Frage, ob Russland – trotz eingeschränkter Weltoffenheit – die Olympischen Winterspiele 2014 beherbergen sollte. Sogar von Boykott ist wieder die Rede.

Leise & laute Solidarität 

Noch vor der symbolischen Kuss-Aktion von Xenia Ryschowa und Julia Guschina erklärte der US-Mittelstreckenläufer Nick Symmonds seine Abneigung gegen die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland – auch mündlich, jedoch in Form einer ergreifenden Rede, in der er verkündete, dass er seine 800-m-Silbermedaille seinen homosexuellen Freunden und Freundinnen widme.

Ein wenig dezenter – aber nicht unbedingt unauffälliger – gingen einige Sportlerinnen vor, indem sie sich ihre Fingernägel in Regenbogen-Farben (Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung) lackierten. Doch selbst kleine Widerstände werden hart bestraft: Die schwedische Hochspringerin Emma Green Tregaro wurde aufgrund der politischen Geste vom Leichtathletik-Weltverband verwarnt.

Die Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa – ebenfalls Gewinnerin einer der sieben Goldmedaillen – grenzte sich hingegen von den Solidaritätsbekundungen ab: Sie bekannte in aller Öffentlichkeit ihre Sympathie zu dem umstrittenen Anti- Homosexuellen-Gesetz. „Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte“, so Jelena Issinbajewa. Und damit nicht genug: Anschließend kommentierte Jelena Issinbajewa Emma Green Tregaros Fingernägel- Bekenntniss abfällig als „respektlos“. Sie selbst trug die russischen Nationalfarben auf ihren Nägeln…

Missverstanden?

Allerdings bekam die Botschafterin des IOC für die Olympischen Jugendspiele dann doch kalte Füße – fürchtete um ihre Popularität und ihre Ämter. Angesichts scharfer Kritik versuchte Sie sich so gut wie möglich rauszureden und bemühte sich ihre Stellungnahme zu verharmlosen: „Englisch ist nicht meine Muttersprache und ich denke, ich bin da gestern vielleicht missverstanden worden mit dem, was ich gesagt habe“, lautete Jelena Issinbajewas unglaubwürdige Ausrede. Leider dementiert nun auch die russische Staffel-Weltmeisterin Xenia Ryschowa die Vermutungen und Interpretationen über den „Protest-Kuss“. Aus Angst? Wenn Regenbogennägel mit einer Verwarnung gestraft werden, mit welcher Strafe müssten dann die vier Läuferinnen rechnen?

Xenia Ryschowa erklärt den Kuss zwischen ihr und ihrer Kollegin mit einem „Sturm der Gefühle“, dem die beiden einfach unterlagen. Außerdem rechtfertigte sich die Leichtathletin mithilfe ihres Beziehungsstandes: Sowohl sie, als auch Julia Guschina seien mit Männern verheiratet und würden lediglich eine freundschaftliche Beziehung untereinander pflegen. Xenia Ryschowas Statement evoziert höchstwahrscheinlich große Enttäuschung bei standhaften GegnerInnen der aktuellen Gesetzeslage für Homosexuelle.