Festnahmen bei „MediCan“
Falsche Abrechnungen in Testzentren
Bild: hakl
Bald vielleicht rar gesät: die Teststellen von „MediCan“.

Betrug. Das Bochumer Unternehmen „MediCan“ betreibt Testzentren in ganz Deutschland, von denen einige nun unter Verdacht des Abrechnungsbetruges stehen. 

Seit Anfang März wird allen Bürger:innen in Deutschland vom Staat ein Schnelltest pro Woche zur Verfügung gestellt. Allein in Nordrheinwestfalen gab es Mitte Mai schon 8735 Teststellen, an denen die durch Steuergelder finanzierten „Bürgertests“ durchgeführt werden. Dabei können pro Test 18 Euro abgerechnet werden, wovon lediglich sechs für die Materialkosten entfallen und zwölf Euro für die Testung gezahlt werden. Dieses lukrative Angebot machte sich nun wohl aber mindestens ein Testbetreiber zu Nutze und rechnete ein Vielfaches der tatsächlich stattgefundenen Tests ab. 

Durch die Recherche von Journalist:innen des WDR, des NDR und der Süddeutschen Zeitung, die am 14. Mai selbst die Besucher:innen einer Teststelle in Münster zählten, ergab sich das belastende Ergebnis. An den beiden beobachteten Testzelten zählten die Medienvertreter:innen nur etwas mehr als 100 Getestete, während „MediCan“ am selben Tag 422 absolvierte Tests ans Ministerium meldete. Ähnliche Stichproben in Köln oder Essen ergaben teilweise noch drastischere Ergebnisse, bei denen manchmal mehr als das zehnfache der gezählten Tests übermittelt wurde. Durch eine fehlende Kontrollinstanz lade das bisherige Konzept zum Abrechnungsbetrug geradezu ein, hieß es vom Rechercheteam. Allein in den Monaten April und Mai wurden bereits insgesamt 660 Millionen Euro aus steuerlichen Mitteln an die Teststellenbetreibenden überwiesen. Oguzhan Can, der Inhaber von „MediCan“, erklärte auf Anfrage der WAZ: „Alles ist ok, wir haben nichts zu verbergen und werden uns auch in schriftlicher Form dazu äußern.“ Can weist eine mögliche Schuld des Unternehmens von sich und behauptet, dass in der Summe stets die richtigen Zahlen gemeldet worden seien. Lediglich könne es sein, dass die Zahlen einzelner Standorte abweichen, weil sie mit den restlichen Teststellen zusammengefasst verrechnet worden seien. Dass dies in Absprache mit den Behörden geschehen sei, wiesen die selbigen jedoch vehement zurück. 

Dennoch deuten auch die übermittelten Testergebnisse auf einen Betrug hin, denn unter den angeblich in sehr großer Zahl durchgeführten Tests sind häufig überhaupt keine Positiven zu finden, was statistisch äußerst unwahrscheinlich wirkt. So wurden beispielsweise auf dem Parkplatz von Ikea in Essen innerhalb einer Woche angeblich über 12.000 ausschließlich negative Corona-Tests durchgeführt. Laut einem internen NRW-Dashboard sei aber eigentlich Anfang Mai im Schnitt noch jeder 350. Test positiv gewesen. Die Gesundheitsämter haben Bedenken, dass es sich im Fall von „MediCan“ nur um einen von Vielen handelt und man in Zukunft noch einige weitere Fälle dieser Art aufdecken könnte. So befürchtet man auch eine Verfälschung der Sicht auf die Pandemielage, da man von übermäßig guten Quoten ausgehen könnte. 

Der Verdacht auf wissentlichen Betrug seitens „MediCan“ scheint sich erhärtet zu haben, denn vergangene Woche wurden nun zwei Verantwortliche des Bochumer Unternehmens festgenommen. Die Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsrecht hatte sich am Tag nach den aufkommenden Vorwürfen bereits eingeschaltet und mit den Ermittlungen begonnen. Nach zahlreichen Durchsuchungen von Geschäfts- und Privaträumen wurden nun die beiden Personen festgenommen, deren Identität vorerst nicht mitgeteilt werden soll. Wegen vielerorts bereits entzogener Zulassungen, sank die Zahl der deutschlandweit von „MediCan“ betriebenen Testzentren innerhalb einer Woche von 54 auf fünf.                 

  :Henry Klur

Autor(in):