Kommentar: Abtreibungsgesetz in Polen: Wo bleibt die körperliche Selbstbestimmung?
Es ist meine Gebärmutter!
Fotos: kac
Pro Selbstbestimmung der Frau: Die RUB zeigt sich solidarisch. Männer und Frauen gegen das Abtreibungsverbot in Polen. Fotos: kac
Pro Selbstbestimmung der Frau: Die RUB zeigt sich solidarisch. Männer und Frauen gegen das Abtreibungsverbot in Polen.

Im polnischen Parlament wurde in erster Lesung ein Gesetzentwurf genehmigt, der nahezu das Totalverbot von Abtreibungen bedeutet. Zwei weitere Lesungen sollen folgen; die Sache ist also noch nicht entschieden. Viele PolInnen demonstrieren gegen die geplante Verschärfung des ohnehin schon restriktiven Abtreibungsgesetzes. Frauen in ganz Europa solidarisieren sich mit ihnen und nehmen im Internet unter dem Hashtag #CzarnyProtest (schwarzer Protest) teil.

Von 1956 an bis zum Ende des kommunistischen Regimes 1993, hatte Polen ein äußerst freies Abtreibungsrecht. Danach führte der starke Einfluss der katholischen Kirche auf die Politik dazu, dass Schwangerschaftsabbrüche fortan nur noch bei Gefährdung des Lebens der Mutter, schwerer Behinderung oder Krankheit des Fötus sowie bei Fällen von Vergewaltigung oder Inzest erlaubt waren. Polen hat damit bereits heute eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze in Europa. Nach dem neuen Gesetzentwurf soll jedoch ausschließlich die Gefährdung der Mutter eine legale Abtreibung ermöglichen. Außerdem soll das Strafmaß für illegale Abtreibungen auf fünf Jahre erhöht werden – und neben den Ärzten und Ärztinnen sowie HelferInnen nun auch die abtreibenden Frauen selbst betreffen!

Verhütung vs. katholische Kirche

Viele ungewollte Schwangerschaften könnten in Polen verhindert werden, wenn PolitikerInnen nicht die Freiheit der Frauen beschneiden würden, um die Unterstützung der katholischen Kirche zu erhalten. In Schulen gibt es keine Sexualaufklärung, welche die Heranwachsenden über Empfängnisverhütung informiert. Zudem sind Verhütungsmittel in Polen sehr teuer. MedizinerInnen tun sich schwer mit der Verschreibung der Pille. Hinzu kommt die sogenannte Gewissensklausel, die es Ärzten und Ärztinnen nicht nur erlaubt, legale Abtreibungen abzulehnen, sondern selbst das Ausstellen eines Rezeptes für Verhütungsmittel zu verweigern. Apotheken können sich ebenfalls auf diese Klausel berufen.

Ich bin kein Brutkasten

Konservative Männer entscheiden in Polen über moderne Frauen, die unabhängig leben wollen und ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung haben. Der Körper gehört der Frau und nicht dem Staat: nicht er, sondern sie soll somit das Recht haben zu entscheiden, was mit ihrem Unterleib geschieht.

Und Abtreibungsverbote steigern auch generell nicht etwa das Bevölkerungswachstum, wie konservative und nationalistische PolitikerInnen es so gerne darstellen: Nein, im Gegenteil, es kommt als Folge stets zu mehr Sterbefällen und häufigerer Unfruchtbarkeit. Frauen bringen sich in Lebensgefahr, indem sie beispielsweise aus Verzweiflung absichtlich die Treppe runter fallen, um den Zellhaufen in ihrer Gebärmutter zu eliminieren. Frauen sind Menschen und keine Brutmaschinen! Es sollte ihnen selbst überlassen sein, ob sie sich in der Rolle einer Mutter sehen. Uns haben unsere ErzeugerInnen auch nicht gefragt, ob wir existieren möchten oder eben nicht. Wenn eine Frau frei über die Existenz eines Kindes entscheidet, dann hat sie auch das gute Recht, zu entscheiden, dass es nicht existiert.

Das bisherige polnische Abtreibungsgesetz ist für eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts bereits schwer erträglich. Die geplante Verschärfung und vor allem, dass Frauen für illegale Schwangerschaftsabbrüche jetzt auch noch mit fünf Jahren Gefängnis bedroht werden, ist Anlass für einen längst überfälligen Massenprotest. Es bleibt nur eins zu sagen: Frauen und Männer, solidarisiert Euch und demonstriert gegen das Abtreibungsverbot!      

:Katharina Cygan