Die MuslimInnen werden eine Minderheit bleiben
Es gibt keine Islamisierung Europas
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Kein europäisches Land wird in die Nähe einer islamischen Mehrheit kommen. Grafik:ck; Quelle: MDII-graphics-webready-83
Kein europäisches Land wird in die Nähe einer islamischen Mehrheit kommen.

Momentan demon­strieren in Deutschland wöchentlich tausende Menschen „gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Dem islamkritischen bis islamfeindlichen Spektrum der westlichen Welt gilt eine befürchtete Islamisierung – durch die höhere Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung sowie durch Einwanderung – als große Bedrohung. Doch werden die MuslimInnen de facto in keinem Land Europas oder des Westens auch nur annähernd zur Mehrheit werden.

In Deutschland leben etwa vier Millionen MuslimInnen – wenn man die mehr als 500.000 AlevitInnen dazu zählt. Das entspricht fünf Prozent der Bevölkerung. Aber wie viele werden es in den nächsten Jahrzehnten sein? 2011 erfolgte durch das in Washington D.C. ansässige Pew Research Center die bis dato größte und umfangreichste Studie zur weltweiten Entwicklung der muslimischen Bevölkerung. Ein Ergebnis: Im Jahr 2030 werden hierzulande rund fünfeinhalb Millionen MuslimInnen leben, die dann sieben Prozent der Bevölkerung stellen. Die höchsten muslimischen Bevölkerungsanteile in der EU werden mit etwa zehn Prozent Belgien, Frankreich und Schweden haben. Andere Studien aus den Jahren 2010 und 2011 kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Geburtenraten und Einwanderung

Dass die muslimische Bevölkerung in Europa nicht stärker zunehmen wird, liegt an ihrer drastisch gesunkenen Geburtenrate – die weiterhin abnimmt. Beispielsweise hatten türkische EinwandererInnen in Deutschland 1970 noch 4,4 Kinder pro Frau. Heute liegt ihre Geburtenrate bei 2,2 Kindern. Und bei Angehörigen der 2. Generation, den Kindern der ersten hierhin Eingewanderten, liegt die Zahl sogar nur noch knapp über dem Wert von 1,3 Kindern – der Geburtenrate der nicht-muslimischen Bevölkerung. Übrigens betrifft diese Abnahme der Kinderzahl auch die meisten islamischen Länder selbst. In der Türkei haben die Frauen lediglich noch 2,0 Kinder. Die Hauptursache für die sinkenden Geburtenraten ist weltweit die urbanisierte Lebensweise.

Was die Einwanderung von MuslimInnen angeht: Deutschland ist inzwischen zwar das zweitwichtigste Einwanderungsland nach den USA, doch sind die hierhin Einwandernden größtenteils EU-BürgerInnen und Nicht-MuslimInnen. Zudem kommen deutlich mehr Männer als Frauen nach Deutschland (und in andere europäische Länder), was zu niedrigeren Kinderzahlen seitens der Eingewanderten führt. Eine Islamisierung – die Vorherrschaft des Islam! – findet also weder durch die Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung statt, noch durch die Einwanderung. Wohl aber nimmt die Zahl der hiesigen MuslimInnen moderat zu – und damit die Bedeutung des Islam als heimische Religion.

Fakten statt Mythen

Als weiterführende Lektüre zur islamischen Demographie in der westlichen Welt, zur Integration der MuslimInnen (welche besser ist als oft angenommen) sowie zu vorhandenen Problemen sei hier das Buch „Mythos Überfremdung“ von Doug Saunders sehr empfohlen. Insbesondere auch, da Saunders anschaulich aufzeigt, dass die heutigen Ängste vor einer Islamisierung im Westen nichts komplett Neuartiges sind, sondern vergangenen (und vergessenen) Befürchtungen angesichts jüdischer und katholischer Zuwanderung ähneln. Befürchtungen, die sich letztlich als unbegründet erwiesen haben.

:Gastautor Patrick Henkelmann
 

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