Wie sieht's auf der Straße aus?
Es bleibt deutsch in Kaltland
Bild: becc
Symbolbild

Die Stadt hat ihr neustes Kältekonzept vorgestellt. Doch reichen die Maßnahmen aus, um eine Situation wie die im letzten Winter vorzubeugen? 

Der Winter bedeutet immer auch Gefahr. Nicht nur werden Straßen glatt und Schnee verschlechtert die Sicht, auch die Kälte wird immer wieder zum Problem. Die meisten können sich in den eigenen vier Wänden vor Wind, Wetter und Nässe schützen, doch für Menschen ohne Wohnung birgt der Winter eine akute Gefahr für Gesundheit und Leben. Diese Gefahr zu mindern, und den Menschen zu  helfen, ist Aufgabe der Gesellschaft, und Städte und Kommunen bieten verschiedene Konzepte, die Schutzmaßnahmen beinhalten. Dazu, ob diese ausreichen, gibt es jedoch durchaus einigen Dissens. Am 30. November veröffentlichte die Stadt Bochum ihr neustes Kältekonzept. Die letztjährigen Pläne und ihre Umsetzung kamen stark in Kritik, und einige dieser Kritikpunkte wurden im neuen Konzept integriert. Besonders eine breitere Bereitstellung von Tagesaufenthaltsorten fällt dabei auf. Nachdem letztes Jahr vorerst nur ein einziger Raum vorgesehen war, in dem man sich tagsüber aufhalten konnte, und das auch nur für maximal 45 Minuten, gibt es nun mehrere Angebote in der Stadt. Problematisch sei jedoch weiterhin, dass um 16 Uhr bereits der letzte Aufenthaltsraum schließt und die Räumlichkeiten an Wochenenden überhaupt nur bedingt zur Verfügung stehen, schreibt auch der bodo e.V. 

Bei den Unterbringungen und Schlafplätzen für die Nacht sieht es weiterhin jedoch schwierig aus. Wie letztes Jahr öffnen diese erst ab Minusgraden, ein Angebot der BOGESTRA, einen innenstädtischen Bahnhof für diese Zwecke zu öffnen, sogar nur ab -10 Grad. Vereine und Initiativen, die sich für Obdachlose engagieren, prangern das Konzept von Aufenthaltsräumen, die nur für die Nacht öffnen, und die Menschen morgens wieder auf die Straße schicken, grundsätzlich an. Dass vor der Öffnung noch zusätzliche Kriterien erfüllt werden müssen, verbessert das Konzept nicht. In allen Unterkünften gelten dabei 3G-Regeln. Impfteams, die gezielt obdachlose Menschen impfen, sowie Testangebote und Räumlichkeiten für Quarantäne bei positiven Tests sind vorgesehen. Der letzte Winter hat eindrücklich gezeigt, was passiert, wenn das Kältekonzept nicht ausreicht: Als im Februar besonders niedrige Temperaturen und stürmisches Wetter einsetzte, war die Lage dramatisch und potentiell lebensgefährlich. Der bodo e.V. prangerte damals die Zustände an, und eine Reportage des WDR begleitete den Bochumer Obdachlosen Wolfgang Riedel. Diese Reportage zeigte, wie Riedel aufgrund mangelnder Unterkünfte tagsüber dem Wetter komplett ausgeliefert war, und trotz zweistelliger Minustemperaturen, Schnee und Eis den Tag im Freien verbringen musste. Erst danach ergriff die Stadt Maßnahmen und richtete ganztägige Aufenthaltsräume ein.      

Dass es in unserer Gesellschaft überhaupt Obdachlosigkeit, gibt ist ein Armutszeugnis für unser System. Damit, dass man diesen Menschen dann nicht ausreichende Hilfe zur Verfügung stellt, wenn der Winter hereinbricht, ist auch niemandem geholfen. Dass die Unterkünfte erst bei Minusgraden öffnen, zeigt, dass die Würde dieser Menschen kaum im Fokus liegt. Nur das vielleicht Schlimmstmögliche – kältebedingte Todesfälle – zu vermeiden, kann nicht das Ziel sein. Die Bochumer SPD und die Grünen scheinen im Freudentaumel über die Wahlergebnisse und anstehende Beteiligung an der Bundesregierung mal wieder vergessen zu haben, sich darum zu kümmern, dass keine Menschen auf den Straßen frieren müssen. Das wäre noch eine optimistische Auslegung, denn die Alternative wäre, dass es sie einfach nicht
interessiert. 

        :Jan-Krischan Spohr