Milchpreise auf 20 Cent je Kilo gesunken – Wie VerbraucherInnen helfen können
ErzeugerInnen am Existenzminimum
Foto: tom
Milchpreise zu niedrig: Deutsche Hauskatzen als Abnahme­garant ungeeignet. Foto: tom
Milchpreise zu niedrig: Deutsche Hauskatzen als Abnahme­garant ungeeignet.

Der Preis für Milch ist in diesem Mai auf ein neues Rekordtief gefallen – auf bis zu 20 Cent je Kilo. Nun muss die Regierung helfend eingreifen, und zwar mit einem mindestens zweistelligen Millionenbetrag. Das Projekt Green Farmer setzt dort an, wo gesellschaftlich versagt wird: Bei der Wertschätzung der Lebensmittel und der ErzeugerInnen.

Während sich der Preis von Milch noch im Vorjahr auf 30 Cent belief, müssen HerstellerInnen jetzt mehr denn je um ihre Lebensgrundlage bangen. Eine Milchquote, also eine Begrenzung der Produktionsmenge, fordert der BDM (Bundesverband deutscher Milchviehhalter e. V.) dennoch nicht. In der momentanen Situation würde es laut Pressemitteilung des BDM nur helfen, „schnellstmöglich auf europäischer Ebene die Milchmengen zu reduzieren und so den europäischen und globalen Markt zu entlasten.“ Bei der Frühjahrs-Agrarministerkonferenz sei dafür ein Grundstein gelegt worden, indem unter Verwendung staatlicher Beihilfen die Marktbeteiligten die Milchmenge eigenverantwortlich reduzieren dürfen.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und ErnährungBundesminister zum Handeln gezwungen

Laut Carsten Reymann, stellvertretender Pressesprecher des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, wurden seitens Christian Schmidt, Bundeslandwirtschaftsminister, bereits „eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die zur Stabilisierung der schwierigen Marktlage einen Beitrag leisten können“. Darunter fiele eine bessere Angebotssteuerung, eine Unterstützung durch zusätzliche Liquidität in Höhe von insgesamt 178 Millionen Euro und die Erschließung neuer Exportmärkte. 

Zuvor hatten bis zu 350 MilchviehhalterInnen vor dem Wahlkreisbüro des Politikers demonstriert.

Faire Alternative

Green Farmer ist eine Online-Plattform, auf der regionale ProduzentInnen und KundInnen zusammenfinden können. Unter dem Motto „Transparent, ehrlich und direkt“ werden die anonymen Schichten in der Lebensmittelkette entfernt und so die direkte Unterstützung für ErzeugerInnen durch VebraucherInnen ermöglicht. Auf diesem Wege werden faire Preise für beide Seiten garantiert, da Kostenpunkte wie Kartonverpackung und Marge entfallen. 

Laut Borris Förster von Green Farmer ist die derzeitige Milchkrise ein Zustand, „der sich schleichend entwickelt hat“. Mehrere Faktoren, wie zum Beispiel der Wegfall einer Mengenregulierung, das Russland-Embargo (eingeschränkter Import von Lebensmitteln aus der EU) und ein Strukturwandel hätten die Situation eskalieren lassen. 

Wie stark sind aber die Bauern und Bäuerinnen im Netzwerk von Green Farmer betroffen? Förster sagt, dass die Plattform gemeinsam mit den ErzeugerInnen faire Preise aushandelt und diese gemeinsam trägt. Deswegen würden sie sich nie dazu hinreißen lassen, Produkte unter Produktionskosten zu verkaufen, was momentan aufgrund der Überproduktion außerhalb des Projektes der Fall ist. „Wir verkaufen somit nicht nur ein Produkt, sondern eine Einstellungshaltung zum Produkt, und unsere Kunden wissen dies zu schätzen.“

:Tobias Möller

Weitere Infos unter 

www.greenfarmer.de

 

Interview mit Borris Förster, dem Verantwortlichen für die Kommunikation beim Projekt Green Farmer, welches sich vornimmt, regionale ProduzentInnen in der Landwirtschaft zu schützen und zu unterstützen.

:bsz: Könnten sie das Projekt „Green Farmer“ knapp vorstellen? (Motivation, Ziele etc.)

Borris Förster: Mit GreenFarmer.de haben wir gemeinsam mit Landwirten und Erzeugern eine Plattform geschaffen, auf der regionale Produzenten und Kunden zusammenfinden. Transparent, ehrlich und direkt. Ohne Supermarkt, anonyme Händler oder Lagerhallen in der Mitte.

Wir verkürzen den Weg von der Quelle in die Küche und entfernen die vielen anonymen Schichten, die normalerweise zwischen Kunden und Bauern stehen. Weniger Glieder in der Lebensmittelkette bedeuten kürzere Lieferwege und mehr Transparenz. Unser Ziel ist es, den regionalen Einkauf und die Unterstützung für lokale Erzeuger und Landwirte so einfach wie möglich für den Kunden zu machen.

Da wir mit unseren Partner-Erzeugern zusammen unsere und ihre Produkte über Green Farmer online direkt anbieten, ist es erstens wesentlich effizienter als ein Bauernmarkt im herkömmlichen Sinne und zweitens führt Green Farmer zu fairen Preisen für Erzeuger und Kunden zugleich.

Unsere direkte Logistik ist durchschnittlich fünf mal frischer als im Supermarktregal. Laut der 2015er Studie des Institute for Grocery Distribution (IGD Supply Chain Analysis Benchmarking Report) brauchen Supermärkte durchschnittlich 106 Stunden, um Frischwaren von der Quelle ins Regal zu transportieren. Green Farmer benötigt 20 Stunden im Schnitt.

Wie ist ihre Haltung zur „Milchkrise“ und wo sehen sie das Problem?

Die Milchkrise ist ein Zustand, der sich schleichend entwickelt hat. Faktoren wie Wegfall der Mengenregulierung, Russland-Embargo und Strukturwandel haben die Situation eskalieren lassen. Das System war generell schon fragwürdig, aber die Umstände haben gezeigt, wie anfällig unsere Landwirtschaftspolitik ist.

(Anm. der Redaktion: Im Folgenden nimmt Herr Förster Bezug auf einzelne Gesichtspunkte, die zugunsten der Verständlichkeit in Unterkategorien geteilt sind)

Der Landwirt

Anforderungen, Richtlinien bedeuten immer einen Mehraufwand für den Landwirt und dies führt unweigerlich zu Investitionen in größere Einheiten, um die Kosten pro Einheit auf ein mögliches Minimum zu reduzieren. Diese Investitionen werden durch die Bank bereitgestellt und durch die stetig neuen Forderungen müssen kontinuierliche Investitionen getätigt werden, was gänzlich zu einer Abhängigkeit von der Bank Bank führt. Die Rücklagen des Landwirts werden meistens für außerordentliche Tilgungen genutzt, um nicht die kompletten Gewinne zu versteuern. Sein einziger Strohhalm ist seine eigene Arbeitskraft und die seiner Familie. Er zahlt sich kein Gehalt aus, jeder Familienangehörige muss für lau arbeiten und seine Fremdarbeitskräfte werden entlassen. Seine privaten Rücklagen werden komplett aufgebraucht und sein Privatleben wird aufgegeben. Freizeit, Wochenende, Urlaub und Pausen gibt es nicht, denn dieser Landwirt versucht zu überleben. Hinzu kommen der Druck der Bank durch fehlende Liquidität und der Druck der Gesellschaft für mehr Tierwohl. Landwirt am Limit! Keine Motivation, keine Alternative, keine Perspektive!

Die Kuh

Die Milchkuh hat sich in den letzten Jahren durch innovative Züchtung weiterentwickelt und ist zu einer effizienten Hochleistungskuh geworden. Diese Milchkuh frisst Gras, Maissilage und Getreide und gewinnt aus diesen teilweise unverdaulichen Pflanzen für den Menschen Milch und Fleisch. Sie benötigt tägliche Betreuung und eine exzellente Umgebung für Ihre Leistung. Diese Kuh will Milch geben und sie wird Milch geben. Eine Milchkuh, die nicht ausgefüttert wird, gibt nicht einfach weniger Milch, sondern mobilisiert ihre Reserven. Ein Landwirt versucht immer, seine Kuh gesund zu füttern, denn eine gesunde Kuh ist eine leistungsstarke Kuh, eine langlebige Kuh und eine ökonomische Kuh.

Die Politik

Gesetze, Richtlinien und Forderungen an die Milchviehhaltung sind sicherlich im Sinne des Verbrauchers und im Sinne des Tieres. Diese verursachen aber immer einen Mehraufwand, in Form von beispielsweise Zeit und Geld, und müssen dementsprechend vergütet werden beziehungsweise werden meistens durch Wachstum (Produktionskosten senken) ausgeglichen. Wir benötigen Politiker mit landwirtschaftlichem Fachwissen, die eine gemeinsame landwirtschaftliche Richtung angeben und diese bundesweit vertreten. Diese Politiker müssen dabei helfen, Absatzmärkte zu gewinnen und nicht zu zerstören. Die Landwirtschaft benötigt mehr Rückenwind aus der Politik mit dem nötigen Know-How aus der Landwirtschaft.

Der Handel

Der Handel könnte die wichtigste Rolle in der Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette einnehmen. Durch Transparenz, faire Preise und qualitativ hochwertige Produkte könnte eine neue Wertschätzung für Lebensmittel entstehen. Derzeit sind Billigpreise, Geiz ist geil, Sonderangebote und so weiter in den Köpfen der Verbraucher verankert. Wir benötigen einen Handel mit mehr Herz, mit Respekt für Lebensmittel, Achtung der Menschenwürde und einen Blick für das große Ganze. Ein Lebensmittel unter dem Erzeugerpreis zu verkaufen ist unmenschlich, nicht nachhaltig und dient somit nur dem Einzelnen und nicht der Gesellschaft.

Die Molkerei

Die Molkerei ist in den meisten Fällen eine Genossenschaft. Die Genossenschaft vertritt die Landwirte und dient somit den Landwirten. Es kann also keine wirkliche Kritik an der Molkerei geben, sondern lediglich eine Kritik an dem Vorstand oder an der Geschäftsführung der Molkerei. Dies sollte aber in einem funktionierenden System durch die Genossen (Landwirte) selber geschehen.

Der vor- und nachgelagerte Bereich der Landwirtschaft

Dieser Bereich wird meistens nicht in Krisen erwähnt, ist aber aus unserer Sicht absolut notwendig. An der Landwirtschaft wird viel Geld verdient, unter anderem durch Futterhändler, Behörden, Kammern, Tierschützer, Händler, Techniker, Bauunternehmen und so weiter. Die Landwirtschaft bietet vielen Verbrauchern Arbeitsplätze und ist somit ein nicht wegzudenkender Teil der Gesellschaft.

Die Verbraucher

Jeder Verbraucher ist gut informiert. Wir leben in einem Zeitalter von Informationen in Hülle und Fülle. Leider reicht eine Information meistens nicht aus, um eine komplette Situation zu begreifen und zu verstehen. Die Landwirtschaft ist ein solch komplexes System, dass nur Teilbereiche verstanden werden können und dies führt unweigerlich zu Missverständnissen und verhärtet die Fronten zwischen Landwirt und Verbraucher. Wir plädieren auf konstruktive Kommunikation rund um das Thema Landwirtschaft und auf eine gemeinsame Zusammenarbeit in der gesamten Wertschöpfungskette.

Milch

Milch ist ein Produkt mit einem hohen Nährwert und einem hohen Wassergehalt, es ist ein Lebensmittel mit vielen Besonderheiten und ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Trotzdem wird dieses Lebensmittel immer wieder kontrovers diskutiert und nicht genügend wertgeschätzt. Ein Auszahlungspreis unter dem Produktionspreis ist aus unserer Sicht nicht konform mit der Gesellschaftspolitik und diskriminiert ein solches besonderes Produkt.

Halten sie die Wiedereinführung einer Quote für sinnvoll? Der BDM (Bund deutscher Milchviehhalter) pocht offensichtlich nicht darauf.

Der europäische Milchmarkt unterliegt seit 2007 starken Preisschwankungen und damit weit vor Abschaffung des Milchquotensystems. Eine nur in Europa vorgenommene Kürzung der Produktionsmengen würde aus unserer Sicht nicht die erwünschten Effekte auf dem Weltmarkt haben. An der Einbindung der europäischen Milcherzeuger in den Weltmarkt und an der damit verbundenen starken Preisvolatilität würden auf die EU begrenzte Ansätze zur Mengensteuerung zudem überhaupt nichts ändern. Wir müssen die Debatte um Mengensteuerung endlich beenden und nach wirksamen Lösungen suchen.

Sind die Milchbauern und Milchbäuerinnen in ihrem Shop ebenso vom derzeitigen Niedrigpreis betroffen? Wenn nein: Wie trägt ihr Modell dazu bei (auch im Allgemeinen), ErzeugerInnen finanziell zu schützen bzw. abzusichern?

Wir unterstützen unsere Milchbauern, indem wir einen fairen Preis mit den Milchbauern aushandeln und diesen gemeinsam tragen. Wir benötigen eine faire Kommunikation entlang der kompletten Wertschöpfungskette und natürlich gegenüber unserem Kunden. Deswegen werden wir kein Produkt unter den Produktionskosten anbieten, sei noch so viel Milch am Markt. Wir verkaufen somit nicht nur ein Produkt, sondern eine Einstellungshaltung zum Produkt, und unsere Kunden wissen dies zu schätzen.

Welche preislichen Kompromisse muss ein Kunde bei ihnen im Vergleich zu einem regulären Supermarktbesuch eingehen?

Green Farmer ist ein Online-Bauernmarkt von Landwirten für ernährungsbewusste und regional verbundene Menschen. Ein „Kompromiss“ würde bedeuten, dass eine Seite kein Optimum erreicht. Die Realität ist jedoch das genaue Gegenteil. Der Kunde zahlt einen fairen Preis, der dem Lebensmittel und dessen Erzeugungsaufwand gerecht wird, und bekommt hierfür ein Produkt von höchster Qualität mit absolut durchgängiger Transparenz. Die Frage, die sich eigentlich stellt, ist: Warum gehen Verbraucher den „Kompromiss“ im Supermarkt ein, wenn man zu ähnlichen Preisen auch regional einkaufen kann?

Wir bewegen uns preislich etwas unter dem Niveau eines traditionellen Wochenmarktes.

Welche Kriterien muss einE ErzeugerIn erfüllen, um in ihren Shop aufgenommen zu werden?

Jeder Erzeuger ist individuell zu betrachten und die Palette an innovativen Ansätzen und Nachhaltigkeitsaspekten auf den einzelnen Betrieben ist sehr vielfältig und beeindruckend. Wichtig dabei ist die Kommunikation zum Kunden, denn dieser kann sich von jedem Betrieb ein eigenes Bild machen und später frei wählen. Einzige Voraussetzung ist die Regionalität des Erzeugers, aber durch unsere Ausdehnung in andere Gebiete können bald auch andere Erzeuger ein Teil von uns werden.

Wir setzen ausschließlich auf Familien- und Kleinbetriebe. Wir bevorzugen Erzeuger, die einen Kreislauf schaffen und unterstützen sie dabei. Ein Beispiel ist unser Bäcker, der seinen Dinkel 800 Meter von seiner Bäckerei entfernt bei einem anderen Erzeuger anbaut.

Unsere Kernwerte, nach denen wir gemeinsam mit unseren Partnerbetrieben handeln, sind:

1. Faire Preise

2. 100 % Transparenz

3. Schwerpunkt auf regionalem Bezug

4. Förderung des Austausches zwischen Erzeugern und Kunden

5. Förderung der regionalen Landwirtschaft, Kleinerzeuger und damit verbundenen Arbeitsplätze

Wie studierendenfreundlich sind ihre Preise? Bedienen sie auch kleine Bestellungen? Gibt es „aussortierte“ Produkte, deren Haltbarkeit nicht mehr lang garantiert werden kann, und die somit reduziert angeboten werden kann?

Green-Farmer-Preise sind „lebensmittelfreundlich“ und schätzen das Tier sowie den Erzeuger. „Studierendenfreundliche“ Preise existieren für Lebensmittel nicht. Es gibt Preise, die Lebensmittel und die Erzeuger dahinter wertschätzen. Und es gibt Preise, die tun dies nicht.

Unsere Kunden schätzen unsere Einstellungshaltung zu Lebensmitteln. Deutsche geben nur noch ca. 10 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, somit sind wir unter den Ländern mit der geringsten Wertschätzung für Lebensmittel. Unsere Preise entsprechen einer fairen Verteilung entlang der kompletten Wertschöpfungskette.

Um wirtschaftlicher arbeiten zu können, liegt der Mindestbestellwert aktuell bei 30 Euro. Für studierende in WGs bietet sich da natürlich die gemeinsame Bestellung an. Zumal ab 75 Euro auch die Lieferkosten entfallen.

Nach der Bestellung des Kunden über unser Portal wird die Bestellung an unsere Erzeuger weitergeleitet und dann von Green Farmer abgeholt und ausgeliefert. Wir haben somit keine Lagerung und auch keine aussortierten Produkte. Unsere Produkte sind immer frisch vom Erzeuger.