Premiere der Bühnenadaption von „Hass“ an der Rottstr5
Erst der Sexismus, dann die Revolte
Foto: Michalak
Armut und Unterdrückung aus weiblicher Sicht: Auf der Rottstr5-Bühne feierte das Stück „Hass“ Premiere. Foto: Michalak
Armut und Unterdrückung aus weiblicher Sicht: Auf der Rottstr5-Bühne feierte das Stück „Hass“ Premiere.

Armut, Perspektivlosigkeit, Hass: Frei nach dem gleichnamigen Film feierte das Stück „Hass“  an der Rottstr5 Premiere.

Nur lautlos ballert sie mit dem Finger in den Raum. Aber endlich gibt eine Frau den De Niro. Die Szene aus „Taxi Driver“, in der der Amokläufer Travis Bickle mit einer Pistole auf sein eigenes Spiegelbild zielt („You talkin‘ to me?“), hat sich ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt – Entfremdung und Wut verdichten sich in einer verstörenden Geste. Auch Mathieu Kassovitz zitierte in „La Haine“ („Der Hass“) diese Szene, in der eines der Banlieue-Kids mit fingierter Knarre vor dem Spiegel steht. Fast selbstverständlich, dass diese Performance auch nicht in der Bühnenadaption an der Rottstr5 fehlen durfte: „Hier ist eine Frau, die sich nicht mehr alles gefallen lässt“, sagt Rachel (Fiona Ferick). „Hier ist eine Frau, die sich wehrt.“ Dann drückt sie den imaginären Abzug. 

Weibliche Wut

Mathieu Kassovitz’ „La Haine“ ist ein Schlüsselwerk des jeune cinema français, das vor 20 Jahren schonungslos die Situation ausgegrenzter Jugendlicher in einem multikulturellen und von Armut geprägten Pariser Vorort zeigte: Perspektivlosigkeit, Kriminalität, Polizeigewalt. Regisseurin Nermina Kukic brachte die Filmvorlage nun mit komplett weiblicher Besetzung auf die Bühne: die drei jungen Frauen leben in zerrütten Familien, erleben nach der Ermordung einer Jugendlichen in ihrem Viertel die jüngsten Krawalle und erfahren neben der täglichen Armut auch sexistische Unterdrückung. 

Zwar ist das Moment der Krawalle, der Eskalation auch auf der Bühne stets allgegenwärtig – schon zu Beginn wird eine Montage von Straßenschlachten gezeigt – doch anders als im Film rast das Geschehen nicht auf die Katastrophe zu. Regisseurin Nermina Kukic nimmt sich Zeit, die Gefühle ihrer drei Hauptprotagonistinnen herauszuarbeiten: sie erzählen von ihren Ängsten, Träumen, Hoffnungen. Die Dialoge sind holprig, unkorrekt, derb, direkt – es drückt die Situation junger Frauen in der ArbeiterInnenklasse aus, sie sind von Armut und Unterdrückung meist besonders hart betroffen. Auch die drei Frauenfiguren wollen eigentlich nur eins: aus dem Viertel rauskommen, Sexismus und Ausbeutung  entfliehen. Dann fallen doch laute  Schüsse. 

Die nächste Vorstellung von „Hass“ wird am 3. Oktober aufgeführt.

:Benjamin Trilling