Straßenmagazin „bodo“ lud zum Rollentausch ein
Einmal obdachlos und zurück
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Einmal erleben, wie sich einE StraßenmagazinverkäuferIn fühlt: Hochmotiviert nehmen zwei BFD-lerinnen Klaus (rechts) für einen Tag die Arbeit ab. Foto: mar
Einmal erleben, wie sich einE StraßenmagazinverkäuferIn fühlt: Hochmotiviert nehmen zwei BFD-lerinnen Klaus (rechts) für einen Tag die Arbeit ab.

Es war ein wenig wie in dem Film „Die Glücksritter“, in dem der Multimillionär Dan Aykroyd unversehens seinen Status und Reichtum mit dem Bettler Eddie Murphy tauscht: Das Straßenmagazin „bodo“ lud ein, sich einen Tag lang als VerkäuferIn der Zeitschrift zu versuchen und so Ablehnung und Kälte, aber auch Bestätigung zu erfahren. Knapp dreißig Menschen reflektierten über ihre eigene Situation und die der „bodo“-VerkäuferInnen; eine größere Öffentlichkeit wurde somit auf soziale Probleme aufmerksam gemacht.

„Man kann ganz schnell selbst in so eine Situation geraten“, sagt Elisabeth Wadle, eine „Obdachlose auf Probe“. Sie ist sich der Unwahrscheinlichkeit eines westeuropäischen mittelständischen Lebens bewusst: „Man muss viel Glück haben, in ein Land wie Deutschland und in die entsprechenden sozialen Schichten reingeboren zu werden.“ Die Krankenschwester aus Bochum will sich deshalb in die Situation eines/einer „bodo“-Verkäuferin hineinversetzen und sehen, wie die Menschen auf sie reagieren.

Wenn ich Dich nicht sehe, bist Du auch nicht da

Die Reaktionen der PassantInnen sind unterschiedlich, doch überall, ob an der Drehscheibe, am Husemannplatz, auf dem Dr.-Ruer-Platz oder im Bermuda­dreieck, gehen die meisten Menschen zügig vorbei. „Ich habe Dich überhaupt nicht gesehen“, sagen ihre Blicke, während ihre Schritte schneller werden. Es gibt durchaus auch nette Menschen, die freundlich ablehnen. Negative Erfahrungen bleiben natürlich auch nicht aus, weiß Klaus zu berichten, der seit mehr als zehn Jahren die Straßenzeitung verkauft und somit als alter Hase die AktionsteilnehmerInnen ein wenig an die Hand nimmt. „Dann gibt es aber auch Leute, die sind böse, wenn Du sie nur anguckst“, erzählt er. „Aber das sind zum Glück sehr wenige, vielleicht einer, zwei von tausend.“

Dann gibt es natürlich noch diejenigen InnenstadtbummlerInnen, die den „bodo“ kaufen – doch das sind leider die wenigsten.

Überwindung und Hartnäckigkeit sind gefragt

Norbert R. aus Bochum hat deswegen spätestens seit diesem Tag großen Respekt vor den VerkäuferInnen des Straßenmagazins: „Nach zehn Minuten ohne einen Verkauf noch zu bleiben und weiterzumachen … da hab ich jetzt schon Hochachtung!“ Vielleicht geht er nicht offen genug auf die Menschen zu, vielleicht ist seine Position vor der Hauptsparkasse schlecht gewählt, zweifelt er. Dennoch will er mehrere Stunden bis zum Ende des Aktionstages um 16 Uhr durchhalten: „Der  Eindruck soll schließlich komplett sein, und das ist er erst am Ende des Tages.“ Ihn erwarten vier Stunden lang „Ich hab kein Kleingeld“, „Das ist mir zu teuer“ und der Klassiker „Brauch‘ ich nicht“ sowie viele weitere Ausreden.

Eine junge Teilnehmerin, die mit den meisten der knapp 30 Kurzzeitbedürftigen im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienst-Seminars an der Aktion teilnimmt, gibt zu, dass sie StraßenzeitungsverkäuferInnen selbst bisweilen ignorierte. Nun reflektieren sie darüber, wie man sich den VerkäuferInnen gegenüber verhält, pflichtet ihr eine weitere BFD-lerin bei.

Publicity für den guten Zweck

Damit sei immerhin ein Ziel der Aktion erfüllt. Neben der Reflexion des/der Einzelnen gehe es aber auch um die Breitenwirkung, erklärt Bastian Pütter vom bodo e. V. Mit dem Rollentausch solle auf bodo aufmerksam gemacht werden – neue Gesichter, die vielleicht gar nicht nach den üblichen bodo-VerkäuferInnen aussehen und dadurch auffallen – und damit mittelbar darauf, wofür sich der gemeinnützige Verein einsetzt: dass es Menschen in Notlagen gibt, die Unterstützung brauchen, die Mut schöpfen müssen.

50 Prozent gehen direkt an die VerkäuferInnen

bodo e. V. hilft diesen Menschen. Kernprojekt des Vereins ist das Straßenmagazin bodo, das von einer professionellen Redaktion produziert und von Menschen in Notlagen – vor allem Obdach- und Wohnungslosen – auf der Straße verkauft wird. Von den 2,50 Euro, die eine Ausgabe kostet, dürfen die VerkäuferInnen die Hälfte behalten.

Themen der aktuellen Ausgabe sind unter anderem der „Tatort“-Schauspieler Joe Bausch sowie der Mythos der „Zigeuner“ in Europa.
 

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