Ein Portrait: Detroits Absturz und der Versuch wieder aufzustehen
Eine Stadt gibt nicht auf
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Aufstieg und Fall einer Weltstadt: Die 60er-Jahre sind der Anfang vom Ende Detroits. Grafik: ck
Aufstieg und Fall einer Weltstadt: Die 60er-Jahre sind der Anfang vom Ende Detroits.

Im Dezember des vergangenen Jahres legte die Beratungsgesellschaft Ernst & Young eine Studie vor, aus der hervorgeht, dass fast jede dritte deutsche Großstadt stark verschuldet ist. Wenig überraschend, denn die desaströse Finanzsituation vieler deutscher Kommunen ist ein offenes Geheimnis. Trotzdem drehen sich die Räder irgendwie weiter. Was jedoch passiert, wenn die Kassen komplett leer und die Schulden unbezahlbar hoch sind, musste die amerikanische Metropole Detroit im vergangenen Jahr am eigenen Leib erfahren. Im Sommer 2013 erklärte die Stadt, die einst das Zugpferd der amerikanischen Automobilindustrie war, dass sie zahlungsunfähig ist. Ein Rückblick, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte –  und wie Detroit nun den Neustart wagt.

Gegründet wurde Detroit am 24. Juli 1701 von dem französischen Kapitän Antoine de la Mothe Cadillac als Ville d’Etroit (dt.: Stadt an der Meerenge). Gelegen am Ausfluss des Lake Erie war Detroit eine der letzten Befestigungen die 1760, während des „Franzosen- und Indianerkriegs“ (1754–1763), von den Briten besetzt wurde.

Seit Beginn der Volkszählung im Jahr 1840 nahm die Zahl der Einwohner stetig zu. 1950 lebten in der „Motor City“, der Heimat vieler amerikanischer Automobilhersteller (General Motors, Ford und Chrysler), über 1,8 Millionen Menschen – eine Zahl, die Detroit nicht halten konnte. Nach 1950 sank die Zahl der Einwohner zusehends. 2010 lebten nur noch 713.777 Menschen in der Stadt am Detroit River.

Eine Stadt stirbt aus

In den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Detroit eine Stadt der Rekorde. Hohe Zuwanderungszahlen stillten den steigenden Bedarf nach Arbeitskräften und sorgten für wirtschaftlichen Aufschwung. Viele der Zugewanderten ließen sich jedoch in den Vororten rund um Detroit nieder und pendelten zur Arbeit – die Stadt konnte finanziell nicht von der Migration profitieren.

In den 1960er Jahren kämpfte die Stadt mit hohen Kriminalitätsraten und einem sich immer weiter forcierenden Bevölkerungsschwund. Beschleunigt wurde dieser Schwund durch Tumulte und Unruhen – 1967 kamen bei Ausschreitungen 43 Menschen ums Leben. Bedingt durch die hohe Kriminalität und einen durch wirtschaftlichen Abschwung verursachten Anstieg der Arbeitslosigkeit, verlor die Stadt zwischen 2000 und 2010 knapp 25 Prozent ihrer Einwohner – die Folge waren Leerstände und eine Zersetzung ganzer Stadtteile. 

Eine Stadt geht Bankrott

Die Ursachen für den Absturz der Auto-Metropole sind vielfältig. Misswirtschaft, Rezession, Wirtschaftskrise, Kriminalität, Verfall und ein massiver Rückgang der Bevölkerung und damit verbundene Steuereinbußen umreißen das Paket, welches Detroit in die Insolvenz trieb. Wie hoch die Schulden tatsächlich sind, lässt sich nur abschätzen. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ soll ein realistischer Wert irgendwo zwischen 18,5 und 20 Milliarden US-Dollar liegen – eine stolze Summe.

2012 wurden 411 EinwohnerInnen Opfer von Tötungsdelikten von denen nur 8,7 Prozent der Fälle aufgeklärt werden konnten – dies geht aus dem 16-seitigen Insolvenzantrag der Stadt hervor. Katastrophal wenn man bedenkt, dass es im zwölfmal größeren New York ähnlich viele Verbrechen mit Todesfolge gab. Bereits vor dem Insolvenzantrag versuchte die Stadt mit Sparmaßnahmen, die drohende Katastrophe abzuwenden. Gespart wurde bei öffentlichen Einrichtungen und vor allem bei Institutionen wie der Polizei, der Feuerwehr und den Entsorgern – vielleicht nicht die beste Idee, wenn man sich die Kriminal- und Kommunalstatistik ansieht.

Eine Stadt verändert sich

Aktuell ist die Arbeitslosigkeit in Detroit doppelt so hoch wie im Landesschnitt – ein Umstand, der die Rehabilitation der maroden Kommune erschwert. Leidtragende der Pleite sind die Einwohner, die zurückgeblieben sind und sich mit den neuen Lebensumständen arrangieren müssen.
Wie es sich in einer Stadt lebt, in der niemand leben will, in der die Busse nur sporadisch fahren und die Polizei eher selten zu sehen ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Seit einigen Jahren versucht die Bevölkerung von Detroit mit zahlreichen Projekten, ihre strauchelnde Kommune zu stützen. Ehrenamtliche Gruppen möbeln ganze Straßenzüge auf, renovieren Häuser und legen gemeinnützige Gärten an um den Grundbedarf an Nahrungsmitteln zu decken – geholfen hat es bisher wenig. Lediglich Investoren und Spekulanten profitieren aktuell von der Krise. Bedingt durch günstige Immobilien- und Grundstückspreise wittern diese große Gewinne – vorausgesetzt Detroit erholt sich.