Der feministische Kampftag, ein Tag mit über hundertjähriger Tradition
Ein Tag des Kampfes
Bild: bena
Symbolbild

Feminismus. Der feministische Kampftag hat seine Wurzeln in Arbeiter:innenkämpfen und sozialistischen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, eine Tradition, die manchmal in Vergessenheit zu geraten scheint.

Der Internationale Frauentag, der mittlerweile als feministischer Kampftag bekannt ist, hat eine lange Geschichte. FLINTA*-Personen (female, lesbian, intersex, non-binary, agender, *) sind systematisch benachteiligt und heutzutage sind „Nieder mit dem Patriachat!“ Parolen, die es nicht nur auf Demonstrationen des feministischen Kampftags zu hören gibt. Doch um zu verstehen, warum der feministische Kampftag früher als Internationaler Frauentag bekannt war und warum nun FLINTA*-Personen und nicht „nur“ cis-Frauen gefeiert werden, muss man einen Blick auf die lange Geschichte des feministischen Kampftages werfen.
Die Entstehung des feministischen Kampftags hat ihre Wurzeln in dem Kampf um das Frauenwahlrecht weltweit. Dieser Kampf begann schon vor der Industrialisierung, beispielsweise während der Französischen Revolution, als im September 1791 die erste „moderne“ Kämpferin für das Frauenwahlrecht, Olympe de Gouges, die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ veröffentlichte. De Gouges wurde 1893 aufgrund ihrer Feindschaft zu Robespierre hingerichtet. Bei dem Kampf um das Wahlrecht ist es essenziell, zwischen dem aktiven und dem passiven Wahlrecht zu unterscheiden. Denn das aktive Wahlrecht, also die Erlaubnis, Delegierte zu wählen,  wurde für Frauen in einigen Ländern schon früher etabliert. Beispielsweise konnten Frauen in den Niederlanden dank des aktiven Wahlrechtes ab 1917 wählen. 1918 wurde ein Gesetzentwurf für das aktive Wahlrecht, das Recht gewählt zu werden, ins Parlament gebracht und am 18. September 1919 gebilligt. Dadurch, dass das passive Wahlrecht bereits ab 1917 galt, konnten auch Frauen bei diesem Gesetzentwurf mitentscheiden.
Ein Name, der im Kontext der Frauenbewegung im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle spielt, ist Clara Zetkin. Zetkin war nicht nur Politikerin in der damaligen SPD und Mitbegründerin der sich von ihr abspaltenden KPD, sondern auch Publizistin und Theoretikerin. 1889 ist Zetkin eine von sechs weiblichen der insgesamt 400 Delegierten auf dem Gründungskongress der II. Internationale in Paris. Dort hält sie ihre Rede „Die Arbeiterinnen – und Frauenfrage der Gegenwart“, die den Aspekt der Klasse in die Frauenfrage mit einbringt. Die Frage der Klasse, die Arbeiter:innenbewegung sowie die Russische Revolution  von 1917 spielen eine tragende Rolle in der feministischen Geschichte, so bezieht sich das Datum des 8. März auf einen Frauenstreik, der in diesem Jahr stattfand, und den Ende des Weltkrieges forderte. Diese Ereignisse sind die Trittsteine, die zu Erfolgen wie die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen führen. Auf dieser Konferenz wird der Internationale Frauentag initiiert, der 1911 unter dem Motto „Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ veranstaltet wird.  

In „westlichen“ kapitalistischen Nationen, konnte der Tag nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum letzten Viertel des 20. Jahrhunderts kaum Fuß fassen. Der Antikommunismus der USA, wie auch das Misstrauen gegenüber ostdeutschen Traditionen in der BRD ließen ihn immer mehr in Vergessenheit geraten. Erst die neue Frauenbewegung der 60er Jahre schaffte wieder Bewusstsein und das Verlangen nach einem Tag, der die aktuellen so wie historischen Errungenschaften und Probleme von Frauen würdigt, primär in Europa. Der Name „Frauenkampftag“ tauchte in diesem Kontext zuerst auf, und nahm erneut radikalere Züge an.
Die Abkehr von einer Vergangenheit als sozialistischer Feiertag mit enger Verbindung zu den Kämpfen arbeitender Frauen schritt auf der anderen Seite voran, und als die Vereinten Nationen für 1975 das Jahr der Frau ausriefen und zwei Jahre später eine Resolution verabschiedete, die alle Staaten dazu aufrief, einen Tag als „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ zu designieren, verbreiteten die Feierlichkeiten sich weiter unter den Staaten der Welt. Die UN selbst stellten sich zumindest mit dem Datum in die Tradition der sozialistischen Bewegung und legten den 8. März fest. Seit 1996 steht der Tag auch unter einem Motto, welches die UN Jahr für Jahr offiziell festlegt, beispielsweise 2004 „Frauen und HIV/AIDS“ und 2008 „Investing in Women and Girls“. 2017 gab es am 8. März den „Day Without a Woman“ Streik, an dem Frauen dazu aufgefordert wurden weltweit ihre Arbeit niederzulegen, was unter anderem dazu führte, dass in den USA Schulen geschlossen werden mussten. Der Internationale Frauentag, und speziell die „offiziellen“ Feierlichkeiten, steht in vielen Kreisen mittlerweile in der Kritik. Fokussiert wird sich dabei primär auf die Kommerzialisierung und die Beteiligung großer Konzerne, deren Engagement über Lippenbekenntnisse zu Frauenrechten selten hinausgeht. Wie auch in den kommunistischen und sozialistischen Ländern habe sich der Tag zu sehr zu einer alljährlichen Feierlichkeit, statt zu einem Tag des Kampfes entwickelt, eine Veränderung, die der Christopher Street Day auch durchmachte. Auch deshalb verlangen viele eine Rückbesinnung zu den Werten, auf denen die Entstehung dieses Tages fußt.

 

Der Name

Während der mittlerweile über 110-jährigen Geschichte des Internationalen Frauentages änderte sich vieles, unter anderem auch der Name. Während anfangs noch der Name „National Woman‘s Day“ geläufig war, wurde der Tag von Sozialist:innen als „Internationaler Frauentag“ im frühen 20. Jahrhundert etabliert und ist auch heute noch der geläufigste Name. Der Aspekt des Kampfes trat mit dem Namen „Frauenkampftag“ ab den 1960ern noch deutlicher in Erscheinung. Vor allem in Anbetracht der fortschreitenden Kommerzialisierung soll damit an die ursprüngliche Intention des Tages erinnert werden. Da auch die Unterdrückung von beispielsweise nicht-binären, intersexuellen Menschen und Transmännern  mittlerweile von vielen feministischen Gruppen und Feminist:innen in den Fokus gerückt werden, ist mittlerweile in radikalen und queerfeminstischen Kreisen der Name „Feministischer Kampftag“ geläufig, um die Intersektionalität des Tages zu unterstreichen.

 

:Augustina Berger & Jan-Krischan Spohr